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Leben in der Pandemie : Der neue Flickenteppich

Sind nicht immer so eindeutig: die Regeln zur Bekämpfung des Coronavirus Bild: Finn Winkler

Die neue Normalität ist gezeichnet von unübersichtlichen Regeln zur Eindämmung des Coronavirus. Im neuen Jahr sollten sich Politiker zusammenraufen und wenige, aber durchweg schlüssige Regeln aufstellen.

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          Es wird von Tag zu Tag schwerer, die Übersicht über die vielen Regeln zu behalten, die zur Bekämpfung der Corona-Pandemie erlassen werden. Was abends die Bundeskanzlerin verkündet, muss nicht in Hessen gelten, was bis zum 20. Dezember maßgeblich ist, findet an Weihnachten vielleicht keine Anwendung mehr, und die Vorgabe für den Supermarkt an der Ecke unterscheidet sich von der fürs Einkaufszentrum an der Autobahnabfahrt.

          Die neue Normalität, von der seit Monaten gesprochen wird, besteht vor allem aus einer neuen Unübersichtlichkeit des Regelwerks, die ihrerseits die Unsicherheit der Politiker spiegelt. Natürlich sind die lautstarken Proteste auf den Straßen auch in den Staatskanzleien gehört worden, lesen sie dort Umfragen, aus denen sich ein Plazet der Bürger für einen wirklich harten Kurs, der rasch zu sinkenden Infektionszahlen führen würde, nicht ablesen lässt.

          Die Folge ist eine Vielzahl von Bestimmungen, oft von Kompromissen, die von Kritikern der ganzen Politik genüsslich nebeneinander ausgebreitet werden könnten: Die Restaurants und Bühnen dürfen nicht öffnen, weil dann abends zu viele Menschen unterwegs wären, der Zugang zu Einkaufszentren wird mit der neuen Regel, wonach sich auf je 20 Quadratmetern nur ein Kunde aufhalten darf, empfindlich beschränkt – aber der Ministerpräsident stellt Überlegungen an, ob über Weihnachten Hotels nicht auch für Verwandtschaftsbesuche geöffnet sein sollen. Und die Stadt Darmstadt ließ am Donnerstag wissen, an den Adventssamstagen seien Fahrten mit Bahnen und Bussen unentgeltlich, was ja nichts anderes heißt als: Kommt alle her, kauft massenhaft ein.

          Es ist alles entschuldbar, die Lage ist dynamisch, sie bringt Politiker nicht weniger an die Grenzen als alle anderen Bürger, niemand hat Erfahrungen, wie mit einer Pandemie dieses Ausmaßes umzugehen ist. Nächstes Jahr stehen viele Wahlen an, und jetzt steht auch noch Weihnachten bevor – wer will den Leuten schon das größte Fest von allen verderben?

          Bis zum Jahreswechsel wird es bei der Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Regeln bleiben, und wer weiß, vielleicht helfen sie entgegen aller Erwartungen ja sogar. Falls nicht: Im kalten Januar, wenn die Festtage endlich überstanden sind, sollten sich alle Politiker und Fachleute mit kühlem Kopf zusammenraufen und wenige, dafür aber durchweg schlüssige Regeln zur Bekämpfung der Pandemie aufstellen, die sich jeder merken kann und die eine ernsthafte Chance bieten, dass 2021 besser wird als 2020.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

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