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Schauspielhaus Frankfurt : Wenn Hippies Theater spielen

Die Schauspieler dürfen immer mal wieder aus der Rolle fallen: Szene mit Isaak Dentler und Linda Pöppel Bild: Birgit Hupfeld

Jürgen Kruse müllt Georg Büchners „Leonce und Lena“ in den Frankfurter Kammerspielen zu: mit Requisiten und auch mit Texten, die nicht vom Autor stammen. Immer dabei: Fische in allerlei Formen.

          3 Min.

          Es ist alles drin. Der ganze Büchner. Mit seinen Texten, seinem politischen Denken, seinem Interesse für das Nervensystem der Fische. Dann die große, weite Pop-Welt, das ganze Spektrum der populären Musik von Rock bis Liedermacherei. Des Weiteren die deutsche Klassik mit dem Klassiker aller Klassiker, Goethe. Zudem auf der Bühne allerlei Gerümpel in düsterer Szenerie. Dieses Mal hat Regisseur Jürgen Kruse „Leonce und Lena“ zugemüllt, zugestellt, mit Material eingedeckt, sowohl mit Requisiten als auch Texten, die nicht vom Autor stammen, sondern beispielsweise von Handke oder aus dem „Faust“ oder von den Schauspielern selbst. Denn diese dürfen immer mal wieder aus der Rolle fallen. Mehr als zweieinhalb Stunden ohne Pause hangeln sie sich von einem Augenblick zum nächsten, es entwickelt sich nichts, das Stück wird in zahllose Stücke zerstückelt, kein Handlungsstrang, nirgends.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf der Bühne der Kammerspiele im Frankfurter Schauspielhaus stehen und hängen nicht nur viele Dinge, deren Bedeutung zu entschlüsseln gewiss eine Herausforderung darstellt, auch die Aktionen sind anspielungs- und beziehungsreich. So schlitzt sich Leonce (Isaak Dentler) die Stirn auf wie weiland der Schriftsteller Rainald Goetz, der nach der Ritz-Tat beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis 1983 blutend seine Lesung bestritt. Überall Symbole und Zeichen, eine Fülle der Gesichte und Assoziationen, nicht alle Bezüge sind so platt wie jener von Alan Prices und Georgie Fames Hit „Rosetta“ auf die gleichnamige Geliebte des Prinzen vom Reiche Popo.

          Absurder Sprachwitz und abgedrehte Figuren

          Kruse hat wie gewöhnlich bei seinen Inszenierungen tief in den legendären Plattenschrank gegriffen, los geht es mit „All right now“ von den Free in einer Live-Version mit schreienden Fans. Zuvor allerdings ist, noch bei geschlossenem, aber durchscheinendem Gaze-Vorhang, ein Degengefecht zu erleben. Überhaupt ist das 19. Jahrhundert durchaus präsent, aber auch das 20. So ist es, wenn Hippies Theater spielen, es wird so viel geraucht, wie sonst nirgendwo mehr, und Valerio (Oliver Kraushaar) gönnt sich irgendwann auch eine Tüte Marihuana.

          Bewusst falsche Betonung in Sätzen, das Herausarbeiten von Kalauern, wo immer das möglich ist, das Stammeln und manierierte Gebaren, es gehört zu Kruses Bühnenshow. „Leonce und Lena“ ist für diese Art von Kunst gewiss besser geeignet als, sagen wir mal, „Hamlet“, denn das Lustspiel, das wie die anderen Werke des seiner Zeit ästhetisch weit vorausgeeilten Georg Büchner erst viele Jahrzehnte nach seinem frühen Tod uraufgeführt wurde, ist an sich schon ein surreal anmutendes Werk, gespickt mit absurdem Sprachwitz, mit einer sprunghaften Handlung und völlig abgedrehten Figuren.

          Sie sind allerdings noch in der Lage, nihilistische Sentenzen und melancholische Zustandsbeschreibungen in Serie abzusondern. Als Kritik an den Fürsten oder, ins Heute gewendet, den Reichen und Mächtigen, die vor lauter Müßiggang nicht laufen können, hat Kruse Büchners Satire auf die deutsche Kleinstaaterei seiner Zeit nicht inszeniert. Er sortiert sie, wie auch entsprechende Aufschriften an den Bühnenwänden klarstellen, unter „Pop“ ein.

          Fische, Fische und nochmals Fische

          Oft weiß man gar nicht, wo man hinschauen soll: An mehreren Stellen agieren die Akteure, sie tanzen als Schatten hinter einem großen Fenster, eine Schreiberin begleitet in einer stummen Rolle das Geschehen oder Nicht-Geschehen von der Seite aus. Während ganz vorne gesprochen wird, bastelt sich eine Reihe weiter hinten jemand aus Stanniolpapier eine Maske. Im Hintergrund dreht sich zumeist eine Scheibe mit aufgemalter Spirale, die an Op-Art-Bilder erinnert.

          Und dann gibt es noch eine Einlage mit Valerio als Bauchredner und einem Fisch. Überhaupt die Fische: Sie sind überall, als Wandzeichnung, als vom Kronleuchter hängendes Accessoire, als Masken auf den Schauspieler-Köpfen. Gegen Ende treten Leonce und Lena (Linda Pöppel), nach allerlei Verwirrungen ein Paar, bei Büchner als Automaten, heute würde man sagen: Roboter auf, in Frankfurt sind die Hauptpersonen, um dies zu verdeutlichen, in Zellophanfolie eingehüllt, was leicht verstörende Veränderungen der Physiognomie zur Folge hat. Sie lösen sich aus ihr, bevor sie der Pfarrer traut und allen klar wird, dass sie doch Menschen sind. Auch das ist nicht wirklich komisch, weil der Schrecken immer mit dabei ist, und in dieser Hinsicht ist die Inszenierung durchaus nah dran am Text. Idiotie und Horror.

          Heidi Ecks als Gouvernante von Lena, der Prinzessin aus dem Reiche Pipi, treibt den Unfug derart auf die Spitze, dass es eine Freude ist, ihr dabei zuzuschauen. Bei den anderen, mit Ausnahme von Isaak Dentler, der Wahn und Albernheit zu einer glänzenden Symbiose zusammenzwingt, bleiben Dada und Gaga oft im Bemühen stecken, sie geben sich dem Irren und Bekifften nicht vollständig hin, vielleicht brauchten sie dafür tatsächlich Drogen. Als Zuschauer nimmt man das Ganze am besten wie einen Rausch wahr, er geht vorbei und hinterlässt allenfalls ein paar Kopfschmerzen und den Wunsch, den Sperrmüll zu entsorgen.

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