https://www.faz.net/-gzg-8da6z

Offenbacher Komikerin : Komik als Produkt aus Schmerz und Zeit

  • -Aktualisiert am

Junge Frau mit komischer Ader: Lena Liebkind, aufgewachsen in Hanau, wohnhaft in Offenbach, macht Stand-Up-Comedy. Bild: Michael Kretzer

Die Offenbacherin Lena Liebkind hat beschlossen, auch auf der Bühne lustig zu sein: im Fernsehen und in Frankfurt.

          Lena Liebkind hat den Plan B für ihr Berufsleben gezückt. Einen Plan B, der für viele Leute klingt, als habe sie einfach so mal ihren Wunschtraum wahr gemacht: Lena Liebkind arbeitet als Komikerin in Vollzeit. Ihr Weg auf die Bühne war zackig. Nach einigen Poetry-Slam-Auftritten in ihrer Freizeit beschloss Liebkind erst Anfang 2014, Stand-Up-Comedian zu werden, und gewann prompt im Herbst 2014 den Talent Award der Fernsehsendung Nightwash. Dann ging alles sehr schnell: Sie tourt mit zwei anderen Komikern durch Deutschland, hat Auftritte in Fernsehsendungen von Pro Sieben, WDR, ARD und dem Hessischen Rundfunk. Live ist sie auch zu erleben, im Frankfurter Club „Orange Peel“. Doch vor diesem forschen Schwung auf die Bühnen gab es noch das Leben nach Plan A - und aus dessen Überwindung schöpft sie für ihre Komik.

          Lena Liebkind ist in der Ukraine geboren, hat jüdische Eltern und war ein sogenannter Kontingentflüchtling. Im Jahr 1993 kam die Familie nach Schlüchtern in den Main-Kinzig-Kreis. Und eigentlich hatten sie und ihre Eltern einen guten Start in Deutschland, sagt Liebkind im Gespräch. Doch als die Familie nach Hanau zog, begann das Mobbing. In der sechsten Klasse auf dem Karl-Rehbein-Gymnasium klebte ein Mitschüler einen Judenstern auf ihre Jacke. Sie galt als Außenseiterin, Klassenkameraden übergossen ihre Jacke mit Cola, ihr wurden die Haare abgeschnitten. Heute bringt sie diese bedrückenden Erlebnisse auf die Formel: „Schmerz + Zeit = Comedy“.

          Ihr Programm kommt direkt aus ihrem Leben

          Liebkind wechselte die Schule und beschloss, sich nie wieder unterdrücken zu lassen. Und so war es dann auch. Nach der Schule machte die junge Frau eine Ausbildung zur Medienkauffrau - sozusagen ihr Plan A. In diesem Job arbeitete sie bis sie beschloss, nicht nur im Leben, sondern auch auf der Bühne lustig zu sein.

          Ihr Programm kommt direkt aus ihrem Leben, spielt mit Klischees und es hat viel mit ihren Eltern zu tun. „Erst hatten sie keine Ahnung, dass ich Witze über sie mache, aber inzwischen habe ich es gebeichtet“, sagt Liebkind. Zum Beispiel, dass jetzt sehr viele Leute wissen, dass ihre Mutter als Reaktion auf Schwierigkeiten in der Familie erst einmal Essen einflößt, als wäre es Medizin für alle Lebenslagen. Zum Beispiel gegen Liebeskummer: „Kind, hast du schon was gegessen?“ Liebkind imitiert den ukrainischenm Akzent der Mutter. Und legt nach: „So bin ich gar nicht“, habe die Mutter abgewehrt, darauf der Vater: „Doch.“ Es ist eine Kettenreaktion der Komik, und durch die Anekdoten, die Liebkind parat hat, enthüllen sich im Privaten auch Traditionen, kulturelle und Generationenunterschiede.

          Etwa wenn sie erzählt, dass sich ihre Eltern erst an deutsche Gepflogenheiten gewöhnen mussten. Zum Beispiel: sich mit Freunden verabreden. Dafür einen Termin auszumachen war für die Eltern zu Anfang undenkbar. „In der Ukraine steht einfach die ganze Sippschaft vor der Tür“, sagt Liebkind. Und dann muss der Besuchte kochen, für alle. Kaffee und Kuchen bei deutschen Familienfeiern führen da eher zu Verwirrung: Wo denn das richtige Essen bleibe, fragt die ukrainische Verwandtschaft. Nach den ganzen Geschichten über ihre Eltern erklärt sie feierlich: Kinder will sie keine. Begründung: „Ich brauche keine Kinder, ich hab’ ja Eltern“.

          Nicht nur harmlose Witzchen

          An ihre Zeit in der Ukraine hat sie „natürlich nur schöne Kindheitserinnerungen“, sagt sie. Doch sie weiß um die eigene Verklärung. „Wenn ich da heute hingehe, würde das wohl meine Erinnerungen zerstören. Ich habe einmal die Straße, in der wir damals wohnten, gegoogelt. Da sah es grau, trist aus.“ Dort wäre sie auch bestimmt nicht Matthias Schweighöfer begegnet, für den sie schwärmt, seit sie ihn zufällig bei einem Dreh in Frankfurt sah: „Da war ich total perplex.“ Ihr Freundeskreis macht sich darüber lustig, zumal Liebkind selbst zugibt, ihr einziges Problem mit dem Filmstar sei, dass er für sie zu klein wäre.

          Es scheint, als flöge ihr der Stoff für ihre Comedy so zu - doch nur harmlose Witzchen erzählen will Liebkind nicht. In ihrem alten Beruf hat sie erfahren, dass sich viele Frauen abrackerten, aber doch nicht den Männern gleichgestellt seien. Daher will sie für den Feminismus die Fahne hochhalten. „Sonst haben die Frauen in den Siebzigern ganz umsonst gekämpft, denn wir Mädels müssen uns nehmen, was wir wollen.“

          Ihre nächste Station im Lebenslauf?

          Liebkind ist ein Kind der Region geblieben, ohne Ambitionen, umzuziehen. Zu Hause ist sie inzwischen in Offenbach und nicht mehr, wie früher, in Frankfurt. Für sie ist das egal - schließlich sei der Weg zwischen beiden Städten kurz. Liebkind mag das Rauhe an Offenbach, es gebe mehr junge Kunst und Kultur. Oder wie sie sagt: „Offenbach ist das Berlin Frankfurts.“ Mittlerweile reist sie von dort aus für Auftritte durch Deutschland, zu Hause plant sie ihr Solo-Programm, das in diesem Jahr stehen soll. Sie nimmt Schauspiel- und Kameraunterricht. Daneben moderiert Lena Liebkind einmal im Monat eine „Comedy Night“ mit Gastkünstlern im Frankfurter Club „Orange Peel“, um Stand-Up-Comedy nach amerikanischem Vorbild auch in Frankfurt zu etablieren.

          Ihre nächste Station im Lebenslauf? Vielleicht der RTL Comedy Grand Prix, hoffentlich als Gewinnerin. Eigentlich könnte man denken, dass es bei all dem Wirbel gerade anstrengend sein muss, Lena Liebkind zu sein. Aber sie verneint. Die Entscheidung war richtig: „Es ist die totale Selbstverwirklichung.“ Klingt ziemlich gut für einen Plan B.

          Weitere Themen

          Schildkröte auf Rädern Video-Seite öffnen

          Hinterachse aus dem Baukasten : Schildkröte auf Rädern

          Eigentlich stand es schlecht, um das schwerfällige Reptil. Schon als es aus dem Haus seines Besitzers verschwunden war, fehlte dem Tier ein Hinterbein. Als es Monate später wiederkam, fehlte Schildkröte Pedro dann auch noch das zweite Hinterbein.

          Topmeldungen

          Nach Mord an Lübcke : Seehofer will Kampf gegen Rechts verstärken

          Der Mord an Walter Lübcke hat die Republik aufgeschreckt. Es sei bisher nicht alles Menschenmögliche gegen Rechts getan worden, sagt Innenminister Horst Seehofer. Aber auch die Gefahr durch Islamisten ist unverändert hoch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.