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„Lindley-Quartier“ Frankfurt : Aufbruch an der Automeile

Eines von zwei Hotels im neu entstehenden „Lindley-Quartier“: der Entwurf für das Hotel Lindenberg Bild: Animation Franken

An der Hanauer Landstraße entsteht das „Lindley-Quartier“. Fiat Chrysler zieht hierher, zwei Hotels und vier Bürohäuser sind geplant. Nur für ein Kino war kein Platz.

          Die Hanauer Landstraße trägt viele Namen. Automeile lautet einer, weil es rund um die Ausfallstraße im Ostend besonders viele Autohäuser gibt. Kreativmeile ist ein anderer, weil zahlreiche Werbeagenturen in der rauhen Gegend am Osthafen ansässig sind. Auf dem früheren Raab-Karcher-Areal entsteht nun eine Art Essenz der Hanauer Landstraße: ein großes Fiat-Chrysler-Autohaus, vier Bürogebäude, von denen eines von der Hilfsorganisation Medico, ein anderes von dem Personalvermittler Amadeus Fire und ein weiteres wahrscheinlich von einer Werbeagentur genutzt werden wird, ein Hotel der Marke Moxy und ein Lindenberg-Gästehaus entstehen auf dem etwa 200 mal 100 Meter großen Grundstück. Wohnungen sind wegen der nahen Industrieanlagen an dieser Stelle nicht erlaubt.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Projektentwickler Lang & Cie. hat dem Komplex schon einen neuen Namen gegeben: Lindley-Quartier, benannt nach der Lindleystraße, die das Areal vor dem Hafenbecken begrenzt. Es ist eines der größten Bauvorhaben, die derzeit in Frankfurt Gestalt annehmen. In den acht Baukörpern entstehen für fast 200 Millionen Euro mehr als 60.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, davon sind 40.000 schon vermarktet. Genug, um mit dem Bau zu beginnen. Der Abriss ist fast fertig, das Ausheben der Baugrube soll sich anschließen. „Wir können nahtlos weitermachen“, sagt Hauptgesellschafter Heinz-Günter Lang. Die ersten Gebäude sollen schon 2017 fertig sein.

          Bebauung zum Main wird aufgelockert

          Die Entwicklung war möglich, weil der inzwischen zum Konzern Saint Gobain gehörende Baustoffhandel Raab Karcher seinen Verwaltungssitz nach Offenbach verlagert hat. Statt eines langgezogenen Gebäudes sollen nun acht siebengeschossige Baukörper mit unterschiedlicher Architektursprache das Quartier prägen. Drei, eventuell vier Architekten sollen für Vielfalt sorgen. Auch städtebaulich bekommt das Gelände eine neue Figur. Zwei Querstraßen führen von der Hanauer Landstraße in Richtung Hafenbecken. Zur Hanauer wird der Blockrand geschlossen, zum Main wird die Bebauung etwas aufgelockert. Lang bebaut weniger Fläche, als baurechtlich möglich wäre: „Die Durchlässigkeit zum Hafenbecken bleibt erhalten.“

          Das große Gelände wird in drei Baufelder gegliedert. Auf dem am weitesten östlich, also in Richtung A661 gelegenen Baufeld entsteht nach einem Entwurf des Frankfurter Architekturbüros KSP Jürgen Engel Architekten die neue Deutschland-Zentrale von Fiat Chrysler. Der Autokonzern sitzt schon seit 2007 nur 250 Meter entfernt in einem anderen Gebäude an der Hanauer Landstraße und beschäftigt 360 Mitarbeiter. Etwa 180 von ihnen, die nicht im Außendienst tätig sind, ziehen Ende 2017 in den Neubau um.

          Kita für Quartier geplant

          Der Baukörper wird optisch gegliedert: der hintere, zum Hafenbecken gelegene Teil trägt eine Klinkerfassade, der vordere eine helle Rasterfassade, offenbar aus Glas und Aluminium. Im Erdgeschoss an der Hanauer Landstraße wird es eine Ausstellungsfläche für Autos der Marken Fiat, Jeep, Alfa Romeo und Abarth geben, außerdem sind Büros, Schulungsräume und eine Werkstatt geplant. „Wir wollen unseren Standort ausbauen und attraktiver machen“, sagt ein Sprecher. Er verbindet das neue Gebäude auch mit einem „Bekenntnis zu Frankfurt“. Ein auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittenes Gebäude direkt an der „Automeile“ sei ideal. Die Fiat-Niederlassung Rhein-Main an der Mainzer Landstraße bleibe zudem erhalten.

          Für die Deutschlandzentrale von Fiat Chrysler sieht das Design so aus. Bilderstrecke

          Auf dem mittleren Baufeld entstehen zur Hanauer Landstraße hin zwei Bürogebäude, die ebenfalls von KSP stammen. Eines trägt eine golden schimmernde Fassade und wird ein Hotel der Marke Moxy mit 220 Zimmern beherbergen. Die zur Marriott-Gruppe gehörende Marke orientiert sich an einer jungen Zielgruppe und liegt preislich auf einem Drei-Sterne-Niveau. Das Gebäude soll schon im Juni 2017 fertig sein, das Hotel soll pünktlich zur Internationalen Automobil-Ausstellung eröffnen. In das benachbarte Bürohaus zieht die Personalvermittlung Amadeus Fire ein. Es soll Anfang 2018 fertig sein.

          Im zum Hafen orientierten Grundstücksteil entstehen ein Lindenberg-Gästehaus, das seinen oft länger bleibenden Besuchern die Atmosphäre einer Wohngemeinschaft bietet. Die Architektur stammt von dem Frankfurter Büro Franken. Daneben baut die Stiftung und Hilfsorganisation Medico International ein eigenes Verwaltungsgebäude, in das im September 2017 auch andere karitative und kulturelle Organisationen einziehen können. Außerdem für das Erdgeschoss eine Kita geplant. Die Architektur dieses Hauses stammt vom Büro Tektonik, das auch für zwei weitere Gebäude auf dem dritten Baufeld verantwortlich ist. Für das in Richtung Hafen gelegene Gebäude verhandelt Lang & Cie. mit einer Werbeagentur. Die Nutzer für die verbleibenden Gebäude auf diesem Baufeld stehen noch nicht fest. Der Mietpreis liegt bei 16 bis 17,50 Euro je Quadratmeter.

          Kulturelle Nutzung werde vermisst

          Lang glaubt, dass sich das Lindley-Quartier gut ins Ostend einfügt, das von der Europäischen Zentralbank, der Osthafenbrücke und dem Hafenpark profitiere. Das Projekt passe hervorragend zur Hanauer Landstraße, die immer mehr zur Automeile werde. Hotels und Werber sorgten zudem für eine „urbane Atmosphäre“. „Die Hanauer ist rauh auf ihre Art, aber sie hat ein besonderes Flair“, sagt der Entwickler.

          Ralf Haerth, der 2003 die Standortinitiative „Eastside Frankfurt“ mitgegründet hat, spricht von einem „herausragenden Projekt“, das die Hanauer Landstraße bereichern werde. Allerdings vermisst er eine kulturelle Nutzung. So sei anfangs auch ein hochwertiges Kino auf dem Areal geplant gewesen. Die Hanauer Landstraße sei eine Erfolgsgeschichte. Fraglich sei nur, ob sie nach den drei neuen Hotels - auch auf dem Mayfarth Quartier kommt ein weiteres hinzu - noch weitere vertrage. Auch die Stadtverwaltung ist mit dem Projekt zufrieden. „Die Nutzung passt gut zur Hanauer Landstraße und ist eine Kurzfassung dessen, was es dort ohnehin schon gibt“, sagt der Sprecher des Planungsdezernats.

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