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Leichte Sprache : Gar nicht so leicht

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Lesen leichtgemacht: Leichte Sprache hilft nicht nur Menschen mit einer Leseschwäche. Bild: dpa

Bei der Integration von Menschen mit Behinderung geht es nicht nur um rollstuhlgerechte Eingänge oder Schulen mit inklusiven Klassen. Auch Sprache kann eine Barriere sein. Die Leichte Sprache würde mehr als 20 Millionen Menschen in Deutschland helfen.

          Bernd Buggenhagens Lesebrille hängt an einem schwarzen Band um seinen Hals. Er liest vor: „Man kann ein Hochbeet befüllt oder leer kaufen.“ Kurz überlegen er und die beiden anderen Leser, die mit ihm am Tisch sitzen. „Dann muss doch aber vorher auch etwas drin gewesen sein, wenn ich es leer kaufen kann“, sagt Buggenhagen. Die anderen verstehen seinen Einwand nicht, wiederholen was da steht. Wo ist das Problem? Sie fragen das nicht genervt oder irritiert, sondern ernsthaft interessiert. Sie testen für das Unternehmen Capito Texte auf ihre Lesbarkeit. Also: Was ist an dem Satz zu schwer?

          7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland

          Das ist die konkrete Frage. Die abstrakten Fragen sind: Wie lässt sich eine Informationsgesellschaft wie unsere für Menschen mit Behinderung barrierefrei gestalten? Mit Brailleschrift auf Tablettenpackungen für Blinde und Untertiteln im Fernsehen für Gehörlose. Aber was ist mit denen, die im Verstehen der Informationen behindert sind?

          Das sind keineswegs nur die Menschen, die mit Lernschwächen geboren wurden. Laut einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2010 leben in Deutschland 7,5 Millionen funktionale Analphabeten, also Menschen, die nicht in der Lage sind, selbst aus Texten, die normale Leser als einfach empfinden, Sinn herauszulesen. Dazu kommen noch einmal 13 Millionen, die nie das Rechtschreib- und Leseniveau erreichen, das Grundschüler am Ende der vierten Klasse haben.

          Über die Hälfte der funktionalen Analphabeten hat Deutsch als Muttersprache, es geht also nicht nur um Menschen, die unsere Grammatik erst nachträglich erlernt haben und deshalb mit ihr kämpfen. Durch die Flüchtlinge, die jetzt nach Deutschland kommen, wächst aber auch diese Gruppe. Ihnen allen, ob sie Deutsch erst noch lernen oder es schon immer sprechen, aber manchmal trotzdem nichts verstehen, ist zu helfen: mit leichter Sprache. Das ist in diesem Fall nicht nur eine grobe Beschreibung, sondern der Name eines Konzepts, das aus den Vereinigten Staaten stammt. 1996 entwickelte die Initiative „People First“ dort Texte, die „easy to read“, also einfach zu lesen sind. Seit 2006 gibt es auch in Deutschland ein „Netzwerk leichte Sprache“.

          Wie ein Ratgeber für guten Journalismus

          Leichte Sprache hat feste Regeln und man sollte sie auf keinen Fall „einfach“ nennen. Denn einfache Sprache gibt es ebenfalls, wurde von Akademikern erfunden und enthält immer noch einiges, das leichte Sprache verbietet. Leichte Sprache wird auf den Sprachlevels A1 und A2, den ersten zwei von sechs Ebenen der Sprachkenntnis, verfasst.

          Eigentlich klingt vieles aus dem Regelwerk wie aus einem Ratgeber für gutes journalistisches Schreiben: Lieber „Arbeitsgruppe“ als „Workshop“ benutzen, „das heißt“ und nicht „d. h.“ schreiben. Man sollte von Bus und Bahn sprechen statt von öffentlichen Verkehrsmitteln, denn das ist genauer, und beim Wort Pferd bleiben, und es nicht später durch Gaul ersetzen, denn das verwirrt. Doch zu leichter Sprache gehören auch Bilder, die das Geschriebene anschaulich machen und vor allem die Überprüfung durch die Menschen, die damit erreicht werden sollen.

          Die Firma „Capito“ übersetzt in eine einfachere Sprache

          Bernd Buggenhagen, Amina Dornheim und Alexander Kellner sind Teil einer solchen Testgruppe, alle drei lesen und schreiben auf Grund von Lernschwächen auf dem Sprachlevel A2. Sonst haben sie scheinbar nicht viel gemeinsam. Buggenhagen und Dornheim trennen 34 Jahre Leben. Alexander Kellner trägt auch am Tisch, auf dem Kaffee und Kekse stehen, eine gelbe Warnweste, er kommt gerade von der Arbeit. Sie sind alle in den Praunheimer Werkstätten in Fechenheim angestellt und lesen dort für das Unternehmen Capito Probe. Capito ist ein Franchise-Unternehmen aus Österreich, die Filiale in Frankfurt gibt es seit September.

          Franchise ist ein englisches Wort.

          Man spricht es so aus: Fränscheis.

          Capito bietet Unternehmen, Behörden und Organisationen eine Übersetzung von „schwerer“ Alltagssprache auf ein einfacheres, gewünschtes Sprachniveau. Eine anschließende Prüfung durch potentielles Publikum ist inbegriffen. Richtet sich ein Angebot also an Rentner, lesen Senioren die Texte gegen. In Frankfurt geht es heute um Texte für die Internetseite des Berufsbildungswerks BBW Südhessen.

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