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Kommentar : Merkel? Warum nicht?

Die höchste Auszeichnung Hessens, die Leuschner-Medaille, soll an Angela Merkel gehen. Für Traditionalisten eine Zumutung, denn Volker Bouffier bricht mit seiner Wahl gleich mehrere Tabus.

          Etwa so könnte es gewesen sein: An einem schönen Sommertag sitzt Ministerpräsident Volker Bouffier in seinem großen Büro in der Staatskanzlei, bespricht sich mit seinem Büroleiter, und weil gerade nichts Dringendes anliegt, kommt man auf die Wilhelm-Leuschner-Medaille zu sprechen. „Das ist immerhin die höchste Auszeichnung des Landes“, sagt der Adlatus zu seinem Chef. „Und Sie allein entscheiden, wer sie bekommt.“

          Bouffier nickt und denkt nach. Der Büroleiter sagt dann: „Wir könnten sie dem Roland ...“. Bouffier unterbricht ihn mit einer abwehrenden Handbewegung. „Das geht nicht, der Eichel hat sie auch noch nicht.“

          Der Büroleiter macht noch einen Versuch: „Wir könnten sie Christean Wagner geben, der freut sich. Allerdings müssten wir dann noch einen passenden Preisträger von SPD, Grünen und FDP finden. So machen wir das immer.“ Bouffier schaut ihn traurig an. „Wenn wir keine Politiker wollen, dann könnten wir einen Architekten oder einen Schauspieler ehren“, schiebt sein Mitarbeiter nach.

          Gleich mehrere Tabus gebrochen

          Bouffier schließt die Augen, er erinnert sich an die Feiern der vergangenen Jahre, gediegene Atmosphäre am 1. Dezember, dem hessischen Verfassungstag, doch die Presse berichtete allenfalls kurz, und das Fernsehen ließ sich gar nicht blicken.

          „Wir müssen größer denken“, sagt Bouffier, „wie wäre es mit Merkel, zum Jahrestag des Mauerfalls? Dass sie Verdienste um die demokratische Gesellschaft hat, kann wohl niemand bestreiten.“ Der Büroleiter ringt mit sich, dann sagt er: „Aber was hat sie mit Hessen zu tun? Und fragen wir dann auch Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher und Joschka Fischer?“ Doch Bouffier will von den Einwänden nichts hören. „Merkel und sonst niemand“, sagt er, und der Büroleiter hört am Tonfall, dass die Diskussion beendet ist.

          So könnte es sich zugetragen haben. Jedenfalls hat Bouffier gleich mehrere Tabus gebrochen: Es wird eine aktive Politikerin ausgezeichnet; es wird nur eine einzige Politikerin ausgezeichnet, ohne Rücksicht auf Proporz, und dann auch noch eine Parteifreundin des Ministerpräsidenten; es wird eine Person ausgezeichnet, die Hessen nicht besonders verbunden ist; und dann muss die Ehrung mit Rücksicht auf Merkels Terminkalender auch noch auf einen anderen Tag verlegt werden.

          Ziemlich viele Zumutungen für Traditionalisten. Aber unvoreingenommen betrachtet, ist es doch eine einleuchtende Entscheidung, die dem Renommee der Auszeichnung gewiss nicht schadet. Im nächsten Jahr können die althergebrachten Vergabemuster ja wieder beachtet werden.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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