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Leerstände an Einkaufsstraße : Sorge und Zuversicht an der Berger Straße

Schwere Zeiten: Auch wenn das Schild hängt, Saturn ist längst draußen Bild: Marcus Kaufhold

An der Berger Straße in Frankfurt ist nicht nur eitel Sonnenschein. Geschäftsleute leiden unter dem Wegzug von Saturn. Derweil geht Zalando nach Bockenheim. Beim Bethmannpark stehen Läden und ganze Häuser leer. Doch das soll sich ändern.

          Es kommt nicht oft vor, dass ihr jemand aus der Liga 1-B-Lage die Schau stiehlt. Doch als neulich bekannt wurde, dass der Online-Modehändler Zalando mit einem großen Outlet an die Leipziger Straße zieht, da lag aller Glanz auf Bockenheim und nicht auf Bornheim, wo die erfolgsverwöhnte Berger Straße zu finden ist. Über drei Kilometer zieht sich die Einkaufsstraße durch die auch bei Mietern beliebten Frankfurter Stadtteile Nordend und Bornheim.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Abschnitt, der wegen seiner Ansammlung von Billig-Bäckereien und Handy-Läden ohnehin nicht den besten Ruf genießt, hat es zurzeit besonders schwer - das ist die obere Berger nördlich der Höhenstraße. Seit dem Auszug des Saturn-Marktes fehlen den Geschäftsleuten in der Nachbarschaft zehn bis 20 Prozent vom Umsatz, berichtet Franz Steul, Vorsitzender des Gewerbevereins Bornheim Mitte. Wie berichtet, wird die Immobilie abgerissen und das Grundstück neu bebaut.

          „Saturn-lose Zeit“

          Erst am Montag dieser Woche haben sich die Gewerbetreibenden zusammengesetzt, um eine Strategie für die „Saturn-lose Zeit“ zu beraten. Im Viertel gibt es weiter die Hoffnung, dass der Markt, der knapp drei Jahrzehnte an der Berger eine feste Größe war, nach Abriss und Umbau an seinen Platz zurückkehrt.

          Steul selbst, er ist Mitinhaber des Haushalts- und Spielwarengeschäfts Meder am Uhrtürmchen und damit weiter weg von Saturn, kann sich über Geschäftsverlust nicht beklagen. „Wir sind sehr zufrieden.“ Das gelte auch für viele Handygeschäfte in der Saturn-Nachbarschaft, die offenbar einen Teil des Telefoniegeschäftes des Elektromarktes übernommen hätten.

          Leerstand I: Nachmieter gesucht an der Berger Straße

          Für Unsicherheit sorgt im Viertel vor allem, dass keiner weiß, wann genau es weitergeht. Das Bebauungsplanverfahren läuft zwar, aber nach den Regeln der Bürokratie könnte es September werden, bis der Plan steht, und dann muss die Stadt dem Bauantrag noch zustimmen. Mark Gellert vom Stadtplanungsamt stellt freilich in Aussicht, dass es etwas schneller gehen könnte, da es sich um ein vereinfachtes Verfahren handele.

          Beim Stadtplanungsamt liegt im Übrigen auch ein Antrag auf Umbau der Immobilie vor, in dem im Erd- und Untergeschoss die Kaufhaus-Kette Woolworth Mieter ist. Das Gebäude ist heruntergekommen. Die Fitness-Studio-Kette Prime Time will dort nach eigenen Angaben ein Studio über drei Etagen mit Swimmingpool eröffnen. Für Woolworth gibt es nach Angaben einer Unternehmenssprecherin jedoch keine Umbaupläne. Von anderer Seite ist auch von einem möglichen Abriss des Gebäudes und Neubau zu hören.

          Gegen das Schlechtreden

          So oder so werden Neu- und Umbauten optisch nicht zum Nachteil der Berger Straße sein. Auch Geschäftsmann Steul ist im Fall von Saturn überzeugt: „Das wird eine Supergeschichte.“ Bis dahin gelte es allerdings, eine Durststrecke zu überwinden.

          Zu denen, die sich die Berger Straße nicht schlechtreden lassen möchten, gehört auch der Immobilienentwickler Kilian Bumiller. Er besitzt viele Häuser an der Straße und kann, wie er sagt, „nicht feststellen, dass die Frequenz abnimmt und dass jetzt die Wüste ausbricht“. Bumiller hatte der Straße just dort, wo sie sich von ihrer besten Seite zeigt - zwischen Bethmannpark und Höhenstraße - den ersten Ein-Euro-Shop (Tedy) verpasst, als Nachmieter für Schlecker. Doch die Berger „sei zu gut für Tedy“. Ende Januar sei Schluss. Das Konzept habe nicht funktioniert. Bumiller ist bereits in Vertragsverhandlungen mit einem anderen Unternehmen und verspricht eine „positive Überraschung“.

          Leerstand II: Auch dieser Laden hat Potential

          Vorwärtsgehen soll es laut Bumiller auch mit seinen beiden Häusern aus der Gründerzeit beim Bethmannpark (Nummer 6 und 8), die heruntergekommen und keine schöne Eintrittskarte für die Einkaufsstraße sind. Geschäftsleute ärgern sich seit Jahren, dass an der Stelle nichts passiert. Eines der beiden Häuser, die Nummer 6, ist denkmalgeschützt. Der Besitzer verweist auf die komplizierte Planung und hohe Investitionskosten. Die Zeit sei jetzt reif für das Projekt. Ende des Jahres könnte es losgehen.

          Neben Wohnungen soll im Erdgeschoss eine größere Ladenfläche freigehalten werden (etwa 500 Quadratmeter). Als Mieter kann sich Bumiller ein Lebensmittelgeschäft vorstellen oder auch eine Drogerie. Für Mode sei die Randlage zu schwierig.

          In der Nachbarschaft steht seit einigen Monaten ein größeres Modegeschäft leer, und auch das Konzept von „Tortilla meets Äppler“ ist offenbar nicht aufgegangen. Das Feinkostgeschäft, das aufwendig umgebaut worden war, ist seit längerem geschlossen. „Die Berger ist im Wandel“, sagt Immobilienmaklerin Necla Biegler, die mit der Vermietung des Ladens beauftragt ist und sich an der Straße gut auskennt. Sie verwehrt sich gegen Pauschalurteile wie die, dass Eigentümer ihren Mietern mit hohen Mietforderungen das Überleben schwermachen. Oft sei das Scheitern selbst verschuldet, da etwa Businesspläne zu optimistisch aufgestellt würden.

          Zu optimistisch sind nach Ansicht von Ernst Schwarz, dem Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Untere Berger Straße, grundsätzlich die Erwartungen an den Standort. „Die Straße wird von außen oft überschätzt.“ Gerade deswegen sei es wichtig darauf zu achten, dass die Gastronomie nicht überhandnehme. „Die Mischung muss stimmen.“

          Bailly Diehl kommt

          So gesehen, gibt es jetzt eine positive Nachricht für den Merianplatz. Wie zu hören ist, wird die Hanauer Unternehmen Bailly Diehl eine Boutique für Männermode in einem Teil des Geschäfts von Raumdekor Schwarz eröffnen. Der Raumausstatter hat die gemietete Fläche für Privatkunden - das Objektgeschäft wird von anderer Stelle aus gesteuert - verkleinert. „Ab einem gewissen Preisgefüge“ sei eine Fläche der Größe nicht mehr vertretbar.

          Verabschiedet hat sich dagegen die Bäckerei Geishecker mit ihrer Filiale am Merianplatz. An der Berger Straße gebe es zu viele Bäckereien, begründet das Familienunternehmen seinen Rückzug. Die Zahlen hätten nicht mehr gestimmt.

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