https://www.faz.net/-gzg-8kks6

Liebesschlösser-Aktion : Schaumwein statt Skulptur

Darauf einen Crémant: Zu trinken gibt es jedenfalls genug. Bild: Wolfgang Eilmes

Nach der groß aufgezogen Liebesschlösser-Aktion der Künstlergruppe „Frankfurter Hauptschule“ bleibt nicht mehr viel. Sie war vor allem ein Mediencoup.

          Wie sie sehen, sehen sie nichts. Kaum das jedenfalls, was sich die Vernissagengäste nach dem Wirbel der vergangenen Tage von der Aktion erhofft haben mögen. Kein Krawall oder Skandal, nicht Kunst noch Trash noch Happening und schon gar nicht die von den anonymen Künstlern der „Frankfurter Hauptschule“ versprochene Skulptur. Auch von den angeblich geknackten Tausenden von Liebesschlössern keine Spur. Stattdessen eine hübsch aufgesockelte Zinkbadewanne vom Trödel, gefüllt mit Eis und Bier und einem leckeren Crémant, sowie ein Video, das noch einmal die von schwer verliebten Pärchen an Brückengeländer in aller Welt gehefteten Treueversprechen zu „modernen Keuschheitsgürteln“ erklärt und zur befreienden Tat aufruft.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einen Euro hatten die „Hauptschüler“ für jedes Schloss versprochen, das man ihnen vom Eisernen Steg in den „conSpace“ genannten Ausstellungsraum im „Atelierfrankfurt“ bringen wollte. All das Altmetall sollte am Ende eingeschmolzen und in eine Form gegossen werden. Rund 3000 Vorhängeschlösser sollen innerhalb von drei Tagen eingegangen sein, doch die Pointe am Donnerstagabend ist ein müder Witz. Dabei hätte man es ahnen können, ist doch die Aktion wie schon vor Jahresfrist die „Heroin-Performance“ zunächst einmal Konzept. Ein Konzept freilich, das sich in der so vorhersehbaren wie vornehmlich medialen Aufregung leider schon erschöpft.

          Man fühlt sich von der „Hauptschule“ verschaukelt

          Zeitungen, Radio- und Fernsehsender sind auf die Geschichte angesprungen. Chapeau. Schon findet sich der ganze Medienzirkus mit frappierend schlichten Mitteln vorgeführt. Darauf mag man schon mal anstoßen mit einem Gläschen perlenden Crémants. Und könnte darüber beinahe vergessen, dass die Aktion gegen „kleinbürgerliche Ästhetik“, gegen „Zwangsliebe“ und „Liebeszwang“ nur eine – und keineswegs die stärkste – der Positionen darstellt, die Raul Gschrey und Michaela Filla-Raquin für ihre Schau namens „Passagen“ versammelt haben. Zum Abschluss der Ausstellungsreihe im „conSpace“ wollten die Kuratoren dem Umgang mit Symbolen im öffentlichen Raum nachgehen.

          Während man sich von der „Frankfurter Hauptschule“ ein wenig verschaukelt fühlt, hätte man von manch anderem der vertretenen Künstler gerne mehr gesehen. Das gilt für das Video Agata Pietrziks, die in Offenbach studiert, ebenso wie für die Arbeit des rumänisch-französischen Künstlers Daniel Djamo. Stark sind auch die Aufnahmen, die Christian Engels kurz vor der Sprengung des AfE-Turms in dem leerstehenden Gebäude gemacht hat, und die Videoperformance Girmachew Getnets, die man sich statt auf Monitoren als Installation mit drei oder vier Leinwänden wünschen würde.

          Nichts zeigen diese Bilder als den äthiopischen, in Frankfurt lebenden Künstler selbst, wie er im Stadtraum, im Park oder vor einer schlichten weißen Wand eine mal rote, mal weiße, mal grüne, gelbe oder blaue Fahne schwenkt. Ob hier einer für den Frieden oder den Islam, die Revolution, die Kunst oder die Liebe demonstriert, ein Bekenntnis abgibt oder im Gegenteil ein jedes prinzipiell befragt und dementiert, all das bleibt offen. Was man sieht, ist nichts als Geste, Form und hohles Ritual. Und dann beginnt das Ganze einfach noch einmal von vorn

          Weitere Themen

          Eine Stadt aus Pappkartons Video-Seite öffnen

          Frankreich : Eine Stadt aus Pappkartons

          Kartons, Klebeband und viele Helfer: Viel mehr braucht Olivier Grossetête nicht für seine Bauwerke. In der französischen Stadt Le Havre steht die bislang größte Pappkreation des Künstlers, gebaut von Freiwilligen.

          Topmeldungen

          Rentenangleichung : Das Märchen von der Armut

          Bald werden die Renten im Osten denen im Westen gleichgestellt sein. Manchen gilt das als Vollendung der deutschen Einheit. Es hat aber auch seine Tücken.

          Vegane Ernährung : Arbeit ohne Heiligenschein

          Immer mehr vegane und vegetarische Lebensmittel kommen auf den Markt. Um sie herum gibt es jede Menge Berufe. Wie ideologisch muss man sein, um in der Branche klarzukommen?

          Wachsende Bewegung : Feministinnen aller muslimischen Länder, vereinigt euch!

          Gewalt gegen Frauen ist eine globale Seuche. In muslimischen Ländern wird fast jede dritte Frau von ihrem Mann misshandelt. Unterdrückt werden sie nicht vom Islam – sondern vom patriarchalen System. Dagegen begehren immer mehr auf. Gastbeitrag einer Bloggerin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.