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Gespräch mit Liv Ullmann : Die Botschaft des entschleunigten Kinos

Bild: FAZ.NET

Das Deutsche Filmmuseum gedenkt Ingmar Bergmans hundertsten Geburtstag und hat dessen einstige Muse Liv Ullmann eingeladen. Die Schauspielerin verrät, warum die düsteren Botschaften des legendären Regisseurs noch immer brandaktuell sind.

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          Zögerlich, fast widerstrebend blickt Liv Ullmann auf das kleine Smartphone, das ihre Videobotschaft an einen Freund aufnehmen soll. „Wo soll ich überhaupt hinschauen?“, fragt sie leicht irritiert. Das mattglänzende kleine Endgerät hat kaum eine Gemeinsamkeit mit den großen Filmkameras, vor deren Linsen die norwegische Schauspiellegende seit mehr als sechzig Jahren steht. Stattdessen symbolisiert das Kamerahandy für Ullmann ein großes Unheil in der heutigen Gesellschaft. Der permanente Informationsstrom, der mittels des multimedialen Endgeräts über die Menschen sich ergieße, sei zu groß. Die vielen Möglichkeiten, die es biete, würden die Gesellschaft lähmen. Dies führe zu Abstumpfung und Tatenlosigkeit.

          Alexander Davydov

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es sind Zustände, vor denen schon der große schwedische Regisseur Ingmar Bergman mit seinen Werken zu warnen versuchte: „Der größte Horror auf der Welt ist es, dass die Menschen von Gleichgültigkeit erfüllt sind“, erinnert sich Ullmann an ein Zitat des Filmmeisters, mit dem sie mehrere Jahre lang liiert war und als dessen Muse sie berühmt wurde. In zehn von Bergmans Filmen spielte die heute Neunundsiebzigjährige mit – darunter auch Klassikern wie „Persona“ (1966) oder „Die Stunde des Wolfes“ (1968). Die Geschichten, die der Autorenfilmer selbst schrieb, sind geprägt von Zerfall, Gewalt und Isolation. Was viele Kritiker als einen düsteren Spiegel Bergmans innerer Abgründe deuten, sieht Ullmann dagegen primär als Gesellschaftskritik. „Wenn man ihm richtig zuhört“, erklärt die Schauspielerin, „merkt man, dass er in Wirklichkeit das Zeitgeschehen kommentierte: Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg, Vietnam.“Die Krisen sind in der Zwischenzeit nicht weniger geworden. Die Zahl der leidenden Menschen sei größer denn je, sagt sie.

          Kampf gegen Lethargie: Schauspiellegende Liv Ullman plädiert an die Jugend.

          Inhalte werden immer schnelllebiger

          Die Inhalte der Medien, über die man sich darüber informiert, würden hingegen immer schnelllebiger. Dadurch könne die Tragweite des Gesehenen nur noch flüchtig zur Kenntnis genommen werden, während schon der nächste Input auf dem Display sich aufdränge: „Es fehlt uns die Zeit zu pausieren. Uns umzuschauen, was um uns herum überhaupt geschieht“, beklagt Ullmann. Ist im digitalen Zeitalter die Aufmerksamkeitsspanne der jüngeren Zuschauer den Botschaften Bergmans dann überhaupt noch gewachsen? Diejenigen, die es gewohnt sind, teilweise drastische Inhalte beliebig viel und überall zu konsumieren, all jene, die sich zusätzlich auf diese Weise berauschen lassen von Michael Bays oder Josh Whedons rasanten Filmen, sie könnten an Bergmans Werken scheitern. Denn die langen Einstellungen, theatralischen Dialoge und düsteren Bildkompositionen bergen die Gefahr, eine einschläfernde Wirkung zu haben.

          Und doch sieht Ullmann Anlass zur Hoffnung im Kampf gegen die Missstände in der Gesellschaft. So demonstrierten jüngst in ihrer Wahlheimat Amerika Tausende junge Erwachsene für strengere Waffengesetze. Dass sich viele Teilnehmer über die sozialen Medien mobilisiert, organisiert und darüber ihre Botschaften verbreitet haben, lässt die Schauspielerin dann doch leicht überrascht schmunzeln.

          Ingmar Bergman wird 100

          Zum hundertsten Geburtstag von Ingmar Bergman präsentiert das Kino des Deutschen Filmmuseums ausgewählte Werke des legendären Regisseurs.

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