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Lehrerausbildung : „Das Praxissemester sollte praktisch sein“

Junglehrerin: Helena Müller unterrichtet an der Frankfurter Schillerschule. Bild: Cunitz, Sebastian

Lehramtsstudenten sollen früher erfahren, was sie im Beruf erwartet. Hierzu plant das Land an vier Hochschulen einen Modellversuch. Ob er gelingt, hängt von den Details ab.

          Wenn Helena Müller über das Referendariat spricht, greift sie zu einem gängigen und doch sehr aussagekräftigen Bild. „Ins kalte Wasser geworfen“ fühlten sich viele ihrer Kommilitonen. Manche stünden in dem auf 21 Monate verkürzten Referendariat zum ersten Mal allein vor einer Klasse, sagt die Siebenundzwanzigjährige, die an der Schillerschule in Frankfurt-Sachsenhausen unterrichtet und am Studienseminar für Gymnasien Personalrätin ist. Nun kann es, um im Bild zu bleiben, günstigenfalls passieren, dass der ins Wasser Geworfene und schnell schwimmen lernt. Aber auch, dass ihm die Lust aufs Baden gründlich vergeht. Und im schlechtesten Fall endet es damit, dass er untergeht.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass es nicht wenigen Referendaren und späteren Lehrern so geht, hat vor einigen Jahren der Frankfurter Bildungsforscher Udo Rauin belegt. In einer Langzeitstudie kam der Pädagogikprofessor an der Goethe-Universität zu dem Schluss, dass sich viele Lehrer im Schulalltag überfordert fühlen. Das liege oft daran, dass sie ins Lehramtsstudium ohne pädagogische Erfahrung mehr oder minder hineingeschlittert seien. Erst im Referendariat merkten viele, dass die Arbeit nicht das richtige für sie ist, doch dann sei es oft zu spät, um einen anderen Weg einzuschlagen. Als Konsequenz daraus forderte Rauin, schon früh im Studium einen echten Einblick in die Schulpraxis zu geben. Dem Studenten, aber auch den Schulen könnte so eine lange Geschichte des Leidens und Scheiterns erspart bleiben.

          Es ist ein Kompromiss

          Eine Möglichkeit, den Beruf kennenzulernen, soll nach dem Willen der schwarz-gelben Landesregierung künftig das Praxissemester bieten. Lehramtsstudenten sollen ihr drittes oder viertes Semester nicht an der Uni, sondern an einer Schule verbringen und dort den Alltag erleben. Vor einer allgemeinen Einführung steht jedoch ein Modellversuch, der zum Wintersemester 2014/15 an vier hessischen Hochschulen beginnen soll: für Gymnasiallehrer an der Universität Frankfurt, für Förderschullehrer an der Gießener Universität, für Grundschullehrer an der Universität Kassel und für Musiklehrer an Gymnasien an der Musikhochschule Frankfurt. Basis ist eine Gesetzesänderung, über die der Landtag noch vor den Sommerferien befindet.

          Im Kultusministerium ist Andreas Lenz, Referatsleiter Lehrerbildung, für das Praxissemester verantwortlich. Er ist sich im klaren darüber, dass es sich bei dem Zeitpunkt nach zwei oder drei Semestern um einen Kompromiss handelt. Für diejenigen, die als Lehrer geeignet seien, wäre ein späterer Termin womöglich besser, weil sie sich dann an der Hochschule gründlicher vorbereiten könnten. Andererseits gehe es ja gerade darum, dass diejenigen, die sich falsche Vorstellungen machten, möglichst früh einen heilsamen Realitätsschock erlitten.

          Einem wissenschaftlichen Auftrag nachgekommen

          Ganz ohne Praxis kamen Lehramtsstudenten auch bisher nicht bis zum Ersten Staatsexamen. Vor dem Studium müssen sie ein Orientierungspraktikum „im pädagogischen Bereich“ absolvieren, im Studium gibt es zwei fünfwöchige Schulpraktika. Allerdings habe das Orientierungspraktikum oft keine Früchte getragen, weil es unbegleitet sei. „Ich glaube, man kann seine Zeit sinnvoller nutzen.“

          Das sieht Helena Müller ähnlich. In einem ihrer Schulpraktika sei sie vor allem einem wissenschaftlichen Auftrag nachgekommen und habe eine Unterrichtsstunde transkribiert. Die nötigen und für sie sehr hilfreichen Erfahrungen sammelte die Studentin dennoch früh: vor ihrem Referendariat als Vertretungslehrerin im Kreis Darmstadt-Dieburg und danach an der Frankfurter Schillerschule. So wuchs die Gewissheit, dass sie den richtigen Beruf gewählt hat. In zwei Wochen will sie das Referendariat mit dem Zweiten Staatsexamen abschließen.

          Land müsse Mittel zur Verfügung stellen

          Die Einführung des Praxissemesters beobachtet Müller mit kritischer Distanz. Wichtig sei, dass sich das Praxissemester mit dem übrigen Studium vereinbaren lasse, dass es also möglich sei, andere Pflichtveranstaltungen weiterhin wahrzunehmen. Außerdem gebe es viele Studenten, die auch während des Semesters arbeiteten. „Es kann nicht sein, dass sie ihren Job kündigen müssen, weil sie fünf Tage pro Woche in die Schule müssen.“

          Müller warnt auch davor, die Studenten im Praxissemester nur beim Unterrichten zuschauen zu lassen. „Das muss wirklich praktisch sein, es muss einen Wechsel zwischen Beobachten, angeleiteter und selbstverantwortlicher Tätigkeit geben.“ Andererseits müsse auch sichergestellt werden, dass die Studenten nicht als unentgeltliche Hilfskräfte eingesetzt würden und aus Spargründen andere Stellen wegfielen. Die Praktikanten müssten von Mentoren unterstützt werden, die ihrerseits für ihren Aufwand einen Ausgleich bekommen sollten.

          Lehrerverbände fordern, dass dies in Form einer Unterrichtsbefreiung geschehen sollte. Die Mittel hierfür müsse das Land zur Verfügung stellen, sagt Müller. Das Kultusministerium ist in dieser Hinsicht allerdings sehr zurückhaltend. Lenz weist darauf hin, dass die Mentoren im Modellversuch knapp 80Euro monatlich erhielten, allerdings nicht für die Betreuung, sondern für ihre Teilnahme an der Evaluation des Praxissemesters. Dieses Feedback sei sehr wichtig, denn „wir wollen aus dem Versuch lernen“. Angesicht des großen organisatorischen Aufwands, den eine allgemeine Einführung für Hochschulen und Schulen bedeute, müsse das Praxissemester zuvor gründlich geprüft und gegebenenfalls angepasst werden.

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