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Lenas Auftritt in Frankfurt : Die Karriere danach

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Mehr als ein Befreiungsversuch: Lena Meyer-Landrut auf der Suche nach dem richtigen Ton Bild: Esra Klein

Eleganter Hüftschwung gepaart mit etwas Schwermut: Das Konzert von Lena Meyer-Landrut in der Frankfurter Batschkapp offenbart ihren Imagewandel und gelingt - zum größten Teil.

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          Das ist aber ein enges Kleidchen, kurz, dunkel, leicht glitzernd, in dem sie sich da vom Schlagzeug, auf das sie zur Ouvertüre ein bisschen getrommelt hat, nach vorn swingt. Lena Meyer-Landrut trägt derzeit vornehmlich schwarz&schick. Das gibt das Image-Design zum aktuellen Album „Crystal Sky“ vor: elektronische Beats, Synthesizer-Kaskaden, mehr Bass, etwas Schwermut, ernstes Schwarz-Weiß-Coverfoto. Es zeigt einen Hang zum internationalen Edel-Pop, der Breitwandpathos und schlagerhaften Mitsing-Effekt versöhnen will. Gleich die Eröffnungs-Nummer des Konzerts in der ausverkauften Frankfurter Batschkapp, „Keep on Living“ aus eben diesem Album, macht sich ganz groß und verzichtet nicht auf ein chorisches „O A A A Ahaa“. Lenas Hüftschwung dazu ist elegant, ihr Arm nach oben gereckt, ihr Gesang samtig abgemischt.

          Und dann fängt sie an zu sprechen. „Ach Mensch, Frankfurt, ey!“ Da ist sie wieder, diese aus Funk und Fernsehen bekannte Mischung aus Blöken und Kieksen, gleichzeitig burschikos und unsicher, niedlich und nervig. „Dieses fucking Kleid rutscht immer hoch, irgendwann kann man bestimmt meinen Arsch sehen!“ Immerhin, niemand kann Wörter wie „fucking“ und „Arsch“ so kindgerecht klingen lassen wie sie. Lena, die Harmlose. Lena, der Kumpel. Die Mädchen von sechs bis 14 kreischen die Halle voll, die Eltern filmen, fotografieren und tanzen ein bisschen mit allen anderen mit.

          Auf der Suche nach neuem Stil

          Seit vier Jahren, nachdem sie 2010 mit 18 Jahren den Eurovision Song Contest in Oslo gewann, scheint Lena auf der Suche zu sein nach der passenden Popstar-Karriere danach. Die Verpflichtungen der Casting-Verträge sind mittlerweile abgegolten, doch das Bild des preisgekrönten Honigkuchenpferds aus Stefan Raabs Talentstall klebt noch an ihr, weil sie es mit ihrer Art, ihrem Auftreten selbst mitgeprägt hat. Der Tonfall von „Crystal Sky“ sei eine Art Befreiungsversuch, wurde dieses Jahr viel kolportiert, mehr noch als das Vorgängeralbum „Stardust“ 2012.

          Aus diesen beiden Platten speist sich das derzeitige Live-Programm fast ausschließlich, und der Sound der vierköpfigen Band orientiert sich deutlich an dem Synthesizer-Gewummere des neuen. Wie ernst man den Willen der jungen Sängerin zur Umorientierung nehmen darf, zeigt auch die neue Liveversion ihres ESC-Gewinnerlieds „Satellite“. Statt Raabschen Hoppelpop hört man nun eine langsamere, fast verwehte synthigesättigte Erinnerung, der das Ende der alten Zeiten eingeschrieben ist. Die Coverversionen im Programm sind ebenso ernst gemeint, als Echos von Lenas Musikgeschmack. Der reflektiert einen soliden Mainstream, betont darin aber eher das Melancholische – Sam Smiths „Stay with me“ selig zur akustischen Gitarre etwa oder Rio Reisers „Junimond“ zusammen mit einem Gaststar auf der Bühne, der Berliner Sängerin Lary. Und „ohne Justin geht es nicht“, so bekennt Lena sich zum perfekten amerikanischen Pop-R-&-B, nachdem mit Timberlakes „Cry me a River“ der zumindest musikalische Höhepunkt des Abends erklungen ist – offensichtlich auch für die Band.

          Nicht jeder Ton sitzt

          Dumm nur, dass Lena ihn nicht gesungen hat, sondern ihre phantastische und ziemlich coole Ko-Sängerin (und gelegentliche Ko-Songautorin) Kat Vinter. Zu allen Haken und Ösen und Widersprüchlichkeiten, die dieses etwas länger als 100 Minuten dauernde Konzert mehr oder weniger unterhaltsam offenbart, kommt nämlich ein wirkliches Problem dazu: Lena trifft live die Töne oft nicht. Bei „Cry me a River“ hat sie es rechtzeitig gemerkt, bei anderen Liedern nicht. Das ist nicht grundsätzlich schlimm, Raab etwa hatte ihr gezeigt, wie man so einen Mangel in Charme umarrangiert, der zum Gut-Gesungen immer dazugehört. Aber das waren Bubblegum-Zeiten. Im internationalen HiTec-Pop, wie „Crystal Sky“ ihn anstrebt, gilt die sauber intonierte hohe Note auf der Bühne als Standard, und zwar mit Recht. Es tut sonst einfach ein bisschen weh im Ohr, da hilft weder Lenas Mantra vom „Einfach Spaß haben“, noch kann man es zu einer persönlichen oder gar ästhetischen Qualität umdeuten.

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