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Leichtathleten aus Entwicklungsländern : Aus Mainz in die Welt

  • -Aktualisiert am

Korb: Angehende Trainer beim Üben. Bild: Kaufhold, Marcus

Seit 35 Jahren trainieren Leichtathleten aus Entwicklungsländern am Rhein für das Trainerdiplom.

          3 Min.

          Dass die deutschen Leichtathleten sich bei den Olympischen Spielen in London 2012 überhaupt noch mit Nationen wie Grenada, Kasachstan oder Uganda messen konnten, hatten sie nur Robert Harting zu verdanken: Er holte im Diskuswurf die einzige Goldmedaille für die deutsche Mannschaft. Marcos Rodriguez hält von diesen Statistiken nicht viel. Er ist überzeugt: „Eine bessere Leichtathletik-Ausbildung als in Deutschland gibt es nicht.“ Der Argentinier ist einer von zwölf Stipendiaten der Mainzer Auslandstrainerschule, die seit 1978 Sportler aus Entwicklungsländern zu Leichtathletiktrainern ausbildet. Das Mainzer Erfolgsmodell beweist vor allem eines: In der Leichtathletik mögen die Deutschen keine Weltklasse mehr sein, in der Entwicklungshilfe sind sie es zweifellos.

          Rodriguez ist der einzige Argentinier im 35. Jahrgang der Trainerschule. Mit Brasilien ist ein weiterer südamerikanischer Staat vertreten, die restlichen zehn Teilnehmer kommen aus Afrika oder Asien. „Es müssen Entwicklungsländer sein, Europa oder Australien sind tabu“, sagt Werner Steinmann, Trainingswissenschaftler am Institut für Sportwissenschaften in Mainz und seit 1995 Leiter der Auslandstrainerschule. Erstmals sind in diesem Jahr Teilnehmer aus Algerien und dem Tschad vertreten. „Im kommenden Jahrgang ist ein Mongole dabei“, sagt Steinmann. „Dann werden es 90 Nationen sein, die Athleten zu uns geschickt haben.“ Wer die vierzehnmonatige Ausbildung in Mainz erfolgreich absolviert, darf sich „Spezialtrainer für Leichtathletik“ nennen. Momentan bereiten die Teilnehmer ihre Lehrproben vor, die sie an Schulen abhalten müssen, im Mai starten die mündlichen Prüfungen in Sportmedizin oder Psychologie sowie die praktischen Tests im Weitsprung oder 100-Meter-Sprint. Den viermonatigen Deutschkurs, der am Anfang des Aufenthalts in die Ausbildung integriert ist, hatten die angehenden Trainer schon im vergangenen Sommer abgelegt. „Die Teilnehmer sollen ein anderes Deutschlandbild vermitteln, wenn sie in ihre Heimat zurückkehren und dafür dann möglichst auch die Sprache beherrschen“, sagt Steinmann. Nicht allein die sportliche Leistung, sondern auch das Eintauchen in die Kultur des Gastlandes stehen im Zentrum des Projekts.

          Vom Bund unterstützt

          Die Idee, eine Trainerschule für Sportler aus Entwicklungsländern ins Leben zu rufen, hatte Berno Wischmann, der Cheftrainer des Leichtathletik-Olympiateams in München 1974, der das Institut für Sportwissenschaften in Mainz gründete. Auf einer Fortbildung wunderte sich Wischmann über die guten Lernmöglichkeiten in der UdSSR und erarbeitete deshalb ein eigenes Konzept. Mittlerweile wird die Auslandstrainerschule seit 35 Jahren vom Auswärtigen Amt finanziert. „Die Idee brachte ihm Anerkennung in der ganzen Welt“, erzählt Steinmann. Einmal sei Wischmann, der 2001 verstarb, in Tokio am Flughafen festgenommen worden wegen illegalen Besitzes eines Samuraischwerts, ehe sich herausstellte, dass das Schwert ein persönliches Geschenk des japanischen Kaisers war.

          Seit 1995 leben die Teilnehmer der Trainerschule im „Berno-Wischmann-Haus“ der Universität Mainz, das direkt neben dem Sportplatz und der Leichtathletikhalle liegt. „Das war nochmals ein erheblicher Qualitätssprung für unsere Ausbildung“, so Steinmann. Einzel- oder Doppelzimmer stehen nun für jeden Athleten zur Verfügung, vor kurzem wurde der Aufenthaltsraum renoviert. „Wir können uns über mangelnde Unterstützung des Bundes wahrlich nicht beschweren“, sagt Steinmann. Ihm ist durchaus bewusst, dass es kaum noch Verbesserungsmöglichkeiten für die Trainerschule gibt. „Für uns geht es darum, dass das Projekt in Zukunft weiter so unterstützt wird, mehr können wir nicht verlangen“, sagt der Dreiundsechzigjährige.

          Trainer mit Erfahrung im Sport

          Ein Ende des Mainzer Prestigeprojektes ist nicht in Sicht. Immer wieder loben Politiker, zuletzt Frank-Walter Steinmeier von der SPD, die Schule als „Perle der Entwicklungshilfe“. Nicht nur die Teilnehmer, auch die Veranstalter profitieren von dem Projekt - vor kurzem hat ein marokkanischer Absolvent eine Gruppe von deutschen Leichtathleten zum Höhentraining in Afrika eingeladen. Der Großteil der Teilnehmer arbeitet nach der Ausbildung als Trainer; sie träumen von einer Karriere wie Rosemary Kosgei, die nach der bestandenen Prüfung im Trainerteam des kenianischen 1500-Meter-Olympiasiegers Kipchoge Keino arbeitete. Andere verschlägt es in den administrativen Bereich: Peter Lenard Montoute wurde stellvertretender Premierminister der Karibikinsel St. Lucia. „Ein paar haben sich aber auch schon verliebt, geheiratet und sind hier geblieben“, sagt Steinmann. Der Mainzer, einst deutscher Nationaltrainer über 400 Meter Hürden, kann sich ein Leben ohne die Trainerschule nicht mehr vorstellen. An Heiligabend lud er mit seiner Frau spontan vier Teilnehmer des diesjährigen Jahrgangs zum Essen ein, damit diese nicht alleine auf dem Sportgelände feiern mussten. „Ich lebe schon für dieses Projekt“, sagt Steinmann, der sich selbst als „nicht besonders talentiert“ bezeichnet, aber einst die 100 Meter in 10,5 Sekunden lief. Dass die zehn Lehrkräfte, die in Mainz an der Trainerschule beteiligt sind, allesamt selbst erfolgreiche Sportler waren, ist für die Teilnehmer besonders wichtig.

          Trainer wie Hermann Salomon, der es auf drei Olympiateilnahmen im Speerwurf brachte und mit nunmehr 74 Jahren die Wurfabteilung der Schule leitet, sind Vorbilder für Marcos Rodriguez und seine Kollegen. „Bei uns sind die Trainer nur strenge Lehrer und keine Sportler, sie haben keine eigene Erfahrung im Sport“, sagt er im Gespräch mit seinem Freund Karim Ould Ahmed, der seine Frau und sein einjähriges Kind in Algerien zurückgelassen hat, um die Ausbildung zu absolvieren. Der ehemalige Dreispringer aus Nordafrika setzt große Hoffnungen in die Trainerschule: „2016 möchte ich als Trainer bei den Olympischen Spielen in Rio dabei sein und dort meine Freunde aus Mainz wiedersehen.“

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