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Lukratives Geschäft : Auf dem Altkleider-Markt wächst die Konkurrenz

  • -Aktualisiert am

Verwertungsgesellschaft: ein Altkleider-Container des Deutschen Roten Kreuzes im Gallusviertel. Bild: Wresch, Jonas

Vereine, die für soziale Zwecke Kleider sammeln, leiden darunter, dass das Geschäft mit den abgetragenen Klamotten ziemlich lukrativ ist. Jetzt ist auch die Modekette H&M eingestiegen.

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          Hinter Oliver Backhaus liegt ein langer Winter. An sich litt der Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes nicht mehr und nicht weniger unter den Temperaturen als andere Frankfurter. Aber die Dauer der kalten Jahreszeit hatte Folgen für ein wichtiges Geschäftsfeld des DRK. In den etwa 300Altkleider-Containern, die der Sozialverband in Frankfurt betreibt, landeten Anfang des Jahres weniger Jacken, Hosen und Schuhe als sonst. Das Geschäft mit den Altkleidern ist saisonabhängig, und erst als es wärmer wurde, entledigten sich viele ihrer Winterkleidung.

          Es ist nicht nur die Witterung, die Altkleidersammlern wie dem DRK zu schaffen macht. Einerseits merken immer mehr seriöse und nicht seriöse Händler, dass mit den abgetragenen Klamotten gutes Geld zu verdienen ist - je nach Marktlage bringt eine Tonne Altkleider mehrere hundert Euro ein. Um die hundert illegale Container sollen derzeit an Frankfurter Straßen und auf Privatgrundstücken herumstehen.

          H&M unterstütze Geiz-ist-geil-Mentalität

          Andererseits haben die sozialen Sammler einen mächtigen Konkurrenten bekommen: Vor kurzem hat der schwedische Modehändler H&M damit begonnen, in seinen fünf Frankfurter Filialen Altkleider zurückzunehmen. Das System ist einfach: Wer der Kette Altkleider überlässt, erhält Gutscheine für den nächsten Einkauf. „H&M strebt mit dieser Initiative keinen Gewinn an“, sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Die Einnahmen aus der Verwertung der Altkleider gingen an soziale Projekte. Zudem wolle die Kette verhindern, dass Kleidung unnötigerweise auf dem Müll lande. Den Kunden solle klarwerden, „dass Kleidung etwas Werthaltiges ist“.

          Angesichts der Preise für die H&M-Klamotten ringt dies dem DRK-Geschäftsführer Backhaus nur ein müdes Lächeln ab. Er findet, dass H&M gerade mit dieser Aktion die Geiz-ist-geil-Mentalität unterstütze. Kritiker des Unternehmens unterstellen H&M andere Ziele: „Kundenbindung im grünen Gewand“ nennt der Verein Fairwertung die Aktion der Modekette. Er vertritt die Interessen von Kleidersammlern wie dem DRK. „Rücknahmesysteme geben zwar vor, den Müllberg verkleinern zu wollen“, sagt Andreas Voget, Geschäftsführer von Fairwertung. Sie animierten aber die Kunden durch Rabattaktionen zum Kauf weiterer Kleidung. „Das ist ein Widerspruch in sich.“

          DRK will mit Transparenz punkten

          Grundsätzlich in Gefahr sieht Backhaus das DRK-Modell nicht. Aber: „H&M bekommt die Ware, die sonst hätte bei uns landen können.“ Die Kleidung aus den DRK-Containern geht zu einem großen Teil an einen Sortierbetrieb in Norddeutschland. Erfahrungsgemäß sei etwas mehr als die Hälfte noch gut genug, um weiterverkauft zu werden, sagt Backhaus. Die abgetragenen Jacken und Mäntel etwa, die die Frankfurter nach dem langen Winter in die Container werfen, könnten Abnehmer auf den Second-Hand-Märkten in Osteuropa finden. Im Gallus und in Bockenheim betreibt das DRK eigene Kleiderläden für Bedürftige. Doch auch der untragbare Rest wird größtenteils verwertet. Viele Putzlappen bestehen aus Altkleidern genau wie die Innenverkleidungen von Autos. Etwa 15Prozent der gesammelten Menge endeten in der Müllverbrennung, sagt Backhaus.

          Andernorts sind mittlerweile die Städte in das Geschäft mit den Altkleidern eingestiegen. Ein neues Gesetz lässt das zu. In Frankfurt steht dies aber offenbar nicht zur Debatte. Ein städtisches Engagement käme nur in Betracht, wenn das Container-System nicht mehr funktioniere, sagt ein Sprecher des Verkehrsdezernats, das für die Genehmigung der Sammelstellen zuständig ist, wenn es um öffentliche Flächen geht. 450Container stehen auf Frankfurter Gebiet. Die Zahl sei über die Jahre relativ stabil geblieben, nur die illegalen Container kämen in Wellen. „Mal sind es Schuh-, mal normale Kleider-Container“, sagt der Sprecher.

          Gegen die Konkurrenz will das DRK mit Transparenz punkten. Auf den Metallboxen kleben Sticker, die deutlich machen, dass die Kleider für gute Zwecke verwendet werden. Und gegenüber H&M sieht Backhaus zwei entscheidende Vorteile. „Wir haben keine Öffnungszeiten und so viele Container, dass selbst ältere Leute zu uns kommen können.“ Auch die Stadt hält das Angebot für ausreichend: Die Container machten es eigentlich allen Frankfurtern möglich, Altkleider für soziale Projekte abzugeben, sagt der Sprecher des Verkehrsdezernats. Letztlich sieht DRK-Mann Backhaus die Lage ohnehin sportlich: „Wettbewerb gehört auch für uns zum Geschäft.“

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