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Lesung von Siri Hustvedt : Damals in New York

Den Lesern nah: Siri Hustvedt nach Lesung und Gespräch beim Signieren im Frankfurter Schauspielhaus. Bild: Helmut Fricke

Trauma, Erinnerung und die Geschichte einer fast unbekannten Künstlerin: Ein Abend mit Siri Hustvedt im ausverkauften Frankfurter Schauspielhaus.

          Das gibt es bei Lesungen selten einmal. Lange anhaltender Beifall, Standing Ovations, geradezu rührende Sympathiebekundungen in Richtung Bühne. Ein Teil des Applauses hat gewiss damit zu tun, dass das Publikum im ausverkauften Frankfurter Schauspielhaus die amerikanische Autorin wegen ihres Präsidenten bemitleidet. Denn am Schluss des Abends mit Siri Hustvedt geht es um ihn, um die politische Situation in den Vereinigten Staaten, um einen möglichen Amtsinhaber aus den Reihen der Demokratischen Partei. Als „Befreiung“ erlebe sie seit einer Woche ihre Lesereise durch Europa, es tue ihr gut, einmal nicht zu Hause zu sein, sagt die Schriftstellerin, obwohl sie ihr Land liebe. Einen positiven Aspekt sieht die 1955 geborene Prosaschreiberin mit dem Hang zu poetischer Rhythmisierung immerhin: Die progressiven Kräfte schlössen sich zusammen, eine Politisierung sei zu spüren, eine demokratische Aufbruchstimmung. Sie selbst sei Teil mehrerer Initiativen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine Trump-Karikatur, die sie gezeichnet hat, wird auf eine große Leinwand projiziert, darunter steht: „Can that man be president?“ Ihre 96 Jahre alte Mutter habe diese Frage gestellt, lässt Hustvedt die Besucher wissen. Und auch in ihrem neuen Roman wird sie aufgeworfen, von einer alten Frau am Rande der Demenz, die ihrer Mutter gleicht. Dennoch handelt es sich, wie Moderator Alf Mentzer und die Autorin versichern, nicht um ein autobiographisches Werk, „auch wenn ich jetzt alle enttäusche“. Dabei ist der Verdacht nicht völlig unbegründet. Es gibt deutliche Parallelen zwischen der Schriftstellerin und ihrer Hauptfigur, deren Initialen „S.H.“ lauten. Das könne, sagt die Verfasserin des auf Deutsch unter dem Titel „Damals“ bei Rowohlt erschienenen Romans, doch auch „Sherlock Holmes“ heißen. Oder „Standard Hero“. Überhaupt geht es in dieser Veranstaltung immer wieder mit Witz zur Sache. Bis am Ende die Rede auf besagten Politiker kommt. Da fällt es der sonst so eloquenten Intellektuellen schwer, Worte zu finden. Und sie befürchtet, später weinend ins Kissen zu sinken. Das möge das heftig-herzliche Klatschen verhindert haben.

          Die Marginalisierung von Künstlerinnen

          Wie Siri Hustvedt kommt auch S.H. 1978 aus der amerikanischen Provinz nach New York. Um, so heißt es im ersten Absatz des Buchs, ihren Helden zu finden. Mal liest Hustvedt kurze Passagen aus dem Roman, mal Ellen Schulz-Krandick etwas längere aus der deutschen Übersetzung. Dazwischen parlieren Moderator und Autorin über die großen Linien des erzählerischen Opus, über Motive und Details, über die Literatur als etwas der weiblichen Sphäre Zugehöriges, das in der allgemeinen Wahrnehmung aber „verbessert“ werde, wenn der Autor ein Mann ist. Und über die Marginalisierung von Künstlerinnen.

          Für die meisten im Saal dürfte es ein Erkenntnisgewinn sein, Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven kennenzulernen. Ein beträchtlicher Teil des Romans handelt von dieser fast vergessenen deutschen Dada-Künstlerin, die im Greenwich Village der zehner und zwanziger Jahre von sich reden machte und der ganz offensichtlich die Urheberschaft am wohl bedeutendsten Kunstwerks des 20. Jahrhunderts abspenstig gemacht wurde. Es spricht nach dem jüngsten Forschungsstand, mit dem sich Hustvedt intensiv beschäftigt hat, so gut wie alles dafür, dass sie und nicht ihr Freund Marcel Duchamp die Idee zu „Fountain“ hatte, jenem Urinal, das es 1917 nicht in die Ausstellung der unabhängigen Künstler in New York schaffte, weil die Jury es ablehnte. Als erstes bekanntes „Ready-made“ und Ursprung aller Konzeptkunst hatte es jedoch einen kaum zu unterschätzenden Einfluss auf die Entwicklung der Avantgarde. Die meisten werden das Werk nach wie vor Duchamp zuschreiben, aber Hustvedt setzt alles daran, dies zu ändern und der exzentrischen Künstlerin, von der Duchamp sagte, sie sei nicht futuristisch, sondern die Zukunft selbst, als Schöpferin von „Fountain“ Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

          Das Original ging zu Bruch, die Baroness starb 1927, erst danach wurde das Werk in seiner Bedeutung erkannt. Duchamp reklamierte es für sich und stellte etliche Repliken des mit „R. Mutt“ signierten, auf den Kopf gestellten Pinkelbeckens her. Das Pseudonym – verbirgt sich dahinter das deutsche Wort „Armut“, was auf die Situation der mittellosen Dadaistin ebenso hinweisen könnte wie auf den Charakter einer Kunst, die banale Fundstücke adelt? „Baroness“ aber ist nicht nur der Titel der eigentlich bürgerlichen Künstlerin. So nennt die Hauptfigur in „Damals“ auch ein Stilett, ein gefährliches Taschenmesser, das eine Rolle in ihren Phantasien spielt. 40 Jahre nach einer Beinahevergewaltigung hat sie noch mit diesem Vorfall zu kämpfen, erinnert sich daran, träumt davon, versucht, das Trauma endlich zu überwinden. „Wir ändern uns selbst durch unsere sich verändernden Erinnerungen“, sagt die Schriftstellerin. Die Erinnerung sei eine Konstruktion, ebenso wie der Zukunftsentwurf.

          Und dann hat das Publikum die Gelegenheit, zwei verschiedene Buchumschläge zu vergleichen. Für beide hat Hustvedt je eine Zeichnung angefertigt. Auf der englischen und deutschen Ausgabe prangt ihre Protagonistin nackt schwebend mit gezücktem Stilett. Auf dem amerikanischen Cover ist sie bekleidet. Ihr Verlag stieß sich am Schamhaar. Amerika, so scheint es, lässt derzeit nichts aus, um die gängigen Vorurteile zu bestätigen.

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