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Zahlen der Sozialkasse Bau : Löhne auf hessischen Baustellen besonders niedrig

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Statistisch belegt: Auf hessischen Baustellen wird schlechter gezahlt als anderswo - hier eine Baustelle in Offenbach (Symbolbild) Bild: dpa

Auf hessischen Baustellen wird schlechter gezahlt als anderswo, das ist statistisch belegt. Aber die Realität ist noch schlimmer: Viele Arbeiter können von den offiziellen Stundenlöhnen nur träumen.

          Auf hessischen Baustellen verdienen Arbeiter besonders wenig. Das geht aus Zahlen der Sozialkasse Bau (Soka) hervor, über die am Montag zunächst der Radiosender hr-Info berichtete. Die IG BAU wie auch der Verband baugewerblicher Unternehmer gehen gemeinsam davon aus, dass die gemeldeten Bruttolöhne deutlich höher liegen als das, was die meist aus Südosteuropa stammenden Arbeiter tatsächlich erhalten.

          Mit 15,60 Euro pro Stunde liegen die gemeldeten Bruttolöhne 60 Cent unter dem westdeutschen Schnitt und damit am Ende der Skala, wie die Soka in Wiesbaden bestätigte. Selbst in ländlich strukturierten Bundesländern wie beispielsweise dem Saarland oder Schleswig-Holstein verdienen Bauarbeiter besser als im wirtschaftsstarken Hessen mit der Rhein-Main-Region als Schwerpunkt. Nach Ansicht von Gewerkschaft und Arbeitgebern zeigt sich darin der in Hessen stärkere Konkurrenzdruck durch billigere Arbeitskräfte aus Südosteuropa.

          Zahlreiche „Gestaltungsmöglichkeiten“

          „Wir haben eine Lohnspirale nach unten, die vor allem den mittelständischen Unternehmen das Überleben immer schwerer macht“, sagte der Baugewerbe-Hauptgeschäftsführer Rainer von Borstel. Es gebe für Anbieter von Bauleistungen zahlreiche „Gestaltungsmöglichkeiten“, um die tatsächlichen Lohnkosten zu drücken. Am simpelsten funktioniere das über zu geringe Angaben zur tatsächlich erbrachten Arbeitszeit. Die Soka könne lediglich die Plausibilität aus Lohnsumme und gemeldeter Arbeitszeit prüfen. Unbezahlte Arbeitsstunden und weitere Tricks in Subunternehmer-Ketten seien daher verbreitet.

          „Der Bau-Arbeitsmarkt ist durch kriminelle Machenschaften geprägt“, sagte Hans-Joachim Rosenbaum, Regionalleiter der IG BAU in Hessen. „Ich gehe davon aus, dass auf jeder größeren Baustelle die Beschäftigung illegal strukturiert ist.“ Der Nachweis von Verstößen sei in der Regel zwar schwierig, gelinge aber immer wieder einmal, auch wenn betroffene Arbeiter selten zur Kooperation bereit seien.

          Nach Erkenntnissen der Gewerkschaft gibt es im Rhein-Main-Gebiet tausende Bauarbeiter aus EU-Staaten, die regelmäßig nur bei Sub-Sub-Unternehmen zu illegalen Bedingungen beschäftigt werden. „Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben die keine Chance, einen Job zu bekommen“, sagte Rosenbaum. Mit den Billiglöhnen würden seriöse Anbieter regelmäßig unterboten. „Das drückt auf das gesamte Lohnniveau auch in den benachbarten Regionen.“

          Mittelständische Unternehmen hätten zunehmend Probleme, noch ausreichend Aufträge zu erhalten, sagte von Borstel. Daran ändere auch die grundsätzlich positive Konjunktur am Bau nichts. Das Gewerbe mit 5800 Betrieben zählt in Hessen etwa 52.000 Beschäftigte und hat im vergangenen Jahr rund sechs Milliarden Euro Umsatz gemacht.

          Der Gewerkschafter Rosenbaum hält das hessische Vergabegesetz für Aufträge der öffentlichen Hand für zu lasch und fordert mehr Kontrollen auf Baustellen. Allerdings sei die dafür zuständige Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls „hoffnungslos überlastet“ und müsse kräftig verstärkt werden: „Momentan reagieren die nur auf Tipps, unangekündigte Kontrollen finden so gut wie nie statt.“ Die Generalzolldirektion in Köln wies die Kritik gegenüber hr-iNFo allerdings zurück, die Personal- und Sachausstattung sei „angemessen“.

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