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Lou Doillon in Frankfurt : Hilfreiche Selbstgespräche

  • -Aktualisiert am

Die Besucher im Palmengarten tanzten ausgelassen zu der Musik von Lou Doillon. Bild: Bäuml, Lucas

Charmant: Lou Doillon bringt das Publikum im Frankfurter Palmengarten zum Tanzen. Beim exklusiven Konzert wirkt alles natürlich, unbekümmert und authentisch.

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          Psychologische Langzeitstudien kamen zu der Erkenntnis: Selbstgespräche helfen beim Formen von Ideen, steigern die Konzentration und erleichtern die Lernfähigkeit des Menschen.

          Lou Doillon führt, wie sie in einer längeren Ausführung zwischen zwei Songs analysiert, nicht nur regelmäßig Selbstgespräche, sondern mag auch deren nahen Verwandten, den Monolog in Theaterdramen. Benannte die französische Schauspielerin und Singer-Songwriterin doch ihr aktuelles drittes Album „Soliloquy“. Inspiriert von William Shakespeares „Hamlet“-Monolog, dessen Kernzeile lautet: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“

          Berühmte Familie

          Jemand sein wollte Lou Doillon schon recht früh, musste sich aber mit den Gegebenheiten arrangieren: Mutter Jane Birkin, britische Sängerin und Schauspielerin, gilt seit ihrer Langzeitliaison mit Frankreichs Enfant terrible Serge Gainsbourg als französisches Nationalheiligtum. Vater Jacques Doillon machte sich als eigenwilliger Filmregisseur einen Namen.

          Als Lou Doillon im Teenageralter war, kamen auf der Straße Wildfremde auf sie zu mit Anliegen wie „Wann geht Ihre Mama wieder auf Tournee?“ und „Bitte geben Sie herzliche Grüße an Ihre Schwester weiter“. Bei letzterer Person handelt es sich um die elf Jahre ältere Halbschwester Charlotte Gainsbourg, ebenfalls Sängerin und Schauspielerin.

          Eine weitere Halbschwester, Fotografin Kate Barry aus erster Ehe von Birkin mit dem Filmkomponisten John Barry, schied 2013 im Alter von 47 Jahren aus dem Leben. So wollte Lou Doillon keinesfalls enden: als gescheiterter Sprössling zweier Prominenter.

          Beginn der Gesangskarriere

          Lou Doillon besitzt Talent im Überfluss. Nur wusste das optische Ebenbild der eigenen Mutter von vor 40 Jahren lange Zeit nicht, wie es seine Gabe adäquat umsetzen sollte: Modeln, Schauspielen im Kino, Theater und Fernsehen sowie Zeichnen exerzierte Lou Doillon exzessiv und blieb doch unbefriedigt.

          Erst spät, vor neun Jahren, trotz Klavierunterricht in Kindheitstagen und selbstbeigebrachtem Gitarrenspiel, investierte sie ausreichend Energie in die Musik. Beim exklusiven Deutschland-Gastspiel im Frankfurter Palmengarten wirkt alles so selbstverständlich natürlich, unbekümmert und authentisch: mit welch anmutig tänzerischer Leichtigkeit die hochgewachsene Sechsunddreißigjährige sich da im Takt bewegt.

          Im Hintergrund zaubern Pianist Nicolas Subréchicot, Schlagzeuger Antoine Boistelle sowie die Gitarristen Cédric Leroux und Louis Marin Renaud aus Doillons exzellenten Kompositionen einen stets mit Tiefgang ausgestatteten Soundtrack aus Indie-Pop, Blues, Doo-Wop, Glamrock, Post-Punk und Elektro.

          Einfluss der Verwandten

          Vater Jacques machte Lou Doillon als Kind mit britischer wie deutscher Popmusik bekannt. Durch die britischen Cousins erkundete sie Punk. Schließlich avancierte Patti Smith zum Idol ihrer Teenagerjahre. Ein noch heute deutlich spürbarer Einfluss.

          So entkam sie der erwartbaren Konditionierung durch das französische Chanson. Lou Doillons heiseres, tiefes Timbre entsagt komplett der Klein-Mädchen-Stimme von Mama Jane und Schwester Charlotte, paart stattdessen im angloamerikanischen Duktus Blues-Dramatik mit Rock-Energie.

          Mit jedem ihrer zwanzig Songs gibt Doillon ein Stück von sich preis: „I’m attracted to the light, I’m attracted to the burn“, heißt es zur Begrüßung hedonistisch schmerzhaft in „Burn“. Parallel dazu die Aufforderung ans Publikum, es könne tun und lassen, was es wolle. Aber vor allem Tanzen, Mitsingen und Zungenküsse fände Mademoiselle Doillon schick. Fortan knurrt, schnarrt, raunzt und faucht sie sich charmant durch Selbsterlebtes wie „Flirt“, „Nothings“, „Too Much“, „Real Smart“, „Lay Low“ und „Devil Or Angel“ – ein kompakter Querschnitt aus drei seit 2013 erschienenen Alben.

          Gelegentlich greift sie selbst zur E-Gitarre und in die Tasten des Pianos. Peu à peu versammelt sich ein nicht geringer Teil der Besucherschar direkt vor der Bühne, um der Sängerin ganz nah zu sein, aber auch um ausgiebig zu tanzen. Als die finale Ballade „It’s You“ ohne Bandbegleitung im Halbdunkel verklingt, bleibt in den Köpfen der Zuhörer eine außergewöhnlich eigenständige Künstlerin zurück.

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