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Neuer Lehrplan für Hessen : „Das wäre ein Beitrag zur Sexualisierung von Kindern“

Wieso fragwürdig?

Da spürt man die Tendenz, kindliches Verhalten als sexuell zu interpretieren, auch wenn man gar nicht sicher sein kann, dass es etwas mit Sexualität zu tun hat. In den alten Richtlinien war „kindliches Sexualverhalten“ ein eigenes Thema.

Eine Vorgabe des Schulgesetzes ist, dass die Unterrichtsinhalte altersgemäß sein sollten. Ist das bei der Themenauswahl für die vier Altersgruppen gelungen?

Ich vermisse bei dem Plan Struktur und logischen Aufbau. Er scheint mit der „heißen Nadel“ gestrickt worden zu sein. Aber jedes der aufgelisteten Themen kann altersgerecht sein, wenn es entwicklungssensibel didaktisch-methodisch geschickt auf- und eingearbeitet wird. Schwierig wird das jedoch bei den in allen Altersstufen erwähnten Themen „sexueller Missbrauch“ und „sexuelle Orientierung“. Das Thema Transsexualität in der 5. oder 6. Klasse halte ich sogar für gefährlich, wenn es ungeschickt angegangen wird, da es Kinder zu Beginn der Pubertät stark verunsichern kann. Auch einen Unterricht über das Thema „erste Liebe“ bei Zehn- bis Zwölfjährigen stelle ich mir ein bisschen verkrampft vor. Merkwürdig ist, dass in Richtlinien, in denen ein modernes Verständnis von Geschlechtlichkeit und Gleichberechtigung eine große Rolle spielt, mehrmals das traditionelle, ideologisch belastete und wissenschaftlich unhaltbare Adjektiv „geschlechtsspezifisch“ für den Verhaltensbereich verwendet wird.

Gibt es denn keine geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen?

Doch, aber nur ganz wenige im Zusammenhang mit der Fortpflanzung. Bei der Frau zum Beispiel das Stillen, das kann kein Mann. Oder beim Mann das Zeugen, das kann keine Frau. Das meiste ist nur geschlechtstypisch, es kommt bei Männern und Frauen statistisch gehäuft vor, zeigt sich aber auch beim jeweils anderen Geschlecht: Wenn es trotzdem als geschlechtsspezifisch bezeichnet wird - Männer sind zum Beispiel mutig, aggressiv, handwerklich begabt und geeignet für Führungspositionen, Frauen sind fürsorglich und kinderlieb und bevorzugen soziale Berufe -, dann ist das Teil einer konservativen Ideologie. Das haben die Autoren des Lehrplans, in dem doch sonst so viel von Vielfalt und selbstbestimmten Verhalten die Rede ist, offenbar nicht verstanden.

Wenn der Schule so viel Verantwortung für die Sexualerziehung übertragen wird, was bleibt da noch für die Eltern?

Eltern haben von Geburt an Einfluss auf das geschlechtliche Verhalten ihres Kindes und leben ihm vor, wie man mit Sexualität, Partnerschaft und sexueller Vielfalt umgehen kann. Das motiviert zur Nachahmung, aber auch zu Protesten bei Kindern, je nachdem, wie sie diesen Umgang wahrgenommen haben. Darüber hinaus können Eltern mit der Schule diesbezüglich Kontakt halten und vielleicht auch einiges aushandeln. Das lassen die Richtlinien zu.

Welche Rolle spielt der Medienkonsum?

Die Medien einschließlich der Pornographie haben heute einen weit größeren Einfluss auf das Sexualverhalten der nachwachsenden Generation als Impulse aus dem Elternhaus oder aus der Schule. Diesbezüglich könnte man mehr Achtsamkeit und Proteste aus der Elternschaft erwarten.

Die Fragen stellte Matthias Trautsch.

Der Lehrplan

Seit einer Woche gilt für die allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Hessen ein neuer „Lehrplan für Sexualerziehung“, der die alte Version von 2007 ersetzt. Auf sechs Seiten macht er Vorgaben für die fächerübergreifende Behandlung des Themas. Unter anderem soll die Schule aufklären über die Bedeutung von Ehe, Lebenspartnerschaften und Familie, den Schutz ungeborenen Lebens und die Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten.

Es werden Unterrichtsinhalte für die jeweiligen Altersstufen festgelegt, und die Zusammenarbeit mit den Eltern wird geregelt. Zum Beispiel soll auf Elternabenden rechtzeitig und ausführlich über das Thema informiert werden. In die Beratungen über die Neufassung waren elf Gremien einbezogen, vom Hauptpersonalrat über die Kirchen und Pro Familia bis zur Landesschülervertretung. Lediglich der Landeselternbeirat lehnte den Plan ab, der durch Beschluss von Kultusminister Alexander Lorz (CDU) trotzdem in Kraft trat.

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