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Lübcke bekommt Auszeichnung : Höchste Ehre für einen Demokraten

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Die Wilhelm Leuschner-Medaille wird posthum an Walter Lübcke verliehen. Sein Sohn, Jan-Hendrik Lübcke, spricht nach der Verleihung. Bild: dpa

Es ist das erste Mal, dass das Land Hessen die Wilhelm Leuschner-Medaille an eine gestorbene Persönlichkeit verleiht. Die Ehrung wird zu einem eindringlichen Appell gegen Hass und für demokratische Werte.

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          Wir wissen alle, was jetzt in Ihnen vorgeht. Sie sind aufgewühlt, und es ist schwierig, aber es ist für Sie und Ihre Familie auch Anlass zu großem Stolz.“ Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat gestern den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke postum mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille geehrt und die höchste hessische Auszeichnung an dessen Witwe Irmgard Braun-Lübcke überreicht. In einer bewegenden Rede erinnerte Bouffier an seinen „langjährigen Weggefährten und Freund“, der für seine „standhafte, aufrichtige und unerschrockene Einstellung“ mit dem Leben habe bezahlen müssen. Jan-Hendrik Lübcke, einer der beiden Söhne von Walter Lübcke, und Bouffier forderten die Gäste in den Wiesbadener Kurhaus-Kolonnaden auf, für Freiheit und Demokratie zu streiten.

          Es ist das erste Mal, dass Hessen die Wilhelm-Leuschner-Medaille posthum verleiht. Vor etwa 350 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zeichnete Bouffier in seiner Laudatio das Bild eines Mannes, der sich aus Überzeugung für „Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit“ eingesetzt habe. Um das Gedenken an den Kasseler Regierungspräsidenten dauerhaft zu bewahren, wird das Land in Zukunft alle zwei Jahre den Walter-Lübcke-Demokratie-Preis verleihen. Mit ihm sollen Menschen geehrt werden, die sich in besonderer Weise für die Demokratie eingesetzt haben. „Vor dem Hintergrund des besorgniserregenden Ausmaßes von Hass, Hetze und Drohungen im öffentlichen Raum und den sozialen Netzwerken soll der Walter-Lübcke-Demokratie-Preis den gesellschaftlichen Zusammenhalt, das demokratische Miteinander und einen von gegenseitigem Respekt getragenen politischen Diskurs fördern“, sagte Bouffier.

          Während seiner Ausführungen stand der Ministerpräsident vor einer Fotowand, die einen lachenden und fröhlichen Lübcke zeigte. „Mehr als 40 Jahre engagierte sich Walter Lübcke für seine Mitmenschen. Familie, Gemeinschaft und der Zusammenhalt der Gesellschaft, das war ihm wichtig“, sagte Bouffier und ergänzte: „Er mochte die Menschen, und die Menschen mochten ihn.“ Umso schrecklicher sei es gewesen, als er erfahren habe, dass Lübcke Opfer eines Mordanschlages war. „Ich konnte und wollte es nicht glauben. Der Walter, das kann doch nicht sein“, schilderte der Ministerpräsident seine Fassungslosigkeit kurz nach der Tat.

          Folgen des Hasses

          Durch den Mord sei deutlich geworden, welche Gefahr dem Land durch den Rechtsextremismus drohe. „Aus den Aufrufen zum Hass, den Morddrohungen in den sozialen Netzwerken war plötzlich schreckliche Realität geworden“, sagte Bouffier und fügte an: „Das ist eine Bedrohung, die uns alle fordert und herausfordert.“ Die Bekämpfung dieser Entwicklung könne nicht nur eine Aufgabe der Sicherheitsbehörden sein, es handele sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

          Die Wilhelm-Leuschner-Medaille ist die höchste Auszeichnung des Landes Hessen und wurde 1964 durch den damaligen hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn gestiftet. Anlass war der 20. Todestag von Wilhelm-Leuschner. Die Ehrung soll Menschen zuteil werden, die sich im Sinne von Leuschner Verdienste für die Demokratie erworben haben, und wird am hessischen Verfassungstag, dem 1. Dezember, verliehen. Wilhelm Leuschner war Sozialdemokrat, Gewerkschafter und 1928 hessischer Innenminister. Er wurde 1944 von den Nazis ermordet.

          Lübcke war am 2. Juni dieses Jahres ermordet worden. Als dringend tatverdächtig gilt der 45 Jahre alte Stephan E. Der Rechtsextremist hatte die Tat erst gestanden und dann widerrufen. Laut dem widerrufenen Geständnis sei Lübckes Haltung zu Flüchtlingen der Anstoß für die Tat gewesen. 2015 hatte der Regierungspräsident bei einer Bürgerversammlung im nordhessischen Lohfelden (Landkreis Kassel) auf Zwischenrufe gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft mit den Worten reagiert: „Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist, das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“

          Lübckes Sohn äußert sich

          Auf diese Aussage, die von Rechtsextremen aus dem Zusammenhang gerissen und verkürzt worden sei, ging Lübckes Sohn Jan-Hendrik während seiner Rede ein. „Es war für ihn selbstverständlich, dass man die geflüchteten Menschen in Nord- und Osthessen aufnahm“, skizzierte er die Haltung seines Vaters. Dieser habe sich hasserfüllten Äußerungen entschieden entgegengestellt und demokratische Werte verteidigt. Das sei auch bei der Veranstaltung in Lohfelden der Fall gewesen. „Die eindeutige Positionierung gegen die Störer wurde ihm zum Verhängnis“, sagte Jan-Hendrik Lübcke und ergänzte: „Aus Worten wurden Taten und die unbegreifliche Ermordung unseres Vaters.“

          Mit brechender Stimme erlaubte er den Gästen einen Einblick in die Gefühle der Familie: „Unser Vater fehlt uns allen sehr. Man kann kaum ermessen, was einem angetan wird, wenn der eigene Ehemann, der eigene Vater und der Opa erschossen wird.“ Im Sinne ihres Vaters sei es nun der Auftrag aller, dem Ungeist der Demokratiefeinde entgegenzutreten. Die Unkultur der Hetze und Diffamierung dürfe sich nicht verfestigen, forderte der Sohn des Ermordeten.

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