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Verleger Lothar Wekel : „Immer noch ein bisschen hungrig“

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Der umsatzstärkste unter den sechs Verlagen ist Marix, eine Eigengründung des Jahres 2003. Schwerpunkte sind Bücher aus Philosophie, Geschichte und Religion, also allesamt Gebiete, für die der Verleger sich selbst interessiert. Ein Longseller aus diesem Verlagsprogramm sind die „Verbotenen Evangelien“, die apokryphen Schriften aus den Jahren 200 bis 400 n. Chr., die es nicht in den biblischen Kanon geschafft haben. Interessenten für diesen Stoff sind nicht nur Theologiestudenten, sondern auch begeisterte Leser des Religions-Thriller-Autors Dan Brown.

Die Apokryphen verkauften sich in zwölf Jahren 100.000 Mal. Ein ähnlich erfolgreicher Titel wurde „Gemalte Wörter“. Das Buch mit 214 Schriftzeichen aus dem Reich der Mitte dient nicht nur Menschen, die Chinesisch lernen, als Studienmaterial, sondern auch vielen Tätowierern als Vorlage. Darauf wäre sicherlich niemand gekommen, als das Buch konzipiert wurde. Aber das bleibt ja das Spannende am Verlagswesen: Kassenknüller sind so gut wie nie vorherzusagen.

Nur ein Fünftel der Deutschen liest

Lothar Wekel bewegt sich überdies in einer Branche, die zu kämpfen hat: Immer mehr Bücher werden auf den Markt geworfen, aber nur noch jeder fünfte Deutsche liest. Wekel und seine Mitstreiter in dem hübschen Haus in Biebrich haben daraus die Lehre gezogen, weniger Titel zu produzieren. Pro Jahr sind es jetzt nur noch rund fünfzig, die Hälfte weniger als noch vor zwei Jahren.

Und längst weiß der Verleger ganz genau, wie es kaufmännisch um jedes einzelne Buch steht. Wobei der Laie sich klarmachen muss, dass der Buchverkauf ein schwierig Ding geworden ist, sofern nicht John Grisham, Caroline Link, Nele Neuhaus oder Sebastian Fitzek für große und treue Leserkreise ein neues Werk vorlegen, das hohe Auflagen praktisch garantiert. Wekel setzt sich an seinen Computer und macht das an einem Beispiel klar.

Regionale Bücher haben es schwer

Vom Titel „Isländische Erzählungen“, Ladenpreis 16 Euro, noch 822 verfügbare Exemplare im Bestand, wurden bislang 1156 verkauft, Umsatz im Jahr 2018 genau 9250 Euro. Bei einem Einkaufspreis von 2,81 Euro je Exemplar für Herstellung, Übersetzung (1200 Euro), externes Lektorat (500 Euro) und Autorenhonorar hat der Verlag also ein bisschen was an diesem Buch verdient. Was sich nicht für jeden Titel sagen lässt.

Vor allem die regionalen Bücher, die Wekel mit dem Kauf des traditionsreichen Verlags Waldemar Kramer ins Haus geholt hat, tun sich schwer. Die Stoltze-Biographie der kenntnisreichen Petra Breitkreuz verkauft sich unter Wert. Und Wekel hatte ein Schockerlebnis der eigenen Art, als selbst die damals noch im Herzen Frankfurts gelegene Buchhandlung Carolus nicht ein einziges Exemplar abnahm vom Buch über die Geschichte der Polytechnischen Gesellschaft, also über eines der ureigensten Elemente der Frankfurter Lokalhistorie.

Und obwohl offenkundig immer weniger Menschen ein Buch lesen, wollen immer mehr eines veröffentlichen. Das merkt auch Wekel, bei dessen Verlag – heute meist per Mail – unverlangt Buchmanuskripte eingehen, pro Tag im Schnitt etwa sechs. Ganz selten findet sich darunter Brauchbares. Bis zum Beweis des Gegenteils: Ein Lehrer aus Dorsten in Westfalen schickte eines Tages ein Manuskript mit Lerntricks, Eselsbrücken und grammatikalischen Faustregeln für den Erwerb der englischen Sprache. Das passte nun gar nicht ins Programm des Marixverlages, aber der Lehrer sagte, seine Schüler würden ihm die im provisorischen Privatdruck erschienene Lektüre gern abkaufen.

Das Werk kam bei Marix als ordentliches Buch heraus und bewährte sich mit mehr als 100.000 verkauften Exemplaren. Ähnliche Coups sind unwahrscheinlich, aber auch nicht auszuschließen. Lothar Wekel jedenfalls bleibt auf der Suche und sagt in feinem Understatement: „Ich bin immer noch so ein bisschen hungrig.“

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