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Lokales Obst und Gemüse : Grünfutter für die Städter

  • -Aktualisiert am

Kurze Wege: Bernd Benner auf einem seiner Salatfelder in Griesheim. Bild: Michael Kretzer

Im Ried wächst, wovon die Region immer mehr essen will. Über einen der sät und erntet und selbst verkauft. Und der versichert, dumme Bauern gebe es schon lange nicht mehr.

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          Eine Landschaft in Grün und Lila und Braun. Weite Strecken mit niedrigen Pflanzen, ein Bild fast wie im Süden. Die Rheinebene zwischen Mainspitze und Lampertheim zählt zu den Regionen, die so gute Sandböden, gleichzeitig so viel Feuchtigkeit und Wärme haben, dass sich dort sogenannte Sonderkulturen anbauen lassen. Bekannt sind Spargel und Erdbeeren aus dem hessischen Ried. Weniger bekannt ist, dass dort Kräuter wachsen und Salat, Kohl und Bohnen, Zucchini und Rote Bete, Fenchel, Karotten, Zwiebeln und Gurken, und das alles in vielerlei Farbe und Form.

          Einer der Gemüsebauern, die dort säen und ernten, ist Bernd Benner. Der 44 Jahre alte Ortslandwirt in Griesheim, Gärtnermeister mit Schwerpunkt in der Fachrichtung Gemüsebau, fühlt sich als Vorreiter, probiert gerne aus, möchte Neues anbieten mit anderem Geschmack und ungewohnter Farbe. Bei ihm ist die Rote Bete nicht nur rot, es gibt sie auch in Gelb mit roten Ringen im Fruchtfleisch und etwas nussigerem Geschmack. Verkaufte Benner früher seine Produkte über den Großmarkt oder das Frischezentrum in Kalbach, hat sich sein Absatzweg geändert: Seit 2014 steht er dienstags, freitags und samstags auf dem Wochenmarkt auf dem Offenbacher Wilhelmsplatz, mit zwei unterschiedlich großen Ständen auf dem Marktplatz. Um 4 Uhr morgens fängt er an aufzubauen, bis in den Nachmittag hinein verkauft er.

          Seit 400 Jahren eine Familien von Landwirten

          Benner pflanzt 14 Sorten Salate und vermarktet sie, vier Sorten Karotten und allerlei andere Gemüsearten, dazu die gängigen Kräuter von Petersilie über Schnittlauch und Dill bis Koriander. Die Kunden schätzen die regionale Herkunft. Obst baut Benner nicht an. Was er an exotischen Früchten anbietet, hat er zuvor im Großmarkt erstanden. Erzeuger aus seiner Nachbarschaft liefern ihm die Äpfel, den Spargel und die Erdbeeren, die er dann mit nach Offenbach nimmt. Spezialisierung und Vertriebsweg Benners charakterisieren den Wandel in der Landwirtschaft genauso wie den der Nachfrage nach ihren Produkten im städtischen Raum.

          Vieh hält Benner seit Jahren nicht mehr auf seinem Hof, Getreide hat er auch aufgegeben. Ursprünglich hatte er seinen Standort an der Oberndörfer Straße in Griesheim, in den achtziger und neunziger Jahren errichtete die Familie erste Hallen, Lager und Kühlhäuser außerhalb. 1999 zog die Familie, die auf 400 Jahre Landwirtschaft zurückblicken kann, an den Rand von Griesheim, baute dort den Lachenauer Hof nahe der Umgehungsstraße. Benners Eltern sind mittlerweile in Rente, helfen aber immer noch aus, seine Frau arbeitet in einer Behörde. Benner hat acht Traktoren, mit einem halben Dutzend festangestellten Mitarbeitern bewältigt er die Arbeit auf den 38 Hektar, die er in Berkach, Dornheim, Büttelborn und Griesheim besitzt oder gepachtet hat. Auch er hält mit Hilfe von EU-Geldern fünf Prozent seines Lands für das sogenannte Greening bereit, sät dort also aus, aber bearbeitet die Flächen nicht. Da die Bauern schlau sind, nehmen sie dafür die am weitesten vom Hof entfernten Lagen.

          Grün-Anlage: Benners Ware frisch nach der Ernte in Offenbach

          „Dumme Bauern gibt es schon lange nicht mehr“

          Benner selbst empfindet sich als Organisator, als Büroarbeiter und natürlich als Gemüseverkäufer. Fragt man ihn nach dem bürokratischen Aufwand, kann er den Zorn kaum verbergen, und es sprudelt aus ihm heraus: Bestimmungen, Vorschriften, Nachweise, und den Bürokraten falle immer mehr ein. Er berichtet von Auftritten des Zollamtes bei Kollegen, von saftigen Strafzahlungen anderer wegen nicht ordentlicher Nachweise darüber, wie die Angestellten beschäftigt wurden.

          Seine Ausbildung und sein Wissen als Gärtnermeister setzt Benner ein, um den Pflanzenschutz und die Düngung der Felder zu beaufsichtigen. Diese Verantwortung will er nicht abgeben. Das heißt für ihn, dass er an den Nichtmarkttagen draußen steht oder im Büro. Immer alles im Blick. Dumme Bauern gebe es schon lange nicht mehr, sagt Benner dazu. Der Unternehmer Benner strukturiert das Jahr, nicht alles soll und darf auf einmal reif sein und geerntet werden müssen. Das Studium der Saatgutkataloge kostet Zeit, doch die Erfahrung hilft bei der Planung. Dann wollen die Setzpflanzen bestellt und in dem großen Zentrum in Bickenbach erworben werden. Erste Salatpflanzen kommen schon im Februar in die Erde, gesetzt und geerntet wird bis spät in den Herbst. Im Frühjahr deckt Benner die Pflanzen mit doppelter Vliesschicht ab. Möhren sät er dreimal im Jahr aus, Rote und Gelbe Bete zweimal, Kartoffeln setzt er zweimal. Salat und Kräuter stehen nicht weit vom Hof auf etwa 1000 Quadratmetern. Benner berichtet von Kollegen, die das Siebenfache an Fläche hätten. 15.000 Quadratmeter hält er für Möhren bereit, 5000 Quadratmeter für Rote Bete. Nicht alles lässt sich mit Hilfe von Maschinen erledigen: Bohnen und Kräuter beispielsweise verlangen nach Handarbeit, das Bündeln verschiedener Karottenarten beherrscht kein Automat.

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