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Luminale : Wege durch die Stadt des Lichts

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Bunter Klassizismus: Das Literaturhaus kann bemalt werden – mit einem Mobiltelefon und einem Projektor. Bild: Schmitt, Felix

Seit Sonntag sind die Besucher der Luminale zwischen Palmengarten und Römerberg von einer Installation zur nächsten gezogen. Am Freitagabend Abend geht das Festival zu Ende.

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          Tock. Mit dumpfem Geräusch knallt der Holzhammer auf den gefederten Knopf. Weißes Licht jagt die Hochhausfassade hinauf. Siegreich reißt der Hammerschwinger die Arme in die Luft. „Wenn der wüsste, dass das die einfachste Stufe war“, raunt Philipp Burckhardt, der das Kräftemessen am „Hau den Lukas“ vor dem Tower 185 beaufsichtigt. Der aus Italien angereiste Kraftprotz weiß es nicht. Er ist Lichtdesigner, zu Gast auf der Fachmesse „Light and Building“ und besucht an diesem Abend die Luminale.

          Etwas später im Palmengarten: Die Künstlerin Katharina Behrendt watet durch das hüfthohe Wasser des Teichs am Eingangsschauhaus und schaltet die LED-Teelichter in den Seerosen an, die sie aus einem wasserfesten Papier gefaltet hat. Währenddessen stehen japanische Besucher rätselnd vor einem rostigen Drahtwürfel, der in völliges Dunkel getaucht ist. Egal, sie fotografieren ihn trotzdem. Sie sind nicht die einzigen, die sich an diesem Abend mit ellenlangen Objektiven bewaffnet haben. Um den Oktogonbrunnen hat sich ein Heer von Fotografen hinter Stativen versammelt. Gerungen wird um den besten Platz, die Sieger knipsen die farbig leuchtenden Wasserfontänen im romantischen Abendlicht.

          Lieber die U-Bahn

          Im Palmenhaus drängeln sich Luminale-Besucher um die grünen Laserblitze der Installation „Snail Trail“. Ein Jugendlicher, der den pulsierenden Lichtlinien mit seiner Handykamera folgt, wird zur Seite geschubst: „Andere wollen auch was sehen!“. Draußen auf der Wiese geraten zwei dauergewellte Frankfurterinnen vor einer zart beleuchteten Engelstrompete ins Schwärmen: „Is des schee!“. Die Ernüchterung setzt bald danach ein: „Ich glaub’s net - des is aus Offebach!“.

          Wer den regionalen Befindlichkeiten entkommen und die Lichtspektakel des Festivals in der Innenstadt sehen möchte, nimmt den Luminale-Bus, der alle Attraktionen miteinander verbindet. Er soll im Zehn-Minuten-Takt fahren, tut es aber nicht. Nach fast einer halben Stunde entscheiden sich alle für die U-Bahn. Am Römer führt der Weg durch eine Herde wild fotografierender amerikanischer Touristen vor dem Rententurm, der in wechselnden Farben leuchtet. An der Ignaz-Bubis-Brücke dann eine wirklich sehenswerte Installation: Der Medienkünstler Jürgen Scheible sprüht bunte Lichtgraffiti an die Fassade des Literaturhauses. Zwei große Beamer ragen aus seinem am Straßenrand geparkten Wohnmobil heraus und erleuchten den klassizistischen Bau, dessen weiße Wände als Leinwand dienen. Der Lichtdesigner in Glitzerjacket und russischer Offiziersmütze steuert die Farbtupfer mit seinem Handy. Das Programm „Mobispray“, erklärt er stolz, habe er selbst entwickelt. Er wolle mit dem Lichterlebnis alle Sinne ansprechen, den „physical space erweitern“. Er habe zuvor in New York, London und Melbourne gesprüht. Und einen Musikwettbewerb bei SWR 3 gewonnen. Mit Lichtdesign? Nein, mit seiner eigenen Musik, die gerade im Hintergrund dudelt. Ein Herr, der Scheible und sein Handy zuvor intensiv fotografiert hat, fragt danach, ob „Mobispray“ patentiert sei. Scheible wird plötzlich wortkarg. „Darüber reden wir ein anderes Mal.“ Zum Glück möchte in dem Moment eine junge Frau auch gerne einmal sprühen. Sie hält das Handy wie eine Fernbedienung vor sich und taucht das Literaturhaus in blaue Tupfen. „Schööön.“

          Die historische Straßenbahn ist auch unterwegs

          Installationen jenseits der ausgetretenen Pfade erreicht man mit dem Luminale-Bus - wenn er denn fährt - oder zu Fuß. Im Hinterhof der Ausstellungshalle Schulstraße 1a in Sachsenhausen haben die Künstler von iLo, dem Institut für Lichtdesign aus Amsterdam, eine faszinierende Lichtlandschaft geschaffen. Sieben Installationen laden die Zuschauer unter dem Titel „Slow Light - Fast Light“ zum Innehalten, Erleben und Mitmachen ein. Man weiß nicht, ob es schade ist, dass nur vereinzelte Besucher in die Räume gefunden haben, oder ob man sich darüber freuen soll, seine Ruhe zu haben. In den Ausstellungsräumen entsteht ein sehr viel intimeres Verhältnis zum Licht als an den meisteren anderen Luminale-Orten. Genau das, sagen die holländischen Künstler Ellen de Vries und Henk van der Geest, sei das Konzept von „Slow Light“: Licht, das nicht flüchtig sei, sondern zum Nachdenken anrege.

          Ein Beispiel dafür sind die holzverkleideten „Light Freshener“ der Innenarchitektin Vera Wegener. Der Besucher setzt sich auf Barhocker unter eine Art Lichtdusche. Unter der mit weißem Kunststoff ausgekleideten Haube ist man von meeresblauem, sandgelbem oder orangefarbenem Leuchten umgeben und erlebt einen Kurzurlaub. „Perfekt für die gestressten Besucher der Messe, die hier unter der Lichtdusche abschalten können“, erklärt Wegener.

          Draußen rauscht eine historische Straßenbahn vorbei. Der Luminale-Express. Augenblicklich entscheidet man sich, unter keinen Umständen einzusteigen. Wie Sardinen pressen sich unglücklich aussehende Besucher in der Tram zusammen, die stündlich von 19 Uhr an zwischen dem Messegelände und der Altstadt hin und her fährt, auch heute, am letzten Tag des Lichtkunstfestivals. Am Mainufer nimmt man Abschied von der Biennale, die heute gegen Mitternacht zu Ende geht und Stadt und Umland erst in zwei Jahren wieder erhellen wird. Dann ein letzter Blick über das sanfte Leuchten der kleinen und großen Lichter der Stadt, und man weiß, dass die schönste Luminale genau hier zu finden ist: jede Nacht, nach Sonnenuntergang, in dieser Stadt am Fluss.

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