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Lokale Agenda 21 : Kampf der Mistel im Apfelbaum

Nachhaltig für Streuobst: In Friedrichsdorf werden Misteln aus Apfelbäumen geschnitten. Ansonsten könnte der Schmarotzer den Baumbestand schädigen. Bild: Helmut Fricke

Vor 25 Jahren wurde auf einer UN-Konferenz der Begriff der Lokalen Agenda 21 geprägt. In vielen Kommunen wirkt er bis heute nach.

          Es ist spät im Jahr, und Jörg Naumann steht mit Helmut Fremerey unter einem Mistelzweig. Doch sie suchen keine weihnachtliche Dekoration. Die Mistel ist fest mit dem Ast eines Apfelbaums auf der Wiese beim Friedrichsdorfer Stadtteil Burgholzhausen verwachsen. Naumann ist städtischer Umweltbeauftragter und erklärt, wie die Pflanze dem Baum Wasser entzieht. Weil sie selbst Chlorophyll bildet, gilt die Mistel als sogenannter Halbschmarotzer. „Wenn man den Ast abschneidet, erholt sich der Baum wieder“, sagt Naumann. Setzen sich allerdings zu viele der buschigen Gewächse in den Baumkronen fest, ist es vorbei mit der Apfelernte. Deshalb hat die Arbeitsgruppe Landschaftsschutz im Herbst zum ersten Mal eine Mistelaktion veranstaltet. Dem Erhalt der Streuobstwiesen dient außerdem die seit vielen Jahren veranstaltete Obstbaumaktion, wie Fremerey erzählt. Dabei werden verschiedene Sorten von Setzlingen abgegeben.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Friedrichsdorfer AG Landschaftsschutz ist eine von zahlreichen Gruppen, die sich auch heute ausdrücklich auf die Lokale Agenda 21 berufen. Das kommt in der Region häufiger vor. Ob „Mitfahrbänke“ in Taunusstein aufgestellt werden, Darmstädter Studenten einen Lastenradverleih organisieren oder engagierte Offenbacher an einem Stand beim Mainuferfest für Europa werben: Bei all diesen Aktionen im abgelaufenen Jahr fiel das Stichwort Lokale Agenda 21. Dabei liegt deren Ursprung 25 Jahre zurück. Bei der Umweltkonferenz in Rio verabschiedeten 1992 mehr als 170 Staaten Leitlinien für den Umgang mit dem Planeten. Die Agenda 21, nach dem lateinischen Wortursprung also das, was mit Blick auf das damals noch bevorstehende 21. Jahrhundert zu tun sei, legte in 40 Kapiteln Regeln für die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen fest. Die Lokale Agenda 21 sollte diese Prinzipien bis in die Städte und Gemeinden tragen.

          Umwelt-Oscar für Bad Homburger Betriebe

          Die Kommunalverwaltungen waren nach Kapitel 28 der Agenda aufgefordert, die Bürger in einen „Konsultationsprozess“ einzubeziehen. Und so machte mit der Lokalen Agenda 21 ein Begriff Karriere, von dem 1995 bis auf wenige Experten noch niemand gehört hatte. 1996 dann war die mittlerweile zur Stadt gewordene Gemeinde Riedstadt eine der ersten, die in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Darmstadt den Übergang zu einer „langfristig tragbaren Wirtschafts- und Lebensweise“ entwickeln wollte. Bald schon konnte landauf, landab kein Baum mehr gepflanzt werden, ohne dass er nach dem Prinzip „Global denken – lokal handeln“ zum Agenda-Projekt erklärt wurde.

          Die Themen beschränkten sich aber nicht auf Umweltfragen. In Bad Homburg rief der damalige Umweltdezernent Wolfgang Herder (SPD) die Bürger auf, Vorschläge einzureichen und sich an einem von einem Moderator geleiteten Forum zu beteiligen. Nicht nur ein Umwelt-Oscar für Bad Homburger Betriebe oder ein ökologischer Einkaufsführer waren das Ergebnis. Die „KunstWerkStadt“, bei der nächstes Jahr wieder an die 200 Künstler ihre Ateliers für Besucher öffnen, ist eines der bis heute nachwirkenden Agenda-Projekte in Bad Homburg. Eine Internetseite der Stadt Oberursel ist noch immer der Lokalen Agenda 21 gewidmet. „Die müssen wir mal überarbeiten“, gesteht Jens Gessner, Leiter der Umweltabteilung und als Verantwortlicher für das „Agendabüro“ genannt. Er war schon dabei, als sich etwa 200 Oberurseler von 1997 an am Konsultationsprozess beteiligten. Dieser mündete 2001 in einen von den Stadtverordneten beschlossenen Maßnahmenplan.

          Agenda hat Spuren hinterlassen

          Manche Ideen wie ein attraktiverer Bahnhof sind verwirklicht worden. Andere, wie ein besseres Radwegenetz, nach wie vor aktuell. Wie andernorts auch haben die Agenda-Gruppen in Oberursel noch lange weitergearbeitet und sind schließlich in eigenen Projekten aufgegangen. „Für einen interkulturellen Garten in Weißkirchen hat sich ein Verein gebildet, und auch der Anstoß, Oberursel zur Fair-Trade-Town zu machen, kam aus der Agenda-Bewegung“, sagt Gessner. Er zieht deshalb den Schluss: „Die Agenda hat Spuren hinterlassen, vor allem in der Beteiligungskultur.“ Viele Agenda-Gruppen haben neue Organisationsformen angenommen, um ihre Arbeit fortzusetzen. Das 2001 von 20 Unternehmen in Frankfurt gegründete Umweltforum Rhein-Main, von dem die Frankfurter Grundschüler auch in diesem Jahr wieder Brotboxen zum Schulanfang bekommen haben, ist aus einer Initiative der Lokalen Agenda 21 entstanden.

          Die Gemeinde Wehrheim wurde 1997 mit Riedstadt, Heringen und Bad Wildungen vom hessischen Umweltministerium für Agenda-Projekte ausgezeichnet. „Die Pflegegemeinschaft, in der Landwirte in Absprache mit dem Naturschutzbund für Grün an den Wegerändern sorgen, gibt es immer noch“, sagt Bürgermeister Gregor Sommer (CDU). Aber es sei auch viel hinzugekommen, von Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Dächern bis zum Feldgehölzkataster.

          Thomas Horn (CDU), designierter Direktor des Regionalverbands und zur Hoch-Zeit der Agenda Bürgermeister von Kelkheim, fand damals kritische Worte. Von einem „gigantischen Arbeitsbeschaffungs-Projekt für den Grünen nahestehende Beraterbüros“ sprach er 1998. „Ein cooler Spruch“, sagt er heute dazu, „den man aus der Zeit heraus verstehen muss.“ Richtig sei aber, dass an Leitbildern kein Mangel bestehe. „Darin dürfen wir uns nicht verlieren.“ Inzwischen verzögere die Bürgerbeteiligung eher Projekte. „Wir brauchen den Diskurs, aber auch zügige Entscheidungen.“ Der Friedrichsdorfer Bürgermeister Horst Burghardt (Die Grünen), seit 1997 im Amt, sieht die frühe Einbindung der Bürger ebenfalls als eine Folge des Agenda-Prozesses. Im Unterschied zu Horn hat er damit eher positive Erfahrungen gemacht: „Bei unseren großen Bebauungsplänen, etwa für die Ökosiedlung, gab es dadurch im eigentlichen Verfahren nicht einmal eine Handvoll Einwände.“

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