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Ärzte schlagen Alarm : Wenn Antibiotika und Impfstoffe fehlen

Gefahr: Immer mehr Bakterien sind resistent gegen Antibiotika, die überdies nicht immer so verfügbar sind, wie es sein sollte Bild: dpa

Der Präsident der hessischen Ärztekammer spricht von einer „Katastrophe“: Immer öfter können Arzneimittel nicht geliefert werden. Ersatz-Medikamente wirken oft schlechter.

          Antibiotika, Narkosemittel, Impfstoffe: immer wieder berichten Ärzte und Apotheker von Lieferschwierigkeiten für Arzneimittel. 40 Medikamente sind es aktuell nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, dem Hersteller auf freiwilliger Basis Engpässe melden. Hinzu kommen 24 Impfstoffe, die laut Robert Koch-Institut nicht zur Verfügung stehen. Für Schlagzeilen sorgten zuletzt das Narkosemittel Remifentanil und das Breitband-Antibiotikum Piperacillin/Tazobactam.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Plötzlich stehen Medikamente, die dringend zur Behandlung von zum Teil lebensbedrohlichen Erkrankungen benötigt werden, für Wochen nicht zur Verfügung“, klagt der Präsident der hessischen Ärztekammer, Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach. Für Patienten sei dies „schlichtweg eine Katastrophe“. Sie müssen dann mit Alternativpräparaten behandelt werden, die zum Teil schlechter wirken oder Nebenwirkungen haben.

          „Mit Hängen und Würgen“

          Größere Versorgungslücken habe es noch nicht gegeben, berichtet Detlef Weidemann, Vorstandsvorsitzender des Hessischen Apothekerverbands. „Wir bekommen es noch mit Hängen und Würgen hin.“ Aber es sei mit Aufwand für Apotheker und Ärzte verbunden, sagt Ursula Funke, Präsidentin der Landesapothekerkammer. Den Patienten müsse erklärt werden, warum die Tabletten anders aussähen oder sie diese anders einnehmen müssten.

          Die Ursachen für die Lieferengpässe können nationale und globale Gründe haben. Im Wesentlichen ist es eine Frage des Geldes. Großhändler und Hersteller verkaufen zum Beispiel größere Mengen in Länder, in denen sie höhere Gewinne erzielen, wie Großbritannien oder Kanada. Rabattverträge, die deutsche Krankenkassen mit Herstellern abschließen, führen dazu, dass die Produktion von anderen Produzenten gedrosselt wird. Viele Wirkstoffe werden ohnehin nur in wenigen Fabriken hergestellt. Nach Ablauf von Patenten wird die Produktion oft unrentabel, verlagert sich in Billiglohnländer Asiens und Osteuropas, in denen die Sicherheitsstandards geringer sind. Kommt es dort zu Verunreinigungen oder gar Produktionsausfällen, wie im Fall von Piperacillin/

          Tazobactam nach einer Explosion in einem chinesischen Werk, gibt es keinen Nachschub auf dem Weltmarkt.

          Der Lieferausfall des Breitband-Antibiotikums trifft vor allem die Kliniken, die es bei schwersten Infektionen von Risikopatienten einsetzen. Durch die Kombination der beiden Substanzen entstehen weniger Resistenzen bei Erregern. „Die Ärzte müssen auf Reserve-Antibiotika ausweichen“, sagt Rolf Teßmann, Chefarzt für Anästhesiologie an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt. Dadurch entstünden mehr multiresistente Erreger. Deshalb hat die von ihm geleitete Arbeitsgruppe zum Einsatz von Antibiotika im Rhein-Main-Gebiet eine Liste mit Alternativen erstellt. Auch das Narkosemittel Remifentanil kann nur schwer ersetzt werden. Es zeichnet sich durch eine gute Verträglichkeit aus, wie Christian Vorländer sagt. Der Chefarzt der Klinik für Endokrine Chirurgie am Frankfurter Bürgerhospital kann für Schilddrüsenoperationen auf andere Mittel ausweichen. „Aber danach wird Patienten oft schlecht, sie müssen erbrechen.“ Weil das nach dem Eingriff am Hals zu Blutungen führen kann, erhalten sie ein Medikament gegen Übelkeit, das teurer ist als die Narkosemittel.

          Lieferengpässe führen häufig zu Mehrkosten. In der jüngsten Vergangenheit seien Schilddrüsenhormone nicht in jeder Dosis erhältlich gewesen, berichtet Vorländer. Weil die Tabletten mit 88 Mikrogramm des Wirkstoffs fehlten, mussten Patienten neu eingestellt werden. Das dauerte nicht nur sechs Wochen, sondern machte zusätzliche Laboruntersuchungen nötig. „Es kommt auf die genaue Dosierung an“, sagt Vorländer. Bei Schwankungen können die Patienten zunehmen, an Herzklopfen, Schweißausbrüchen oder Schlafstörungen leiden. „Daran stirbt keiner, aber es belastet die Patienten.“

          Anders ist dies bei Zytostatika zur Krebsbehandlung. Solange nur ein einzelnes Mittel fehle, könne es ersetzt werden, sagt Sven Becker, Direktor der universitären Frauenklinik. Es gebe aber für die Chemotherapie wichtige Substanzen, bei denen das nicht möglich sei. „Zum Glück hat es da in meinem Fachgebiet noch keine Engpässe gegeben.“ Dann könnten Krebspatienten nicht geheilt werden oder würden früher sterben. Bisher sei in der Gynäkologie nur das Chemotherapeutikum Caelyx ausgefallen, mit dem Brust- und Eierstockkrebs behandelt würden. Das sei jedoch kein Standardmittel. Allerdings hätten dadurch Studien abgebrochen werden müssen, was viel Geld gekostet habe.

          Auch die Bad Homburger Kinder- und Jugendärztin Barbara Mühlfeld, Sprecherin des Berufsverbands in Hessen, hat schon Therapien abbrechen müssen, nachdem Mittel plötzlich nicht mehr lieferbar waren. Weil die Zulassungsbestimmungen geändert würden, gebe es zur Zeit Engpässe bei Therapie-Allergenen zur Hyposensibilisierung, berichtet Mühlfeld. Nach einer Pause von drei bis vier Monaten könne die Therapie bei Allergikern nicht fortgesetzt werden, zu groß sei das Risiko eines Schocks. Dann müsse wieder mit einer geringen Dosis begonnen werden.

          Schwierigkeiten mache auch das Fehlen von Impfstoffen. Vor etwa vier Jahren konnten Kinder drei bis vier Monate lang nicht gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft werden. Zuletzt waren Mehrfachimpfstoffe für die Grundimmunisierung gegen fünf beziehungsweise sechs Erkrankungen nicht verfügbar. „Dann müssen wir die Impfschema ändern“, berichtet Mühlfeld. Zum Teil seien längere Abstände nötig, Eltern müssten mit ihren Kindern öfter kommen.

          Dass die Hersteller nicht stärker in die Pflicht genommen werden, wundert nicht nur Mühlfeld. Ärzte aus Fachverbänden und Kammern forderten jüngst für Hersteller eine Meldepflicht von Lieferengpässen, eine Liefergarantie für unverzichtbare Mittel sowie den Aufbau einer nationalen Arzneimittelreserve.

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