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Engpass bei Medikamenten : Wenn das Arzneimittel nicht mehr zu haben ist

Immer häufiger müssen Apotheker ihre Kunden enttäuschen, weil benötigte Medikamente nicht mehr vorrätig sind. Bild: dpa

Patienten im Rhein-Main-Gebiet bekommen immer häufiger nicht ihre benötigten Medikamente. Apotheker müssen manche Kunden aufgrund von Lieferengpässen wegschicken. Doch das Problem ist längst nicht mehr nur regional.

          Patienten bekommen immer öfter die Folgen von Lieferengpässen bei Medikamenten zu spüren. Und auch Apotheker stoßen an ihren Grenzen. Einer von ihnen ist Klaus LangHeinrich. Der Zweiundsechzigjährige arbeitet als Vertretungsapotheker. Wechselnd ist er in sieben Filialen in Frankfurt im Einsatz. Überall begegnen ihm die gleichen Probleme: Es gibt Schwierigkeiten in der Medikamentenversorgung und eine wachsende Zahl verunsicherter Kunden. Erst vor wenigen Tagen musste er einen chronisch kranken Mann wegschicken, ohne ihm sein Medikament aushändigen zu können. „Ein ungutes Gefühl“, sagt LangHeinrich. Auch die Versuche, ein vergleichbares Präparat eines anderen Anbieters zu beschaffen, schlugen fehl.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Wir haben derzeit eine Unmenge an Lieferengpässen bei Medikamenten“, sagt der Apotheker. Besonders davon betroffen sind seiner Erkenntnis nach verschiedene Standardimpfstoffe, Blutdrucksenker, Antibiotika, das Schmerzmittel Ibuprofen, Medikamente der Krebstherapie sowie spezielle Notfall-Sets für Allergiker. „Wir versuchen, den Patienten immer zu helfen und eine Lösung zu finden, aber das wird immer komplizierter.“

          „Kein regionales Problem“

          Wie groß die Schwierigkeiten wirklich sind, geht auch aus einer Antwort des hessischen Sozialministers Kai Klose (Die Grünen) auf eine Anfrage der SPD im Landtag hervor. Klose bestätigt darin, was LangHeinrich seit längerer Zeit erlebt: Die Situation ist angespannt.

          „Das Problem der Lieferengpässe ist kein regionales“, so lautet Kloses Einschätzung. Er verweist auf eine Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BAfM), die ständig aktualisiert wird. Die Medikamentenhersteller sollen dort frühzeitig Liefer- oder Produktionsengpässe melden. Etwa 200 Medikamente, für die es ein Versorgungsproblem gibt, stehen derzeit auf der BAfM-Liste.

          Apotheker Lang Heinrich vermutet, dass es in Wirklichkeit weitaus mehr sind. Auch eine Mitarbeiterin einer Darmstädter Apotheke schlägt Alarm. „Es fehlt alles Mögliche“, sagt sie. Manchmal dauere es bis zu 20 Minuten, um ein einziges Rezept zu bearbeiten. „Ich muss bei jedem einzelnen nachschauen, ob die Ware überhaupt lieferbar ist.“ Selbstverständlich sei das schon lange nicht mehr. „Wir versuchen zu besorgen, was noch zu besorgen ist. Aber der zusätzliche Arbeitsaufwand wird nicht vergütet.“ Einmal müsse sie beim Hersteller direkt anrufen, ein anderes Mal versuche sie es in anderen Apotheken, dann wieder halte sie Rücksprache mit dem behandelnden Arzt, um über eine Alternative zu beraten.

          Verunreinigter Wirkstoff

          Die Landesregierung hat das Thema laut Klose schon vor einiger Zeit erkannt und in die Gesundheitsministerkonferenz eingebracht. Zudem habe man sich dafür eingesetzt „dass die Versorgungssicherheit auch in der 19. Legislaturperiode ein Thema des Pharmadialogs bleibt“.

          Die Landesapothekerkammer meldet in erster Linie Schwierigkeiten bei der Versorgung der Patienten mit blutdrucksenkenden Mitteln. Im vergangenen Jahr musste eine große Charge von Produkten dieser Art zurückgerufen werden, da eine Verunreinigung eines bestimmten Wirkstoffs vermutet wurde. Von diesem Vorfall hat sich der Markt bis jetzt nicht erholt.

          Fällt ein Hersteller aus, dauert es oft lange, bis der Bedarf wieder gedeckt werden kann. So werden von rund 500 verschreibungspflichtigen Wirkstoffen, die vom BAfM als „versorgungsrelevant“ eingestuft wurden, etwa 300 von nur drei oder weniger Unternehmen angefertigt. Kann eine Produktionsstätten nicht liefern, bekommen die Patienten das umgehend zu spüren. Die Zunahme regulatorischer Anforderungen, Verteilungs- und Lagerprobleme und ein steigender Preis- und Rabattdruck seien weitere Gründe für Lieferengpässen, äußert Klose.

          Kunden sind verunsichert

          Den Vorschlag des Ärztepräsidenten Klaus Reinhardt, eine „nationale Arzneimittelreserve“ aufzubauen, sieht Klose trotzdem skeptisch. Eine solche komme „allenfalls ausnahmsweise“ in Betracht. Schließlich stehen nach seinen Worten „in den allermeisten Fällen alternative Arzneimittel anderer pharmazeutischer Unternehmer für die Versorgung der Patienten zur Verfügung (...)“. Dass Patienten wegen des Medikamenten-Engpasses nicht ausreichend hätten behandelt werden können, sei der Landesregierung nicht bekannt, ist weiter in der Stellungnahme zu lesen.

          Apotheker LangHeinrich, der auch Delegierter der Landesapothekerkammer ist, hätte ihm da etwas anderes berichten können. Allein zwei Patienten habe er in der vergangenen Woche wegschicken müssen, ohne ihnen eine Alternative anbieten zu können. LangHeinrich setzt auf Aufklärung der Kunden. Er versucht, ihnen die Situation zu erklären. Das koste Zeit und Nerven. Besonders älteren Patienten mit chronischen Erkrankungen sei es mitunter schwer begreiflich zu machen, wieso sie immer öfter Medikamente anderer Hersteller erhielten. „Der Wirkstoff bleibt gleich, aber es kann passieren, dass die Tablette mal eine andere Form, Farbe oder Größe hat“, sagt er. Das verunsichere viele.

          Für Apotheker wie ihn werde es immer komplizierter, den Kunden überhaupt eine Alternative anbieten zu können. Die Krankenkassen hätten oft Rabattverträge mit bestimmten Herstellerfirmen. Auf andere Anbieter auszuweichen sei nur nach strengen Regeln möglich, erläutert LangHeinrich. Und fügt an: „Bis vor zehn Jahren konnte man auf das deutsche Versorgungssystem stolz sein, durch den Preiskampf ist vieles verloren gegangen.“

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