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Lesungen in Corona-Zeiten : Literatur vor der Entscheidung

Lesung heute: Anna Katharina Hahn (rechts) Mitte August im Frankfurter Haus am Dom beim "Stromern-Festival". Bild: Wonge Bergmann

Video-Streaming oder Lesung live: Die Literaturveranstalter in Frankfurt blicken auf eine abgebrochene Saison zurück und in eine unsichere Zukunft voraus. Mit unterschiedlichen Strategien und Ängsten.

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          Er gibt der Branche noch bis Mitte des nächsten Jahres. Sei bis dahin kein Impfstoff gefunden, bedeute es das endgültige Aus für die Mehrzahl der freien Veranstalter. „Ich sehe schwarz“, sagt Michael Hohmann. Dem Leiter der Frankfurter Romanfabrik sind durch die Corona-Krise bis zu drei Viertel der rund 40.000 Euro weggebrochen, die er durch die Untervermietung seines Saales jährlich verdient. Das mache im Etat der als Verein organisierten Romanfabrik, die von Stadt, Land, Stiftungen und Sponsoren unterstützt wird, einen nicht ganz unbedeutenden Posten aus.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ausgerechnet die bislang erfolgreich verdienten Eigenmittel erwiesen sich nun als „Achillesferse“ des Budgets, bedauert Hohmann: „Das ist ein Moment, der uns existentiell bedroht.“ Nun, nach der Hauptversammlung des Vereins, wird es daher einen Spendenaufruf geben.

          Zwar kann Hohmann seine eigene Miete derzeit noch zahlen. Und der Verein könnte zur Not auch ohne festen Sitz weiterbestehen und Veranstaltungen organisieren. Dann und wann, hier und da. Aber mit festem Ort veranstaltet es sich besser, von der Licht- und Tontechnik bis zum Konzertflügel auf der Bühne: „Daher ist es wichtig, dass uns Freunde, Mitglieder und die Stadt beistehen.“

          Es geht wieder los

          Aber auch Hohmann beginnt wieder mit Veranstaltungen, es geht an der Hanauer Landstraße erst mit etwas Musik los, dann, am 9. September, mit einem Gespräch zwischen dem Dramaturgen Norbert Abels und dem Komponisten Moritz Eggert zur europäischen Oper. Als Teil der Reihe „Café Europa“ wird es aufgezeichnet und auf dem Youtube-Kanal der Romanfabrik zu sehen sein. Live-Streams aber wird es, anders als im Frühjahr, nicht mehr geben. Dabei war Hohmann mit ihnen Ende April der regionale Pionier. Frank Witzel, Clemens Meyer, Pit Knorr – dank der Romanfabrik gab es für Literaturfreunde etwas zu sehen, als alle anderen noch zögerten. Mit glücklichen Künstlern, vielen hundert Zugriffen auf Youtube und einem sehr erfreulichen Spendenaufkommen.

          Lesung einst: Dicht gedrängtes Publikum bei einer Lesung von Ingrid Noll m Römerkeller im Jahr 2017.
          Lesung einst: Dicht gedrängtes Publikum bei einer Lesung von Ingrid Noll m Römerkeller im Jahr 2017. : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Im Juni ließ Hohmann zudem als Erster wieder Publikum im Saal zu. Und merkte sofort, was er beim Streaming vermisst hatte. „Das war eine ganz andere, einfach viel natürlichere Situation.“ Kein Raum mit Autor und Kamera, „ansonsten leer und steril“, kein kleiner Bildschirm, „vor dem die Sache eben nicht so spannend ist“. Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: Kein Streaming mehr.

          Das sieht Hauke Hückstädt vom Literaturhaus ein wenig anders. Obwohl er im Frühjahr nicht gestreamt und nach dem Ende des Lockdowns im Juni auch nicht versucht hat, Veranstaltungen zu retten. Drei von zwölf Lesungen wären noch möglich gewesen, bei den anderen konnten Gäste aus dem Ausland nicht anreisen, oder Kooperationspartner sagten ab. Das war ihm zu wenig: „Dafür fahren wir den Betrieb nicht hoch.“

          Wissen war nie wertvoller

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          80 Prozent der von März bis Juni ausgefallenen Veranstaltungen will er dafür bis in den Sommer nächsten Jahres nachholen: „Jeder Abend soll den Platz bekommen, den wir ihm zugedacht haben.“ Das sagt er auch als Initiator der Kampagne „Zweiter Frühling“, für die das seit kurzem von ihm geführte Netzwerk der Literaturhäuser inzwischen mehr als hundert Partner gewonnen hat.

          „Man schaltet schneller aus“

          Hückstädts Programm steht bis Dezember. „Es wird den Umständen entsprechend weniger international.“ Bis Anfang November kommen neben anderen Jean-Luc Bannalec, die Autoren der Buchpreis-Shortlist und Zsuzsa Bánk. „Wir planen ein vollständiges, live erlebbares Programm unter den dann geltenden Hygieneregeln.“ Derzeit und vermutlich auch noch im Oktober und Dezember bedeutet das, dass im Lesesaal nur 35 Zuschauer Platz finden. In normalen Zeiten sind es 200.

          Aber Hückstädt hat sich eine Überraschung ausgedacht: Alle Lesungen werden zusätzlich live gestreamt. Dazu werden mehrere Kameras im Saal installiert, an einem Mischtisch wird zudem live geschnitten, damit den Zuschauern zu Hause visuelle Abwechslung geboten wird: „Wir werden lernen. Wir können kein Fernsehstudio aufbauen, aber wir werden auf vieles achten.“ Warum? Was er im Frühjahr bei Veranstaltern in Deutschland sah, gab ihm nicht gerade das Gefühl, als Zuschauer dabeibleiben zu wollen: „Das Bewegtbild verzeiht viel weniger als das Live-Erlebnis. Man schaltet schneller aus.“

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