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Konkurrenz für Amazon : Schneller als die Internetbestellung

Abgefahren: Michael Schäfer holt bei Ute Schieferstein Bücher ab. Bild: Michael Kretzer

Ein lokaler Lieferdienst kämpft in Friedrichsdorf gegen den übermächtigen Internetriesen Amazon. Mit einem elektrisch angetriebenen Auto fährt er Bücher, Wurst und Salat zu den Kunden. Ganz ohne Zusatzkosten für die Käufer.

          An diesem Nachmittag hat Michael Schäfer wieder einmal kurze Wege. Der Buchladen an der Hugenottenstraße ist regelmäßig sein Ziel. Danach geht er nur wenige Schritte zur Metzgerei gegenüber und holt eine prall gefüllte Tüte ab. Im Obstladen am Landgrafenplatz wartet schon Verkäuferin Birgit Radtke. Schäfer packt Tüten und Pakete aus den Geschäften in einen Kleinwagen und rollt fast lautlos davon. Mit dem elektrisch angetriebenen Auto fährt er zu den Kunden, um Bücher, Wurst und Salat abzugeben. Ganz ohne Zusatzkosten für die Käufer.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          „Friedrichsdorf bringt’s“ lautet der doppeldeutige Spruch, mit dem Geschäftsleute der Hugenottenstadt seit Oktober einen Lieferservice anbieten. Zwei ineinandergreifende „F“, deren Querstriche als Pfeile gestaltet sind, weisen als markantes Logo an den Ladentüren darauf hin. Bei einer Befragung hatten Friedrichsdorfer Senioren ein solches Angebot als wünschenswert genannt. Der Gewerbeverein „Aktives Friedrichsdorf“ griff das Thema auf. „Unser Arbeitskreis Digitalisierung befasst sich seit längeren mit Online-Handel“, sagt Sprecher Claus Hagenhoff.

          „Eine Aktion des Handels für die Kunden“

          Die Stadt hat beim Start geholfen und nach Worten von Wirtschaftsförderer Uwe Hild Aufkleber, Werbung und die Kleidung für den Fahrer bezahlt. Ansonsten liege der Betrieb aber in den Händen des Gewerbevereins. Die laufenden Kosten wie den 400-Euro-Job des Fahrers finanzieren die teilnehmenden Händler mit einer monatlichen Pauschale. Wobei sich auch der Verein, zu dessen 100 Mitgliedern auch Dienstleister, Handwerker, Gastronomen und Freiberuflicher gehören, zurücknimmt. „Das Ganze soll eine Aktion des Handels für die Kunden sein“, sagte Hagenhoff. Letztere müssen nicht aus Friedrichsdorf kommen. Geliefert wird auch nach Bad Homburg, Rosbach und Wehrheim, und zwar montags bis freitags. Was bis 15 Uhr bestellt ist, wird, falls vorrätig, am gleichen Tag zwischen 16 und 20 Uhr gebracht.

          Das Prinzip Ware bestellen und liefern lassen erinnert natürlich an Amazon, aber auch Hagenhoff weiß, dass der Name des größten Online-Händlers höchstens der Aufmerksamkeit dienen kann. „Das ist nicht unser Konkurrent“. Es gehe darum, lokale Kaufkraft zu binden. Auch der städtische Wirtschaftsförderer Hild stellt den Charakter als regionaler Lieferservice heraus: „Klein, fein, smart.“ Nach den Erfahrungen der ersten Wochen schätzen beide das Aufkommen auf fünf bis zehn Lieferungen am Tag. Einen Querschnitt durch die Dinge des täglichen Lebens wolle man anbieten, sagt der Gewerbevereinssprecher zur Liste der inzwischen 18 Teilnehmer.

          „Die Resonanz ist sehr positiv“

          Die Kunden der Buchhandlung haben das Angebot „sehr gut angenommen“, sagt Inhaberin Ute Schieferstein. „Ältere Kunden nutzen es gern, aber auch eine jüngere wurde krank und brauchte dringend etwas zu lesen“, erzählt sie. Da Fahrer Michael Schäfer nicht für die verschiedenen Geschäfte kassieren und einzeln abrechnen kann, kommt Schieferstein auf unterschiedliche Weise zu ihrem Geld. „Manche bekommen eine Rechnung, andere bezahlen bei der Bestellung und andere, wenn sie das nächste Mal im Laden vorbeikommen.“

          Ähnlich ist es bei Obst-Kraft nebenan. „Die Resonanz ist sehr positiv“, sagt Birgit Radtke. „Wir haben auf diese Weise einige Kunden dazubekommen.“ Manche Stammkunden ließen sich einmal in der Woche Obst und Gemüse bringen. Wer sich mit dem Tragen schwertue, könne sich die im Laden ausgesuchte Ware liefern lassen. „Denn hier kommt man ja doch auf andere Ideen“, sagt die Verkäuferin. Den Blick auf die Auslage der Theke hält auch Metzgermeister Thomas Seitz für unverzichtbar. „Das ist etwas anderes, als wenn man nur zu Hause eine Liste macht.“ Etwa 20 Lieferungen in der Woche gebe man bisher auf. „Für uns ist das erst einmal keine Entlastung, denn wir müssen die Rechnung schreiben und den Geldfluss kontrollieren.“ Aber Seitz wirbt dafür, dem Angebot Zeit zu geben.

          Selbst der kleine Tabak- und Zeitschriftenladen auf der gegenüberliegenden Straßenseite macht mit. „Die Leute lassen sich eine Zigarettenstange bringen, bei Zeitschriften lohnt sich das wegen der Kleinbeträge nicht“, sagt Verkäuferin Rosita Düringer. Mit Meridian Reisen findet sich auch ein Reisebüro auf der Teilnehmerliste. „Wir haben das noch nicht genutzt“, sagt Gabriele Flesch, „die Saison geht erst los.“ Bei Studienreisen könne es schon einmal größere Pakete mit Reiseunterlagen geben. „Wir wollen aber auch das Projekt unterstützen.“ Eric Aumüller, Optiker und Hörgeräteakustiker, hat den Service ebenfalls noch nicht in Anspruch genommen. Er kann sich aber vorstellen, reparierte Hörgeräte und Brillen oder Ersatzbatterien ausliefern zu lassen. Das macht er bisher selbst – nach Geschäftsschluss.

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