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Lufthansa fliegt aus dem Dax : Ein Rückschlag für Rhein-Main als Wirtschaftsstandort

Die Lufthansa fliegt aus dem Leitindex Dax. Bild: dpa

Der Abstieg der Lufthansa aus dem Dax ist für den Wirtschaftsstandort Rhein-Main ein Verlust mit weitreichenden Folgen. Denn der Rauswurf hat mehr als symbolische Bedeutung.

          3 Min.

          Wer steigt schon gerne ab, noch dazu aus der Ersten Liga? Die Fans der Frankfurter Eintracht wissen davon ein Lied zu singen, viermal bereits rutschten die Fußballer aus der Beletage des deutschen Fußballs in die Zweitklassigkeit – ein weiteres Mal wurde durch die jüngsten Siege in der Bundesliga vermutlich vermieden. Während bei der Eintracht also allenthalben Erleichterung darüber zu spüren ist, weiterhin zu den wichtigsten ihres Fachs zu gehören, dürfte bei der Lufthansa Enttäuschung herrschen. 

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Donnerstagabend nämlich verkündete die Deutsche Börse das, womit bereits viele gerechnet hatten: Die Lufthansa fliegt aus dem Dax, dem wichtigsten deutschen Aktien-Index. Es ist ein Abstieg aus der Königsklasse deutscher Konzerne in den Nebenwert M-Dax, und er tut besonders weh: Schließlich ist die Kranich-Linie Gründungsmitglied des 1988 ins Leben gerufenen Leitindizes.

          Für den Wirtschaftsstandort Rhein-Main ist die Rückstufung der Airline ein harter Schlag. Zwar hat die Lufthansa offiziell ihren Sitz in Köln; faktisch aber, und darauf weist man in Frankfurt gerne hin, wird der Konzern operativ schon lange aus dem Aviation Center am hiesigen Flughafen heraus gelenkt, und natürlich ist das Unternehmen der wichtigste Kunde des für die Wirtschaft der Region so bedeutsamen Frankfurter Flughafens. 

          Doch zuletzt befand sich die Linie im Sinkflug. Wegen der weltweiten Corona-Pandemie ist seit Monaten kaum noch Flugverkehr möglich. In dem Konzern mit etwa 138.000 Beschäftigten stehen deswegen Tausende Jobs zur Disposition. Die Bundesregierung brachte für den Konzern zuletzt ein neun Milliarden Euro schweres Hilfspaket auf den Weg. Der Aufsichtsrat hatte dem Paket nach zähen Verhandlungen zugestimmt.

          Börsenwert stürzt wegen Corona-Pandemie ab

          Entscheidend für die Frage, wer dem erlauchten Kreis der Top 30 unter Deutschlands börsennotierten Konzernen angehören darf, sind der Gesamtwert und die Umsätze der frei handelbaren Aktien an der Börse. Weil der Kurs der Linie infolge der Corona-Reisebeschränkungen seit Mitte Februar um etwa ein Drittel abstürzte, schmolz der am Streubesitz orientierte Börsenwert auf unter 5 Milliarden Euro. In der Rangliste der Deutschen Börse kam die Lufthansa im Börsenwert der frei handelbaren Aktien Ende Mai nicht mehr unter die ersten 45 Unternehmen – und muss deshalb in Folge der Fast-Exit-Regel den Dax sogar außerhalb der im September üblichen Dax-Überprüfung den Index verlassen. 

          Mit dem Ausschluss der Lufthansa verliert die Rhein-Main-Region im Leitindex weiter an Bedeutung. Und das, obwohl man am Main so stolz auf den Dax blickt. Schließlich hat er dort sein Zuhause und steht für das Selbstverständnis Frankfurts, ein wichtigster Wirtschaftsfaktor Deutschlands und Kontinentaleuropas zu sein. Doch schon 2018 verlor Frankfurt ein Gründungsmitglied aus dem Index. Damals musste die Commerzbank ausgerechnet einem Konkurrenten aus der Finanzbranche, dem Bezahldienstleister Wirecard mit Sitz in Aschheim nahe München, Platz machen. 
          Auch wenn der Dax-Abstieg auf den ersten Blick nur symbolische Bedeutung zu haben scheint, steckt doch mehr dahinter.

          Rhein-Main hat noch fünf Konzerne im Dax

          Schließlich prägen erfolgreiche und große Konzerne das Image einer Wirtschaftsregion wie Rhein-Main erheblich. Wer sich als Heimat zahlreicher Dax-Konzerne rühmen kann, hat als attraktiver Wirtschaftsstandort bessere Chancen auf Neuansiedlungen wachsender Betriebe. Frankfurt kann nun nur noch auf die Deutsche Bank und die Deutsche Börse verweisen, aus dem Rhein-Main-Gebiet kommen mit Merck in Darmstadt sowie Fresenius und Fresenius Medical Care aus Bad Homburg zwei weitere Vertreter aus der Region hinzu. Mit diesen fünf Vertretern liegt die gesamte Rhein-Main-Region hinter München, das inklusive Infineon mit Sitz in Neubiberg und Wirecard in Aschheim auf acht kommt und sich selbstbewusst als Hauptstadt der Dax-Konzerne bezeichnet.

          Insofern ist der Blick in die Historie des wichtigsten deutschen Börsenindizes für die Region durchaus schmerzhaft. Denn als Spiegelbild der deutschen Wirtschaft war der Dax auch von Beginn an Heimat für Konzerne aus Frankfurt und Rhein-Main. Als der Index 1988 ins Leben gerufen wurde, waren noch Linde, Hoechst, Degussa und die Dresdner Bank Bestandteil des Barometers – neben der Deutschen Bank und Commerzbank. 

          Der Dax ist kein Frankfurter Index mehr

          Doch auch wenn der Dax in Frankfurt berechnet wird und die Fernsehnachrichten Tag für Tag zum Börsenplatz schalten, um auch anhand von Dax-Werten über das Wohl und Wehe der nationalen Wirtschaft zu informieren: Ein Frankfurter Index ist er längst nicht mehr. Seit 2002, als die Deutsche Börse in den Vorzeige-Index aufstieg, hat es kein Konzern mehr aus der Finanzhauptstadt dorthin geschafft.

          Dass mit der Deutschen Wohnen nun erstmals seit 14 Jahren wieder ein Unternehmen aus Berlin in den Dax aufgestiegen ist, mag aus Frankfurter Sicht unwichtig erscheinen. Doch als ob es die Wirtschaftsregion um Frankfurt in Sachen Dax nicht zuletzt schon hart genug getroffen hätte, ist auch der Blick auf die Deutsche Wohnen kein Ruhmesblatt für den Standort am Main. Schließlich saß der Immobilienkonzern, 1998 von der Deutschen Bank gegründet, nicht immer in der Hauptstadt, sondern bis 2017 an anderer Stelle: in Frankfurt. 

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