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Lebensmittelhandel : Schweizer wollen Tegut neu erfinden

Umbau: Nach der Übernahme durch Migros wird auch die Tegut-Filiale in Niedernhausen umgestaltet Bild: Kretzer, Michael

Die Migros Handelsgenossenschaft will die Fuldaer Lebensmittelkette Tegut in die Gewinnzone bringen - und dafür näher an die urbane Kundschaft rücken.

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          Der Tegut-Supermarkt in Niedernhausen bei Wiesbaden wird gerade von Grund auf erneuert. Am 6. März soll er wieder öffnen - schöner, konkurrenzfähiger. So ähnlich geht es zurzeit überall bei der Lebensmittelkette mit Sitz in Fulda zu. Zwar ist das Gros der gut 300 Geschäfte weiter geöffnet und wird es bleiben. Es werden sogar weitere Filialen hinzukommen, wie eine Tegut-Sprecherin versichert. Aber etliche Märkte sollen umgestaltet werden.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Auch hinter den Verkaufsflächen vollziehen sich bei Tegut gerade erhebliche Veränderungen, die später in den Regalen zu sehen sein werden. Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung ist die Schweizer Migros Zürich Handelsgenossenschaft, die den osthessischen Lebensmittler mit anthroposophischem Hintergrund Ende 2012 gekauft hat. Sie will über die Tegut-Schiene auch ihre Waren an deutsche Kunden bringen.

          Bio-Lebensmittel und bewusste Ernährung

          Das Gute an Tegut mit seinen mehr als 6000 Mitarbeitern ist aus Sicht der Migros das positive Image; das Handelsunternehmen steht für Bio-Lebensmittel und bewusste Ernährung. Das passt zur eher urbanen Kundschaft in Ballungsräumen wie Rhein-Main, die sich gerne gut und mit gutem Gewissen ernährt und dafür auch etwas mehr Geld ausgibt. Diese Kunden will Migros noch stärker als bisher Tegut ins Visier nehmen. Denn das Schlechte an Tegut sind die roten Zahlen, die die Osthessen seit einiger Zeit schreiben.

          Genau beziffert Migros Zürich das Minus nicht. Genossenschafts-Chef Jörg Blunschi ließ aber im Interview mit der „Lebensmittel Zeitung“ unlängst wissen, dass Tegut wohl auch in diesem Jahr noch einmal ein Minus erwirtschaften werde. Im vergangenen Jahr war das auch schon so, bei einem Umsatz von zirka 1,15 Milliarden Euro. 2014 soll Tegut wieder in die Gewinnzone zurückkehren, wie die Schweizer sagen. Die Migros Zürich ist Teil des Migros Genossenschaftsverbunds, der in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Gottlieb Duttweiler gegründet wurde. Er hatte einen ähnlichen Ansatz wie Tegut-Gründer Theo Gutberlet, als er sein Haus kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gründete - gute Lebensmittel zu günstigen Preisen.

          Ein erster Schritt der neuen Besitzer war die Verkleinerung der Geschäftsleitung. Sie hat bisher aus 20 Personen bestanden, nun sind es noch acht. Chef ist nach wie vor Thomas Gutberlet, Enkel des Gründers. Die neue Strategie, mit der die Schweizer Tegut wieder rentabel machen wollen, lautet: noch dichter an das zahlungskräftige Publikum herankommen, noch stärker in die Ballungsräume, etwa um Frankfurt, Wiesbaden und Mainz, weniger nach Thüringen, wie Migros-Zürich-Chef Blunschi sagt. Auch nach Baden-Württemberg will die Kette expandieren. Das von Tegut seit einigen Jahren parallel angebotene Konzept „Lädchen für alles“ will zu dieser Vorgabe nicht recht passen. Mit diesem Vertriebsmodell reagiert Tegut auf die Anfrage der Bevölkerung aus Orten, in denen es keinen Laden für die Nahversorgung mehr gibt. Das Unternehmen liefert dann die Ware, ist aber nicht Betreiber des Geschäftes. Nach Angaben der Tegut-Sprecherin steht diese Variante des Vertriebs aber bislang nicht in Frage.

          Fünftel des Umsatzes mit Bioprodukten

          Zentrale Bedeutung haben aber für die neue Migros-Strategie die Läden mit einer Verkaufsfläche zwischen 1500 und 2200 Quadratmetern in Städten. Dort erwarten die Schweizer nach Abzug der Kosten für Logistik und die Immobilie den größten Gewinn. Nach Unternehmensangaben erwirtschaftet Tegut mehr als ein Fünftel seines Umsatzes mit Bioprodukten, im sonstigen deutschen Lebensmitteleinzelhandel liegt dieser Anteil bei weniger als vier Prozent. Allerdings haben inzwischen Discounter wie Aldi auf die steigende Nachfrage reagiert und bieten Bio-Produkte von Obst über Fleisch bis zu Fisch an.

          Überhaupt versuchen sich die Schweizer via Tegut in einer Branche zu etablieren, in der hart gekämpft wird. Dunkel erinnert man sich noch an den amerikanischen Giganten Walmart, der nach verlustreichen Jahren den Rückzug aus dem deutschen Markt antreten musste, weil er die Härte, mit der die großen vier Rewe, Edeka, Aldi und Lidl zu Werke gehen, unterschätzt hatte. Etwa 85 Prozent des Lebensmittelhandels teilt das Quartett unter sich auf, wobei in Rhein-Main Rewe nach wie vor Edeka hinter sich zu halten weiß, was andernorts nicht der Fall ist.

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