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Lilo Gwosdz : Das Versteck in der Küche

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Erinnerung: Ihr Kopf sei so voller Geschichten, sagt Lilo Gwosdz. Bild: Kaufhold, Marcus

Die Frankfurter Modefotografin Lilo Gwosdz hat ein Buch über ihre Kindheit und Jugend in Breslau geschrieben. Es enthält viele berührende Geschichten.

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          Geschichten erzählen, das kann Lilo Gwosdz. Sie ist kaum zu stoppen, wenn sie aus ihren mittlerweile 91 Lebensjahren berichtet. Auch wenn ihre Augen sie nicht mehr alles sehen lassen – der Verstand hat kaum an Schärfe eingebüßt. Es ist Erstaunliches, ja Außergewöhnliches und Berührendes, an das Lilo Gwosdz in ihrem ersten Buch „Breslau.

          Erinnerungen und Erzählungen einer Schlesierin“ zurückdenkt. Sie hat sich entschieden, dafür nicht etwa aus ihrer Zeit als eine der führenden Mode- und Pelzfotografinnen in Frankfurt zu berichten. Aus dieser Lebensphase fanden bereits vor einigen Jahren rund 50 ihrer Bilder den Weg ins Historische Museum, wo sie gerade katalogisiert werden.

          „Es war für uns beide selbstverständlich, dass wir nicht davon reden“

          Lieber erzählt sie aus den frühen Jahren, der Kindheit und Jugend in ihrer Heimatstadt Breslau. „Es ist mir alles noch so präsent“, sagt sie.
          Doch auch von dort gibt es Verbindungen in ihre spätere Wahlheimat Frankfurt. Etwa die zu einem seit den späten fünfziger Jahren bekannten Pelzhändler, der lange Lilo Gwosdz’ Auftraggeber war. Dass sie ihn fast 20 Jahre zuvor im Haus ihrer Freundin Friedel in Breslau, versteckt hinter einer kleinen Tür in der Küche, hätte antreffen können, erfuhr sie erst in Frankfurt. Denn die Freundin und ihr Ehemann, ein überzeugter Kommunist, hatten den von den Nationalsozialisten Verfolgten damals über Monate versteckt gehalten. Sie wurden denunziert, der Ehemann wurde wenig später hingerichtet. Den Pelzhändler konnten sie vorher in Sicherheit bringen.

          Ihn verschlug es nach Frankfurt, wo Lilo Gwosdz bei einem Treffen erst zwei Jahrzehnte später von ihrer Freundin die Wahrheit über den Tod des Ehemannes erfahren sollte. Gesprochen hat der Pelzhändler mit ihr nie mehr über sein Schicksal. „Es war für uns beide selbstverständlich, dass wir nicht davon reden“, sagt sie heute. Doch dieses Gespinst aus Zufällen oder Fügung für die Nachwelt zu erhalten, war Lilo Gwosdz’ Antrieb, deshalb schrieb sie die Geschichte auf.

          Für Lilo Gwosdz erfüllte sich ein Traum

          Ebenso wie den Rückblick auf ihre Freundschaft mit dem expressionistischen Maler Ludwig Meidner, den sie von 1959 bis zu seinem Tod im Jahr 1966 regelmäßig in seinem Atelier in Hofheim-Marxheim besuchte. Sie stand ihm Modell, malte und fotografierte ihn aber auch selbst. Eines ihrer Porträts in Öl hängt noch heute in ihrem Arbeitszimmer, das Pendant von ihm überließ sie dem Jüdischen Museum für Kunst in London.


          Dies alles zu Papier zu bringen, die schlesischen Bräuche oder ihre Erlebnisse hinter den Kulissen der Breslauer Oper, ist Lilo Gwosdz nicht leicht gefallen. Schon als Mädchen ging sie nicht gern zur Schule, sondern trieb sich lieber im Theater herum. Später drückte sie sich mit Hilfe der Kamera und des Pinsels aus. Bis heute leidet sie unter einer Rechtschreibschwäche. Doch ihr Kopf sei so voller Geschichten, sagt sie, die müssten einfach heraus. Markus Elsner, ein mit ihr befreundeter Künstler, sichtete die Texte aus den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren und gab sie nun heraus.


          Für Lilo Gwosdz erfüllte sich ein Traum: „Ich bin so stolz, dass ich das Buch überall hin mitnehme.“ Auch wenn sie mit dem Alter ein wenig hadert, weil die schlechten Augen sie als Fotografin und Malerin zur Untätigkeit verdammen, hat sie noch genug Ideen. „Ich war als junges Mädchen ein dreiviertel Jahr lang mit einer fahrenden Theaterbühne unterwegs“, erzählt sie. Die Erlebnisse dort sollten für ein zweites Buch reichen.

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