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Lokale Händler werden digital : Die Boutique wandert ins Netz

Mutig: Marijana Biscanic (links) und ihre Schwester Michaela Hargovic in ihrer Boutique Bild: Helmut Fricke

Die Corona-Not macht erfinderisch: Kleinere Händler wie Noée Fashion aus Frankfurt müssen umdenken – und ihre Waren auch digital anbieten.

          3 Min.

          Häppchen und Sekt, eine kleine Modenschau, Musik, an die hundert geladene Gäste – so hatten sich Marijana Biscanic und Michaela Hrgovic, zwei Schwestern mit kroatischen Wurzeln, die Feier zum fünften Geburtstag ihrer Mode-Boutique vorgestellt. Im März sollte die Geburtstagsparty stattfinden. Ein Fest, auch um zu zeigen: Die „Mädels“, als die sie anfangs belächelt wurden, haben es geschafft, wie Hrgovic sagt. Von Jahr zu Jahr hätten sie ihren Umsatz ausbauen und zuletzt sogar um 20 bis 30 Prozent gewinnbringend steigern können. „Das vergangene Jahr war unser bestes.“ Doch dann kam das Coronavirus, und aus dem Geburtstagsfest wird jetzt erst einmal nichts.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Noée lebt wie die meisten inhabergeführten Geschäfte in der Stadt von den Stammkunden und einer Leidenschaft für das Business, das den beiden Schwestern deutlich anzumerken ist. Zu ihren Kundinnen zählen sie berufstätige, teils besser verdienende Frauen, die auf einen eher modischen Look italienischer und deutscher Label wie Marc Aurel, Rinascimento, Riani oder Liu Jo stehen und dafür nicht gleich ein Vermögen ausgeben wollen. Es sind Kundinnen, die den herzlichen Umgang an der Schillerstraße schätzen.

          Neue Herausforderungen durch die Corona-Krise

          Regelmäßig werden sie zu Events in die Boutique eingeladen: Modenschauen, Lesungen, Vorträge, kleine Konzerte. Auf dem Programm stehen manchmal auch ungewöhnliche Geschichten wie ein Frühstück inmitten der neuen Kollektion. Zuletzt hatten die Modehändlerinnen Stil- und Imageberatung neu ins Portfolio aufgenommen. Solche Informationen fließen über alle sozialen Kanäle: Facebook, Instagram, Tiktok, Youtube. Einen Newsletter gibt es auch. „Wir sind immer im fünften Gang gefahren“, sagt Biscanic.

          Die Corona-Krise fordert die beiden Schwestern nun ganz neu heraus. Dass das diesjährige Geschäftsjahr kein einfaches wird, hätten sie schon vor der verordneten Geschäftsschließung Mitte März gespürt. Die Umsätze waren auch im Januar und Februar nicht so wie erwartet. Bei geschlossenen Ladentüren brach der Modeverkauf dann nahezu komplett zusammen. Zwar versuchten die Händlerinnen, mit Videos und Live-Shopping in der Boutique zu improvisieren, Kleider und Blusen wurden dabei auf Anfrage auch verschickt. Doch gerade einmal auf zehn Prozent der üblichen Einnahmen kam das Geschäft.

          „Man muss online vertreten sein“

          Auch seit der Wiedereröffnung ist die Herausforderung groß. „Es bleibt ein Kampf“, sagt Biscanic. Etwa 50 bis 60 Prozent fehlten im Mai im Vergleich zum Vorjahr. Die Schillerstraße ist keine Lauflage. Und das, womit sie bisher in Konkurrenz zu den Modefilialisten und dem Online-Modehandel punkten konnten, nämlich die kleinen, persönlichen Events im Geschäft, ist wegen Corona nicht möglich – und niemand weiß, wie lange noch. Viele der Stammkunden arbeiten noch im Homeoffice, müssen teilweise parallel die Kinder betreuen und kommen seltener in die Stadt, wenn überhaupt.

          Von ihrem Konzept sind die Noée-Frauen nach wie vor überzeugt. Aufgrund der Corona-Erfahrung haben sie sich nach fünf Jahren aber dazu entschlossen, Mode fortan auch online zu verkaufen. Ein Schritt, den sie bisher immer abgelehnt hatten. Da die Veranstaltungen wegfielen, bleibe ihnen gar nichts anderes übrig, sagt Biscanic. Sie hat den Marketingplan dafür ausgearbeitet und sich fortgebildet. „Man muss online vertreten sein, auch, um andere Kunden zu erreichen“, sagt sie. Erfahrungen auf Instagram hätten sie bestärkt. Anfragen zu Postings kämen aus Nord- und Süddeutschland.

          Auch andere Händler denken um

          Statt mit viel Geld einen eigenen Online-Shop aufzubauen, „den wir dann erst bekannt machen müssten“, so Biscanic, haben sich die Modehändlerinnen der Online-Shopping-Plattform mystationary.de angeschlossen. Das Start-up aus München bietet Multilabelhändlern wie Noée Fashion über deren eigene Webadresse den Zugang zu einem digitalen Schaufenster und wickelt den Kauf ab. Händler können die Ware über eine App einsteuern und bei Bedarf auch ein Warenwirtschaftssystem nutzen, um die Bestände im Geschäft mit denen im Online-Shop automatisch abzugleichen. Dafür bekommt der Dienstleister einen Teil vom Umsatz. Für knapp 30 Partnergeschäfte wickeln die Münchner das Online-Geschäft ab. Der Online-Shop für Noée wurde Anfang Juni hochgefahren.

          Auch andere Frankfurter Händler denken offenbar um. Beim Handelsverband Hessen steigt die Nachfrage nach Fortbildung, bestätigt Präsident Jochen Ruths, der den eigenen Online-Shop für sein Modekaufhaus in Friedberg vor Corona eher als „kleines Beiwerk“ verstand, seinen Online-Shop nun aber weiter anfüttern will. Ruths hebt hervor: „Der Kunde vor Ort bleibt für uns wichtig.“

          So sieht es auch Ernst Schmid von den Hifi-Profis. „Wir werden weiter schauen, dass Kunden zu uns in den Laden kommen.“ Allerdings sehe auch er sich gezwungen, eine „digitale Sichtbarkeit“ zu schaffen. Fortan sollen Fernseher und Verstärker auf der Website nicht nur gezeigt werden, wie es bisher bei Angeboten schon der Fall war. Kunden sollen diese dann natürlich auch online kaufen können.

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