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Lehrermangel an Schulen : „Angespannte Lage, keine Krise“

  • -Aktualisiert am

Blick ins Ungewisse: Schulanfänger suchen hinter ihren Ranzen Schutz vor dem „Ernst des Lebens“. Bild: dpa

Angesichts des Lehrermangels startet Hessen mit 600 zusätzlichen Kräften ins neue Schuljahr. Das reicht der Opposition im Landtag nicht. Sie spricht von einer dramatischen Lage.

          Mit Ende der Sommerferien beginnt diese Woche für 54.900 Erstklässler in Hessen das Abenteuer Schule. Das sind 700 Abc-Schützen mehr als im Vorjahr. Insgesamt sinkt die Schülerzahl an allgemeinbildenden Schulen, wenn auch nur zwischenzeitlich, während die Zahl der Lehrer weiter steigt. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) spricht von einer insgesamt zufriedenstellenden Lage. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und die Opposition im Landtag sehen hingegen eine besorgniserregende Entwicklung: Die Unterrichtsqualität leide unter dem Missverhältnis von Lehrer- und Schülerzahl, viele Lehrkräfte fühlten sich überfordert, und es mangele immer noch an qualitativ guten Angeboten von Nachmittagsunterricht.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Landesweit geht die Schülerzahl leicht um rund 1000 auf künftig 759.000 zurück. Mittelfristig, sagt Kultusminister Lorz, werde die Zahl aber wieder steigen, allein schon wegen der starken Grundschuljahrgänge. Deshalb würden im kommenden Schuljahr weitere 600 Lehrerstellen geschaffen, davon 350 für den Ausbau der Ganztagsbetreuung, dank deren 250 neue Ganztagsangebote möglich seien. Im neuen Schuljahr gebe es an 1197 Schulen Ganztagsangebote (66 Prozent); darunter fast alle weiterführenden Schulen. 60 neue Stellen gebe es für die Inklusion, sprich den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen. Lorz hebt hervor, dass die Zahl der zusätzlichen Lehrerstellen für Ganztagsangebote innerhalb von sechs Jahren auf fast 3300 verdoppelt worden sei.

          Die Nachfrage nach Lehrern übersteigt – mit Ausnahme von bestimmten Fächerkombinationen – bundesweit das Angebot. Er sei deshalb froh, sagt Lorz, dass die CDU/Grünen-Koalition bei seinem Amtsantritt 2014 beschlossen habe, trotz der damals noch sinkenden Schülerzahl an den 1810 öffentlichen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen keine Lehrerstellen abzubauen. Deren Gesamtzahl habe sich seitdem sogar um 4200 auf nunmehr 54.700 erhöht; ein Allzeithoch. Der Minister ist optimistisch, dass die für das neue Schuljahr angebotenen 600 neuen Stellen besetzt werden können. „Etatmäßigen Unterrichtsausfall“ wegen nicht vorhandener oder nicht besetzter Lehrerstellen werde es nicht geben, verspricht er. Wohl aber könne es Engpässe geben, wenn Lehrkräfte krank würden, in Elternzeit gingen oder an Schulausflügen und Fortbildungen teilnähmen.

          Keinerlei ernstzunehmende Angebote

          Um dem Lehrermangel auf längere Sicht entgegenzuwirken, werden in Hessen mehr Studienplätze geschaffen. Im Wintersemester kämen an den Universitäten Frankfurt, Gießen und Kassel 135 Studienplätze für das Grundschullehramt hinzu, kündigt Lorz an. In Gießen würden zudem noch 30 Studienplätze für das Lehramt an Förderschulen eingerichtet. Trotz stark rückläufiger Flüchtlingszahlen sieht Lorz den Bedarf an Deutschkursen und Sprachunterricht ungebrochen, auch wegen vieler Zuwanderer aus EU-Ländern. Rund 12.000 Kinder mit Migrationshintergrund besuchten freiwillig Vorlaufklassen mit dem Ziel, bis zur Einschulung ausreichende Deutschkenntnisse zu erwerben. Um auch die rund 700 Kinder zu erreichen, deren Eltern dieses Angebot bisher nicht annähmen, wollen CDU und Grüne den Besuch der Deutsch-Vorklassen bei Sprachschwierigkeiten verpflichtend machen.

          Die Opposition im Landtag sieht einen zunehmenden Lehrermangel und beurteilt die Lage weit schlechter als der Kultusminister. Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Christoph Degen, spricht von einer dramatischen Lage und weist auf die hohe Zahl von Pädagogen hin, die sich in ihrem Beruf überlastet fühlten. Die Arbeitsbedingungen an Hessens Schulen seien schlecht, und statt zu handeln, übe sich der zuständige Minister in „Arbeitsverweigerung“. Jede vierte Schule in Hessen habe keinerlei ernstzunehmende Angebote, Kinder nachmittags zu betreuen und zu fördern, und auch die Inklusion funktioniere in Hessen nicht so, wie es sein sollte.

          Der FDP-Abgeordnete Moritz Promny wirft Minister Lorz vor, er rede Lehrermangel und Unterrichtsausfall schön. Elisabeth Kula (Die Linke) beklagt, dass Sport- und Musiklehrer an Grundschulen fehlten; Schwimmunterricht werde kaum noch erteilt. Der Mangel an Grundschullehrern ist nach Einschätzung der Opposition nicht zuletzt deren vergleichsweise schlechter Bezahlung geschuldet. Sowohl die Ausbildung für die unterschiedlichen Lehrämter als auch deren tarifliche Eingruppierung müssten angeglichen werden.

          „Nein, wir haben keine Krise. Wir haben eine angespannte Situation“, widerspricht der Kultusminister. Dramatisch sei die Lage in Berlin oder Brandenburg, wo eine extrem hohe Quote von „Quereinsteigern“, also nicht ausgebildeten Lehrkräften, den Unterricht gestalte. So weit sei es in Hessen, dank rechtzeitiger Vorsorge, nicht gekommen. An dieser Stelle widerspricht allerdings der Sozialdemokrat Degen und weist auf das Beispiel einer hessischen Schule mit elf Lehrkräften hin, von denen nur sechs für das entsprechende Lehramt ausgebildet seien. Auch in Hessen unterrichteten nicht nur in diesem Fall „Personen mit zum Teil fragwürdiger Qualifikation“.

          Das Kultusministerium und die Staatlichen Schulämter haben zum Auftakt des Schuljahres ein „Elterntelefon“ eingerichtet. Unter der Telefonnummer 0611/368600 werden von morgen an zwei Wochen lang (montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr) Fragen zur Schule beantwortet.

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