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Lesepaten für Kinder : Wenn Grundschülern die Worte fehlen

  • -Aktualisiert am

Zielgruppe von Lesepaten: Erstklässler an der Andersenschule in Darmstadt Bild: Rainer Wohlfahrt

Es gibt viele Kinder, um deren Deutschkenntnisse es schlecht bestellt ist. Das wollen sogenannte Lesepaten in Südhessen ändern – und der Bedarf ist riesig.

          Wenn ich weiß, dass die meisten Kinder nur noch einen Grundwortschatz von 2000 bis 3000 Wörtern haben, wenn sie eingeschult werden, obwohl 5000 Wörter normal wären, und wenn ich außerdem weiß, dass es in jeder Klasse mindestens zwei Kinder gibt, die nicht richtig lesen, schreiben oder sprechen können, dann muss ich sagen: Eigentlich hätte jede Grundschulklasse einen Lesepaten bitter nötig“, sagt Petra Köster. Seit November 2012 baut Köster für den bundesweit agierenden Verein „Mentor – Die Leselernhelfer“ ein flächendeckendes Netz an ehrenamtlichen Lesepaten in Darmstadt und dem Landkreis Darmstadt-Dieburg auf.

          Nach einem Bericht zweier ehemaliger Arbeitskolleginnen war sie einst selbst auf die Initiative aufmerksam geworden und davon angetan. Sie meldete sich bei „Mentor Hessen“, wo sie erfuhr, dass es in Darmstadt und Umgebung noch keine Anlaufstelle gibt. Kurzerhand baute sie die auf und begann parallel dazu als Lesepatin an der Astrid-Lindgren-Schule in Darmstadt-Arheilgen. Inzwischen hat sich Köster als Schmuckgestalterin selbständig gemacht und musste ihren geliebten „Nebenjob“ als Lesepatin abgeben, weil alles zusammen – der eigene Laden, die Lesepatenschaft und die Koordination der Geschäftsstelle „Mentor Darmstadt-Dieburg“ – zu viel geworden wäre.

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          Obwohl es in der Region inzwischen 135 ehrenamtliche Mentoren beziehungsweise Lesepaten gibt, aus allen gesellschaftlichen Schichten, von der Hausfrau über Studenten und Berufstätigen bis hin zu Rentnern, und Köster eigentlich stolz auf ihre Arbeit sein könnte, sieht sie auch Defizite. Es mache sie traurig, dass manche Schulen eine Zusammenarbeit ablehnten, weil sie meinten, sie hätten es nicht nötig. Oder weil sie befürchteten, die Lehrer noch mehr zu belasten. Aktuell kooperieren in Darmstadt und dem Landkreis 24 Grundschulen und eine weiterführende Schule mit der Initiative „Mentor Darmstadt-Dieburg“. Wenn man bedenkt, dass es in Darmstadt und dem Landkreis 67 öffentliche Grundschulen gibt, kann man Kösters kritische Bilanz verstehen. Hessenweit arbeiten 153 Schulen mit 975 Mentoren und bundesweit sogar schon 1600 Schulen mit 11 000 Mentoren des Vereins zusammen. Neben Grundschulen sind auch weiterführende Schulen dabei.

          Alle Lesepaten steckten viel Herzblut und noch mehr Zeit in ihr Ehrenamt. Die Berufstätigen unter ihnen opferten häufig sogar ihre Mittagspause, um ihren Schützlingen vorzulesen und sie behutsam beim eigenen Lesen, Schreiben und Sprechen zu korrigieren. Das habe positive Auswirkungen auf den Deutschunterricht, berichtet Köster, aber auch auf andere Fächer – beispielsweise bei Textaufgaben in Mathematik. „Viel wichtiger als das Lesen ist aber, dass die Paten mit den Kindern erzählen und lachen und sich ihrer Nöte annehmen“, sagt Köster.

          Beziehung als A und O

          Marion Aufleger kann ihr da nur zustimmen. Die Direktorin der Darmstädter Schillerschule arbeitet schon lange mit Lesepaten zusammen. Sie sagt: „Bildung und Erziehung funktioniert nun einmal über ,Beziehung‘. Das Wichtigste ist, das jemand einfach für die Kinder da ist, weil ihnen im Alltag die Großeltern und andere Bezugspersonen fehlen. Alles andere ergibt sich dann meist von allein.“ Aufleger und Köster wissen, dass in den meisten Familien kaum noch vorgelesen, geschweige denn über Bücher gesprochen wird. Dabei brauchen selbst Kinder, die schon etwas lesen können, immer noch regelmäßig einen Ansprechpartner, um das Gelesene zu reflektieren und Zusammenhänge sowie unbekannte Wörter nachzufragen. „Ein Computer kann mir da in der Regel nicht weiterhelfen“, sagt Köster.

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