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Londoner Banker : Kein Finanzplatz wirbt so offensiv wie Paris

Wettlauf um die Brexit-Banker: Auch der Finanzplatz Frankfurt habe sich „generalstabsmäßig“ auf das Werben um Londoner Banker vorbereitet. Bild: dpa

Fünf Städte werben nach dem Brexit um Banker aus London. So selbstbewusst wie die französische Hauptstadt treten jedoch Frankfurt, Dublin, Luxemburg und Amsterdam keineswegs auf.

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          Die Botschaft war deutlich: Gründer aus London, kommt nach Berlin! Am 4. Juli rollte ein Werbe-Truck durch London, der die Unternehmer mit großen Lettern ansprach. „Dear start-ups, keep calm and move to Berlin.“ Hinter der Idee steckte die Berliner FDP, die so vor allem junge Finanztechnologie-Unternehmen an die Spree locken will. Derzeit sind in der britischen Metropole 61.000 Menschen bei Finanz-Start-ups beschäftigt, in ganz Deutschland sind es 13.000. „Wir haben nur einmal die Chance, Hauptstadt der Start-ups in Europa zu werden, und die ist jetzt“, sagt Sebastian Czaja, Spitzenkandidat der Berliner FDP.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Berlin gehört zu den Städten, die sich Hoffnungen machen, vom Brexit-Votum der Briten zu profitieren. Doch auch wenn vielleicht der eine oder andere Existenzgründer tatsächlich von der Themse an die Spree ziehen wird: Richtig ernst genommen wird die deutsche Hauptstadt nicht in dem heftig ausgebrochenen Wettbewerb um Unternehmen, die womöglich Großbritannien verlassen. Als aussichtsreichste Kandidaten für die Ansiedlung von Bankern und sogar zwei wichtigen Behörden, der Europäischen Bankenaufsicht und der Arzneimittelbehörde der EU, gelten vielmehr Frankfurt, Paris, Dublin, Luxemburg und Amsterdam. An diesen Standorten läuft die Marketingmaschinerie in vollem Gange - und mit ihr der Wettlauf um den inoffiziellen Titel als wichtigster Finanzplatz der Union.

          Paris bewarb sich offensiv in der „Financial Times“

          Am offensivsten geht die französische Hauptstadt vor. Dort freut man sich über prominente Unterstützung aus der Politik. So stellte der französische Staatspräsident François Hollande schon kurz nach dem Referendum der Briten Banken Steuererleichterungen in Aussicht. „Kommt und investiert in Frankreich“, sagte Ministerpräsident Manuel Valls Anfang Juli und kündigte an, die Steuervorteile für Arbeitnehmer, die aus dem Ausland nach Frankreich kommen, auszuweiten.

          Schon jetzt gibt es diese Steuererleichterungen, die nach fünf Jahren auslaufen. Künftig soll die Frist acht Jahre betragen. In großformatigen Anzeigen konnten Leser der digitalen Ausgabe der „Financial Times“ in Großbritannien schon am Morgen nach dem Referendum lesen: „Kommen Sie nach Paris, und nutzen Sie dort Ihre Chancen.“ In einem Schreiben an 4000 Führungskräfte am Finanzplatz London pries die regionale Präsidentin des Großraums Paris, Valérie Pécresse, die Vorzüge der Metropole an der Seine. In einem Radiointerview kündigte sie zudem an, sich im Werben um Arbeitsplätze hinter der Konkurrenz nicht verstecken zu wollen. „Alle Städte rühren jetzt die Werbetrommel, da werde ich nicht untätig sein.“ Das zeigt: Paris war vorbereitet.

          Und was macht Frankfurt?

          Aber Frankfurt ist es auch, und zwar „generalstabsmäßig“, wie Hubertus Väth sagt. Der Geschäftsführer der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance kennt die Aktionen und den selbstbewussten Ton, der aus Frankreich zu hören ist. „Frankfurt ist leise und effizient. Wir setzen auf leise Worte und nüchterne Argumente.“ Wochenlang hatte sich die Stadt auf den Fall vorbereitet, dass die Briten für den Austritt stimmen würden. Als es so weit war, ging am nächsten Morgen eine Website in Betrieb, die seitdem mit dem Slogan „Welcome to Frankfurt Rhein Main“ wirbt. Mehr als 25.000 Zugriffe hat es innerhalb der ersten zwei Wochen bereits gegeben. Dass es sich dabei tatsächlich um Banker aus London handelt, lässt sich zwar kaum nachweisen, ist aber nicht unwahrscheinlich. Schließlich warben die Initiativen am 24. Juni mit einer Social-Media-Kampagne auf Linkedin und auf Twitter im Großraum London für ihre Stadt. Unter einer britischen Nummer beantworten Mitarbeiter der Initiativen rund um die Uhr Fragen zum Standort.

          Ruhig bleiben: Die Berliner FDP will Gründer an die Spree locken.

          Die Landespolitik stärkt dem Finanzplatz den Rücken. Es werde zwar kein Selbstläufer, aber „wir müssen unsere Kräfte bündeln“, sagt Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Dazu gehört auch, dass Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) Mitte August nach London reisen wird, um Gespräche mit Bankvorständen und Verbandsvertretern zu führen. Bouffier sprach selbst bereits in Brüssel bei EU-Finanzkommissar Valdis Dombrovskis vor, um die Europäische Bankenaufsicht EBA nach Frankfurt zu holen. Auch die europäische Arzneimittelagentur EMA ist begehrt.

          Doch während für Paris die ranghöchsten französischen Politiker werben, kommt aus der deutschen Hauptstadt wenig Rückenwind. Angela Merkel hält sich im Gegensatz zu Hollande zurück. Zwar sagt Väth, er finde es gut, „dass die deutsche Politik nicht so aggressiv um Unternehmen und Institutionen aus London wirbt wie Frankreich“, schließlich wolle man „nicht den dicken Max markieren“. Dennoch dürfte die Stimme der Politik, vor allem im Werben um Einrichtungen wie die EBA, ein Vorteil für Paris sein. Väth dagegen will weiter „ nüchtern argumentieren, welche Geschäfte jetzt besser in Frankfurt angesiedelt werden sollten“.

          Luxemburg als führendes Finanzzentrum der Eurozone

          Während Paris und Frankfurt schon aktiv sind, plant Dublin in Kürze eine Werbekampagne, die das Geschäftsklima in Irland in den Mittelpunkt rücken soll, wie ein Sprecher des Standortmarketings namens IDA in Dublin sagt. Irland habe schon einen lebhaften internationalen Finanzdienstleistungssektor, das müsse man bei Unternehmen noch deutlicher machen. Die irische Hauptstadt lockt mit niedrigen Steuersätzen sowie mit sprachlicher und geographischer Nähe zu London. Es sei noch zu früh zu sagen, welche Chancen sich aus einem Brexit ergeben könnten, heißt es aus Dublin, Gespräche mit Unternehmen befänden sich noch im Anfangsstadium. Aber in Irland ist man überzeugt, „ein attraktiver Standort für Finanzdienstleister zu sein“.

          Auch in Luxemburg ist man nicht untätig. Der Direktor der Bankenvereinigung ABBL, Serge de Cilia, sagt, er habe schon Gespräche mit großen Banken geführt. Bei „Luxembourg for Finance“, der Agentur zur Förderung des Finanzplatzes, beschäftigt sich eine Task-Force mit den Auswirkungen des Brexits. Dort setzt man auf die Internationalität des Finanzplatzes und darauf, dass Luxemburg laut Global-Financial-Index das führende Finanzzentrum der Eurozone ist. Aus der Agentur heißt es, man wolle seine Stärken kommunizieren, in London für Luxemburg werben, aber nicht so aggressiv auftreten wie andere Finanzplätze.

          Im Wettlauf um die Brexit-Banker

          Die Stadt Amsterdam wiederum hat für die 15.000 Briten, die in der niederländischen Hauptstadt wohnen, einen „Brexit One Stop Shop“ eingerichtet. Dort können sich in London ansässige Unternehmen melden, die über einen Standort in der Hafenstadt nachdenken. In den vergangenen Monaten habe es eine Reihe von Anfragen gegeben, deshalb habe man auch das Personal des Standortmarketings in London aufgestockt, heißt es.

          Mit Blick auf die vier Konkurrenten ist Frankfurt gut aufgestellt für den Wettlauf um die Brexit-Banker, auch wenn die Bundespolitik dem Bemühen noch größeres Gewicht verleihen könnte. In Hessen zumindest glaubt man an „erhebliche Chancen“, wie Ministerpräsident Bouffier sagt. Doch: „Die Konkurrenz ist groß.“

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