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F.A.Z.-Leser helfen : „Das Beste aus seinem Leben machen“

  • -Aktualisiert am

Das Ziel fest im Blick: Deutsch lernt Fyori erst seit vier Jahren. Nach dem Abitur will sie ein Studium beginnen. Bild: Wolfgang Eilmes

Fyori Haptegargish ist mit 16 Jahren nach Deutschland gekommen, bald macht sie ihr Abitur. Nachhilfe bekommt sie im Mädchenbüro Milena – auch in Sachen Selbstvertrauen.

          3 Min.

          Man muss anfangs schon ziemlich genau hinhören, um zu bemerken, dass Fyori Haptegargish Deutsch nicht als Muttersprache spricht. Sie ist groß, bildhübsch und zieht jeden Gesprächspartner durch ein freundliches Lächeln und ihre offene Art sofort in ihren Bann. Geboren ist sie in Saudi-Arabien, wo ihre eritreischen Eltern gearbeitet haben, die Mutter als Putzfrau, der Vater in der Wasserversorgung. Vor vier Jahren dann machte sich die Mutter mit den beiden Töchtern und dem jüngeren Sohn auf nach Deutschland, der Vater kehrte nach Eritrea zurück, wo ein Großteil der Familie lebt.

          In Sontra landete die Familie zunächst, wurde nach drei Monaten aber nach Frankfurt geschickt, weil die Mutter dringend operiert werden musste. Ein Glück für Haptegargish. Denn hier hat sie Anschluss gefunden. Auch dank der Integrationseinrichtung „Milena“, in der Frauen und Mädchen mit und ohne Fluchthintergrund seit 2014 eine Anlaufstelle finden. Bei Milena sollen die Frauen lernen, sich selbst zu behaupten und sich in dem fremden Land mit seiner fremden Kultur und der fremden Sprache zurechtzufinden und selbstbewusst den eigenen Weg einzuschlagen. Diese Zeitung unterstützt das Mädchenbüro mit Spenden der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“. Denn die Integrationseinrichtung ist umgezogen. Statt in Rödelheim ist sie nun in Bockenheim zu finden. Seit November steht den Frauen und Mädchen mehr Platz zur Verfügung. Und der wird dringend benötigt. Denn täglich kommen mehr Besucherinnen in die Integrationseinrichtung, die es sich zum Ziel gemacht hat, durch schnelle, unbürokratische Hilfsangebote den Frauen und Mädchen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Sprachkurse werden angeboten – und ganz oft auch „praktische Lebenshilfe“.

          Auch Haptegargish ist hier seit einigen Jahren regelmäßig zu Gast. Seither fällt ihr das Leben in Deutschland leichter. Denn der Anfang war anstrengend. In einer Intensivklasse der Georg-Büchner-Schule lernte sie sehr schnell Deutsch und konnte bereits nach einem Jahr die Hauptschulabschlussprüfung erfolgreich bestehen. Im zweiten Jahr besuchte sie schon die normale zehnte Klasse und wechselte anschließend in die Oberstufe der Max-Beckmann-Schule, wo die Zwanzigjährige nun die 12. Klasse besucht. Ihre Bildungslaufbahn ist außergewöhnlich, denn nur wenige Flüchtlingskinder schaffen so schnell und reibungslos den Einstieg in das deutsche Bildungssystem.

          „Ich kann hier über alles reden“

          Durch einen Unterrichtsbesuch durch zwei Sozialpädagoginnen habe sie überhaupt erst erfahren, dass es das Mädchenbüro gibt. „Ich habe erwartet, dass das so etwas wie ein Deutschkurs ist“, erzählt sie, fuhr hin und fand viel mehr vor, als sie sich ausgemalt hatte. Ihre Deutschkenntnisse und Schulleistungen verbesserten sich durch die Unterstützung, die sie dort erfuhr. Sie fand in den Betreuerinnen wichtige Freundinnen, die ihr und ihrer Familie den Start ins Leben in Deutschland wesentlich erleichtert haben. „Ich kann hier über alles reden“, sagt sie. Im Mädchenbüro habe sie auch gelernt, „wie man mit Menschen ganz verschiedener Nationalitäten und Herkunft umgeht“. Aber auch, welche Rechte sie hat und an welche Behörden sie sich wenden muss, wenn die Familie eine Wohnung braucht. „Ich konnte hier nicht nur mein Deutsch schnell verbessern, sondern mich integrieren und das Beste aus meinem Leben machen“, sagt sie heute selbstbewusst.

          In zwei kleinen Hotelzimmern in der Nordweststadt lebt die vierköpfige Familie Haptegargish. Bei dieser Lösung, die die Stadt Frankfurt für die Familie gefunden hat, handelt es sich um eine typische Form der Flüchtlingsunterbringung. Einen festen Platz, um Hausaufgaben zu machen, Referate vorzubereiten oder für das Abitur zu lernen, hat die junge Frau in dem Hotelzimmer nicht. Seit sie ihre Hausaufgaben im Mädchenbüro erledigen kann, hat sich die Situation in ihrem provisorischen Zuhause entspannt.

          Die Mutter musste mehrfach an den Bandscheiben operiert werden, kann sich kaum bewegen und sich deshalb auch nicht um Behördengänge und Einkäufe kümmern. Das alles erledigt Haptegargish noch nebenbei, wirkt fast beschämt, wenn man sie darauf anspricht. Die ältere Schwester mache eine Ausbildung zur Hotelfachfrau, der Bruder sei doch erst 16 Jahre alt und müsse jetzt zunächst einmal den Hauptschulabschluss machen. Der Bruder, ein kleiner Prinz im Drei-Frauen-Haushalt? Haptegargish lacht. „Ja, genau so ist es!“ Die Zwanzigjährige träumt von einem Jura- oder Wirtschafts-Studium, ein Praktikum bei einer Rechtsanwältin in Frankfurt, die auf Ausländerrecht spezialisiert ist, hat sie für sich bereits organisiert.

          Eine schwierige Sprache

          Bevor sie in Frankfurt zur Schule gehen konnte, hatte das eritreische Mädchen aus Saudi-Arabien große Angst davor, dass sie in Deutschland ausgeschlossen werden würde. „Aber die Schüler an meiner Schule sind so offen, und wenn ich einen Fehler mache, dann helfen sie mir.“

          Denn obwohl sie sehr flüssig und gut Deutsch spricht, hat sie beim Verstehen schwieriger Texte und beim Verfassen komplexer Aufsätze noch einige Schwierigkeiten. Aber vor allem in Mathematik ist sie gut – denn da muss man sich nicht mit Grammatik plagen. „Das war auch schon in Saudi-Arabien mein Lieblingsfach“, erklärt sie.

          Eine Handvoll junger Frauen, die das Mädchenbüro besuchen, werden bald ihr Abitur machen. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr. „Wir bekommen hier sehr viel Unterstützung“, sagt Haptegargish. Trotzdem habe sie in der neunten und zehnten Klasse nicht daran geglaubt, jemals die Oberstufe besuchen zu können. Obwohl sie immer gut in der Schule gewesen sei, habe ihr in der völlig neuen Umgebung, in einem fremden Land, dessen Sprache sie überhaupt nicht sprach, zunächst das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gefehlt, erinnert sich die Zwanzigjährige. „Aber die Betreuerinnen haben mich aufgebaut.“

          Einen virtuellen Rundgang durch die neuen Räume des Mädchenbüros Milena gibt es im Video auf www.faz.net.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für das Frankfurter Mädchenbüro Milena, das sich der Integration von Mädchen und Frauen mit und ohne Fluchthintergrund verschrieben hat sowie für die in Bensheim ansässige Christoffel- Blindenmission, die Augenkliniken in Kenia unterstützt. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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