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Leben mit Demenz : Täglich etwas Licht ins Dunkel bringen

Zerrinnende Erinnerung: Gottfried H. erzählt gerne und gestenreich. Dahinter sitzt Maren Ewald, Leiterin des Demenzzentrums Statthaus. Bild: Michael Kretzer

Zu heilen ist Demenz nicht. Aber positive Impulse und eine feste Tagesstruktur können das Leiden lindern – und Angehörige entlasten. Ein Haus in Offenbach verspricht den Menschen Linderung.

          Bei Mannesmann hat er gearbeitet, hat große Turbinen montiert, war deshalb viel im Ausland unterwegs, in der Türkei und in Finnland, aber natürlich auch in Deutschland. Daran kann sich Gottfried H., der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen mag, noch gut erinnern. Auch daran, dass er sich, anders als Kollegen auf Montage, auch mit den türkischen Hilfskräften gut verstanden hat, wie er sagt. Das seien herzliche Leute gewesen, die nur sehr wenig Geld bekommen hätten für schwere Arbeit.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Deshalb habe er sie auch schon einmal zum Essen eingeladen, denn er habe sehr gut verdient auf Montage. „Das sind doch Menschen wie wir auch, habe ich den anderen Monteuren immer gesagt. Und so denke ich auch heute noch“, sagt er. Überhaupt habe er früher viele Freunde und Bekannte gehabt – Deutsche und Ausländer. Wenn er diese Geschichten erzählt, wirkt der 84 Jahre alte Mann ohne Familie geistig wach und rege, präsentiert sich als Mensch mit festen Überzeugungen.

          Doch im Verlauf des Gesprächs wird rasch klar, weshalb er an jedem Wochentag, solange es geht, Gast im Offenbacher Statthaus ist: Gottfried H. leidet unter Demenz, und das von der Hans-und-Ilse-Breuer-Stiftung betriebene Haus bietet Hilfe für Betroffene und deren Angehörige. Im Verlauf der nächsten Dreiviertelstunde wird er immer wieder die Geschichte mit dem Taxifahrer erzählen, der nicht habe aussteigen und bei ihm daheim klingeln wollen. Deshalb habe er sich auf die Straße stellen und warten müssen, um mit dem Taxi in die Geleitsstraße zum Statthaus chauffiert zu werden. Sechs oder sieben Mal erzählt er von dieser für ihn so ärgerlichen Begebenheit. Und er kann sich nicht daran erinnern, dass er die Sache mit dem offenbar unwilligen Chauffeur gerade schon einmal genau so geschildert hat.

          Wenn der Kopf nicht mehr zuverlässig arbeitet

          Hinter dem Namen Statthaus verbirgt sich eine hergerichtete Villa mit schönem Garten und eigener Cafeteria, in die auch die Studenten der gegenüberliegenden Dependance der Hochschule für Gestaltung und andere Nachbarn kommen dürfen. Für Gottfried H. ist das Statthaus inzwischen schon fast ein Zuhause, wie er sagt. Das lässt Maren Ewald lächeln. Sie leitet das Haus zusammen mit Hedwig Werner und Tanja Dubas. Im Kern geht es dort darum, an Demenz erkrankte Menschen zu aktivieren mit Gymnastik, leichten Denksportaufgaben, Spaziergängen, Spielen, Musik, Gesprächen und auch Gartenarbeit. Besondere Bedeutung hat das gemeinsame Mittagessen, denn eine geregelte Ernährung geht schnell verloren, wenn der Kopf nicht mehr zu jeder Zeit zuverlässig arbeitet.

          Gottfried H. versorgt sich nach eigenem Bekunden daheim noch selbst, putzt und geht einkaufen „in dieses große Geschäft in Offenbach“. Was er denn so einkaufe? „Marmelade, Butter und Brot nehme ich immer“, sagt er. Dann aber erzählt er, dass er immer mehr an Gewicht verloren habe.

          Mit Rat und Tat: Das Statthaus in Offenbach bietet bei Demenz Hilfe und Beratung.

          Das Angebot des Statthauses richtet sich an Betroffene mit einer leichteren und mittleren Demenz. Es geht auch darum, Angehörige zu entlasten, wie Ewald sagt. Montags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr und freitags von 10 bis 14 Uhr bietet das Haus Betreuung an, je Stunde sind zehn Euro zu entrichten, wobei die Leistungen des Hauses von den Pflegekassen anerkannt sind und dort eingereicht werden können. Der Aufenthalt kann stundenweise gebucht werden. Derzeit sind täglich bis zu acht Gäste im Haus. Gottfried H. nutzt das Angebot maximal, sechs Stunden am Tag von Montag bis Donnerstag und vier am Freitag.

          „Daheim habe ich niemand“

          Für ihn sind diese Stunden die einzigen, in denen sich – abgesehen von seiner gesetzlichen Betreuerin – Menschen um ihn kümmern, wie er sagt. „Daheim habe ich niemand, und die Nachbarn mögen mich nicht so“, meint er. Die hätten selbst Familien und wollten mit so einem „alten Kerl“ nichts zu tun haben. „Da sitzt man dann zuhause, guckt gegen die Wand und fragt sich, warum man eigentlich ganz allein ist“, resümiert er mit ernstem Blick und fügt hinzu: „Wenn ich ein Knöpfchen drücken könnte und es wäre aus, dann würde ich das tun.“ Sein Blick lässt befürchten, dass er in diesem Moment meint, was er sagt.

          Die Demenzkranken aus solchen Tiefs immer wieder herauszuholen, etwas Licht ins Dunkel zu bringen und positive Impulse zu setzen ist das eigentliche Ziel des Statthauses: „Mit den Betroffenen eine offen-positive Grundstimmung und Atmosphäre herstellen“, wie es dort heißt. Gelingt das für eine Weile, ist schon alles erreicht, was möglich ist. Denn Heilung gibt es nicht; im Gegenteil, die Krankheit schreitet immer weiter voran. Bei Gottfried H., der das Statthaus seit zwei Monaten besucht, scheinen solche positiven Impulse tatsächlich anzukommen: Er hat im Statthaus Ingrid E. getroffen, mit der er gerne spazieren geht und spricht, wie Leiterin Ewald lächelnd berichtet. Womöglich ist Gottfried H. auch deshalb so adrett gekleidet.

          Ein Auto habe er auch noch, berichtet er. Die Marke kann er nicht mehr nennen. Ein kleiner Wagen sei es. Aber er fahre ihn nicht mehr, wenngleich er es natürlich noch könne. Er wolle sich den Ärger ersparen, wenn dann doch einmal ein kleiner Unfall passiere. „Was muss der alte Kerl auch noch fahren, werden die Leute dann sagen. Das will ich mir nicht anhören“, sagt er. Das Auto werde er wohl verkaufen und ein Teil des Erlöses der Betreuerin geben. Die sei immer so nett zu ihm und kümmere sich. Sonst tue das ja niemand – außer den Leuten im Statthaus. Deshalb mag Gottfried H. auch die Wochenenden nicht – dann ist das Statthaus geschlossen.

          Im ersten Geschoss beherbergt das Statthaus noch eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke. Das Besondere daran ist, dass die Betroffenen und ihre Familien oder gesetzlichen Betreuer gemeinsam entscheiden, wer in die WG passt und wer eher nicht. Ohne eine ganze Reihe ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer wäre das Statthaus allerdings nicht arbeitsfähig, wie Ewald sagt.

          Weitere Informationen

          Weitere Informationen und Beratungstermine sind unter der Telefonnummer 0 69/20 30 55 46 zu erhalten oder unter den E-Mailadressen t.dubas@breuerstiftung.de, m.ewald@breuerstiftung.de und h.werner@breuerstiftung.de. Im Internet findet sich das Statthaus unter www.breuerstiftung.de/statthaus-offenbach.

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