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Linksautonomes Wohnprojekt : Punker-Biotop mit strenger Zugangskontrolle

Kein Zutritt für „Nazis“: Die Bewohner der „Au“ bleiben die meiste Zeit des Jahres lieber unter sich. Bild: Helmut Fricke

Es ist das am längsten besetzte Haus Deutschlands: Seit 34 Jahren ist die „Au“ im Frankfurter Stadtteil Rödelheim ein linksautonomes Wohnprojekt. Die Stadt lässt die Bewohner gewähren.

          3 Min.

          Die Sonne scheint warm auf die schicke Villa mit den weißgetünchten Wänden. Efeu wuchert über die Fassade, ein Fenster steht offen, hinaus hängt eine Bettdecke, die dort gelüftet wird. Ein bürgerliches Idyll, könnte man meinen. Doch der Schein trügt. Hinter den Mauern der Villa wird ein großes Fest vorbereitet – aus Anlass des vierunddreißigjährigen Bestehens der „Au“, wie die Bewohner ihr Zuhause nennen. Seit 1983 ist die Villa dauerhaft besetzt. Und dabei ging es nicht immer friedlich zu.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Haus im Rödelheimer Westen gehörte ursprünglich der Deutschen Bibliothek, stand in den achtziger Jahren aber leer. Um sich den Wohnraum „anzueignen“, besetzten Linksalternative die Villa. 1988 verkaufte die Bibliothek das Haus für 4,3 Millionen Mark an die Stadt und wurde so auch das Problem mit den Besetzern los. Seitdem gab es einige Räumungstitel und Überlegungen, was mit dem linksautonomen Zentrum geschehen solle. Passiert ist nicht viel. Es wurde nicht versucht, das Haus zu räumen, die Besetzer zahlten in den vergangenen Jahren aber auch keine Miete – die „Au“ ist in Vergessenheit geraten.

          Freundlich, aber bestimmt

          Wer in dem besetzten Haus wohnt, ist nicht ganz klar. Einige leben dort dauerhaft, manche nur für längere Zeit. Die Polizei zählte bei einem Einsatz in den neunziger Jahren einmal 15 Bewohner. Wie ein Sprecher der Behörde sagt, könnten es inzwischen bis zu 30 sein. Die Polizei habe aber keinen regelmäßigen Umgang mit den Bewohnern der „Au“, genauere Schätzungen gebe es daher nicht.

          Die Besetzer bleiben lieber unter sich. Nur einmal im Jahr, wenn sie die Wiederkehr des Datums der Besetzung feiern, öffnen sie das schwere Metalltor für Besucher. Wer das Haus an einem gewöhnlichen Tag sehen will, muss einen Bewohner kennen und ihn anrufen. Nach kurzer Zeit trottet dann jemand aus dem Hinterhof oder springt die Treppe vom Portal der alten Villa herunter und öffnet. Wer niemanden kennt, muss draußen bleiben. „Wir haben kein Interesse daran, dass uns mehr Leute kennenlernen“, sagt eine Frau um die vierzig. Die Bewohner finden es gut, dass die „Au“ unter dem Radar bleibt und sie so weniger Stress mit den Behörden oder der Stadt haben.

          Die Frau sieht entspannt aus, auf ihrem Arm ist eine Tätowierung zu sehen, als sie das Tor zudrückt. Sie ist freundlich, aber bestimmt – wer nicht dazugehört, kommt hier nicht rein. Dabei sieht es drinnen gemütlich aus: Im Hinterhof gibt es einen Biergarten, das schwarze Emblem der „Au“, das an ein Antifa-Zeichen erinnert, glänzt in der Sonne. Normalerweise gibt es jeden Donnerstag eine „Volksküche“, also meist veganes Essen zum Selbstkostenpreis.

          Quasi-Bleiberecht durch Duldung

          Auch mit den Flüchtlingen, die in Rödelheim im vergangenen Sommer untergebracht wurden, haben die Bewohner regen Kontakt. Als ältestes besetztes Haus in Deutschland hat die „Au“ viele Fans. Doch in ihrer Community sind nicht alle willkommen. Auf ihrer Internetseite schreiben die Besetzer: „Nazis, Pegida- oder AfD-Anhänger oder sonstige deutschtümelnden Deppen wollen wir nicht bei uns haben. Ihr habt zwar solche Leute als Freunde oder hängt mit ihnen beim Fußball oder sonstwo ab, seht euch aber selbst als neutral – auch ihr habt bei uns nichts zu suchen.“ Das klingt eindeutig. Die „Au“ versteht sich als politischer Freiraum und ist nach den Angaben der Bewohner gegen jede Art von Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und Sexismus. Allen anderen gegenüber will man aber „solidarisch“ sein.

          Die Stadt meint: Die „Au“-Bewohner sind gewaltbereit. Auch deshalb sei das Gelände bisher nicht geräumt worden, heißt es aus dem Liegenschaftsamt. Es sei eine „heftige Klientel“, eine Räumung würde zu einer Eskalation führen, glauben die Verantwortlichen. Ein Vorteil sei aber immerhin, dass die Polizei wisse, wo sich die Linken aufhalten. Die jahrzehntelange Duldung der Stadt hat außerdem schon zu einem Quasi-Bleiberecht geführt. Das Gebäude jetzt räumen zu lassen, würde also auch rechtlich schwer zu vertreten sein.

          Lange nicht von innen gesehen

          Trotzdem – die Stadt verschenkt Einnahmen, und für das Gelände ist die Nutzung „nicht schön“, wie es aus dem Liegenschaftsamt heißt. Anders sieht es der Sprecher des Planungsamts: „Die ,Au‘ ist auch eine Bereicherung für die Stadt.“ Zwar habe es schon öfter Interessenten für das Gelände gegeben, doch es sei wichtig, auch alternative Zentren zu erhalten. Viele linke Gruppen beschwerten sich, dass es in Frankfurt ohnehin zu wenig selbstverwaltete Projekte gebe, berichtet der Sprecher.

          Was das Gebäude heute wert ist, kann die Stadt nicht sagen, weil ihre Mitarbeiter es seit vielen Jahren nicht von innen gesehen haben. Mitte der neunziger Jahre taxierte das Liegenschaftsamt das Gelände mitsamt der Villa auf etwa acht Millionen Mark.

          Ansprüche nicht durchgesetzt

          Seit mehr als drei Jahrzehnten gibt es die „Au“. In den vergangenen Jahren haben sich deshalb einige fast bürgerliche Strukturen etabliert. Zum Beispiel bezahlen die Besetzer anscheinend Strom und Wasser, und es gibt einen Telefonanschluss. Der läuft zwar auf eine „Heidi Kabel“, aber zeigt doch: Die Au ist zu einem etablierten Ort in Rödelheim geworden. Aktionen wie die „Volksküche“ oder das Punk-Festival tragen dazu bei. Mit den Gewinnen aus dem Festival unterstützen die Bewohner nach eigenen Angaben „Menschenrechtsorganisationen, antifaschistische Arbeit und autonome Zentren“.

          Keiner der Helfer, die in der „Au“ wohnen, verdient etwas daran, wie die Bewohner sagen. Die „Au“ ist nach ihrer Überzeugung einer der letzten Orte in Frankfurt, an denen es wirklich nicht um Kommerz geht. So scheint es selbst die Stadt zu sehen, die ihre Ansprüche dort nicht durchsetzt. Das Fortbestehen des Punker-Biotops dürfte bis auf weiteres gesichert sein.

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