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Literarische Heimat : Lesen auf Schloss Waldeck

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Ort des Literarischen Frühlings „Heimat der Brüder Grimm“: Schloss Waldeck. Bild: Bode, Henning

In der Landschaft Nordhessens haben drei Hoteliers unter dem Titel „Heimat der Brüder Grimm“ einen „Literarischen Frühling“ etabliert.

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          Ein kurzer Ausflug am Wochenende durch das Kurhessische Bergland nach Waldeck: Vorbei an der Donarquelle in Geismar, wo Bonifatius eine den Germanen heilige Eiche gefällt haben soll, womit die Christianisierung im Zentrum Deutschlands begann, mitten durch das mittelalterliche Fritzlar mit dem Dom und dem Mainzer Rad im Wappen, führt der Weg, die Eder aufwärts, an den Goldschürfern vorbei, auf die Edertalsperre zu und hinauf auf Schloss Waldeck. Dort steht der Schlossherr, der Hotelier Volker Deigendesch, im Hof und empfängt die Gäste nicht nur freundlich, sondern so herzlich, dass man keine Einladung abschlagen mag. Mit zwei Hoteliers, Christiane Kohl von der Bärenmühle in Frankenau und Michael Lembke von der Sonne in Frankenberg, hat er den Literarischen Frühling  und auf Schloss Waldeck organisiert.

          An diesem Abend liest auf dem Schloss John von Düffel aus seinem Buch „Goethe ruft an“. Der Blick vom Schloss auf den See ist so verlockend, dass sich die Besucher, die nicht ahnen, was ihnen an diesem Tage noch geboten werde, der Bitte des Hausherrn gerne fügen und im Restaurant Platz nehmen, um sich auch von einfachen Gerichten überzeugen zu lassen. Das Schnitzel ist wirklich ein Wiener vom Kalb, mit einer Zitronenscheibe, Sardellen und winzigen Kapern belegt, und der Spitzkohl passt einfach zur Bratwurst vom Wildschwein.

          Politiker, Schriftsteller und Konrad Zuse lebten hier

          Noch lange bevor es dämmrig wird, beginnt von Düffel seine Lesung, moderiert von Christiane Kohl, die nicht nur Gastronomin ist, sondern auch Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“ für Sachsen und Thüringen. Sie stammt aus Waldeck-Frankenberg, und sie zieht es, von allen Orten aus, an denen sie schon Station gemacht hat, immer wieder in den Norden Hessens. Auch der Autor dieses Abends wurzelt in der Region. Seinem Vater, einem Wissenschaftler, folgend und lange Zeit im Ausland lebend, wurde ihm Waldeck, wo die Großeltern ein Anwesen haben, zur Heimat. Auch Brigitte Zypries, die frühere Bundesjustizministerin, die sich am selben Tag schon unter der Moderation des „Zeit“-Redakteurs (und Nordhessen) Jochen Bittner mit den politischen Werken der Grimms auseinandergesetzt hat, stammt aus Kassel.

          Der Büchnerpreisträger Friedrich Christian Delius schließlich, der das Festival in Frankenberg eröffnet hatte, legte seine Abiturprüfung in Korbach ab und las aus dem Werk: „Die Frau, für die ich den Computer erfand“. Das Buch handelt vom Leben Konrad Zuses, der wiederum in Hünfeld lebte und in Bad Hersfeld sein Unternehmen hatte. Dem Erfinder des Computers gelang diese Weltrevolution mithin auch im Norden Hessens. Von einer Beschränkung des Festivals auf nordhessische Autoren, Moderatoren und Weltveränderer will Deigendesch freilich nichts wissen. „Das wäre uns zu eng“, obwohl Deigendesch aus den Diskussionen der ersten Festivaltage den Schluss zog: „Starke Literatur entsteht in einer starken Natur.“ Deigendesch sagt dies mit alemannischer Einfärbung in seiner Sprache. Endlich. Er ist also kein Nordhesse, lebt dort aber offenbar gerne, weil schon seit längerer Zeit.

          Von Düffel stürmt im Parforceritt durch sein Werk. Es geht um einen Literaten, den er Goethe nennt und der einen anderen, offenbar nicht so angesehenen Autor bittet, eine Schreibschule für ihn, Goethe, zu übernehmen, weil er, Goethe, in China weile, wo er, Goethe, an der Spitze der Bestsellerliste stehe. Das Werk hat etwas Autobiographisches. Von Düffel gibt Schreibkurse, und er ist kein Unbekannter. Selbst auf Schloss Waldeck füllt von Düffel beinahe einen ganzen Rittersaal. Weil er so schnell liest, haben die Moderatorin und das Publikum mehr Zeit für Fragen: was einen Autor inspiriere, wie wichtig und wie schwierig der erste Satz sei, wie nach Zeiten des Computers denn in Zukunft historische Forschung an Texten möglich sein werde, wenn der Autor nicht alle Versionen des Werdens seines Werkes zwischenspeichere und wer denn die Großeltern gewesen seien. Zwei Stunden gehen unterhaltsam vorüber, bis der Text gelesen, die letzte Frage beantwortet und der letzte Literaturfreund in der Schlange mit der Signatur seines Buchexemplars befriedigt ist.

          Eine starke Landschaft - mit und ohne Literatur

          Zufrieden sehen auch die Veranstalter aus. Von den 2.400 Plätzen im Auditorium, die während des Festivals noch bis Sonntag zur Verfügung stehen, waren sogleich 1.200 im Vorverkauf belegt. Vor allem am Wochenende wird es voll werden, wenn Günter Grass und Mario Adorf, aber auch John von Düffel lesen werden.

          Über dem See liegt ein tiefblauer Himmel über einem roten Saum am Horizont, mit dem Mond, Jupiter und Venus hoch über dem Schloss. Deigendesch hat recht: Es ist eine starke Landschaft, ob mit oder ohne Literatur. Aber mit Literatur ist es hier noch mal so schön. Darum wollen die Hoteliers das Festival im nächsten Jahr wiederholen.

          Internet

          www.literarischer-fruehling.de

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