https://www.faz.net/-gzg-a2beu

Anti-Lukaschenka-Demonstration : Belarus lebt auch in Frankfurt

Hinter der Maske, aber mit eindeutigen Botschaften: Teilnehmerinnen der Anti-Lukaschenka-Demonstration in Frankfurt Bild: Lucas Bäuml

Rund 200 Menschen demonstrierten auf dem Frankfurter Römer gegen den belarussischen Machthaber Aleksandr Lukaschenka. Bürgermeister Uwe Becker (CDU) hielt gar die altbelarussische Nationalflagge aus einem Rathausfenster.

          2 Min.

          Achtzehn Jahre lebt Viachaslau Shyfrin schon in Deutschland. Die belarussische Community hierzulande hat ihn bisher nicht interessiert. Nun wurde innerhalb weniger Tage alles anders. „Vor zwei Wochen kannte ich hier zehn Belarussen, jetzt sind es 3000“, sagt der Ingenieur, der in Neunkirchen im Saarland lebt. Das knapp zwei Autostunden entfernte Frankfurt ist die nächstgelegene Großstadt, in der Proteste gegen den belarussischen Präsidenten Aleksandr Lukaschenka stattfinden, dem vorgeworfen wird, die Präsidentschaftswahlen vom vergangenen Sonntag gefälscht zu haben und dessen Sicherheitsapparat mit roher Gewalt gegen Demonstranten in Belarus vorgeht. „Wir brauchen eine Bestätigung, dass die Demokratie einen Wert hat“, sagt Shyfrin. Er appelliert an Deutschland und Europa, das belarussische Volk im Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung nicht im Stich zu lassen.

          Auf Deutsch und auf Russisch richtet Michael Rubin seine begrüßenden Worte an die rund 200 Demonstranten, die am frühen Donnerstagabend den Weg auf den Frankfurter Römerberg gefunden haben. Ab Russisch oder Belarussisch gesprochen wird, spielt für die dort versammelten Belarussen keine Rolle. Viel wichtiger ist die Botschaft, die Rubin, der vor 25 Jahren aus Belarus nach Deutschland emigriert ist, ausspricht: „Unser Volk wird isoliert, vergewaltigt, geschlagen und sogar getötet.“ Er habe in den  vergangenen vier Tagen nicht ruhig schlafen können, sagt der selbständige Unternehmensberater, der in der Frankfurter Kommunalpolitik engagiert und Mitglied des Kreisvorstands der FDP ist.

          Lukaschenka bestrafen, nicht das Volk

          Rubin ruft die deutsche und die europäische Politik zum Handeln auf: „Wir brauchen persönliche Sanktionen, aber bitte keine Wirtschaftssanktionen.“ Der Langzeitmachthaber Lukaschenka müsse für sein blutiges Vorgehen bestraft werden, aber nicht das belarussische Volk. Klare politische Forderungen formuliert auch Oliver Stirböck, europapolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Hessischen Landtag. Erstens müsse die Gewalt gegen Demonstranten in Belarus sofort gestoppt werden, zweitens dürfe die Europäische Union die Wahlfälschung nicht anerkennen, drittens müssten die Sanktionen den „Diktator“ Lukaschenka treffen. Für Applaus der auf dem Römerberg Versammelten sorgt vor allem Stirböcks vierte Forderung: „Frau Von der Leyen und Frau Merkel: Laden Sie die Opposition ein nach Brüssel und nach Berlin, und setzen Sie damit ein kraftvolles Zeichen für die Freiheit in Belarus.“

          Noch mehr Emotionen setzt der sehr kurzfristig anberaumte Auftritt des Frankfurter Bürgermeisters Uwe Becker (CDU) frei. Der Kommunalpolitiker löst sie weniger mit seinen Worten auf dem Kopfsteinpflaster des Römerbergs, als vielmehr mit einer symbolischen Geste aus. Becker verschwindet nach seiner Ansprache im Rathaus. Doch plötzlich hält er zusammen mit Rubin eine mehrere Meter lange altbelarussische weiß-rot-weiße Flagge aus einem der oberen Rathausfenster. „Belarus lebt, Belarus lebt“, skandierten die Kundgebungsteilnehmer daraufhin auf Belarussisch. „Lukaschenka muss weg“, „Lukaschenka muss weg“, rufen sie auf Deutsch hinterher. Immer mehr Passanten schauen und hören zu. Der Seifenblasenmaler hinter dem Minervabrunnen zieht hingegen schon lange keine Aufmerksamkeit mehr auf sich.

          Nicht alle der Demonstranten auf dem Römerberg treten jedoch laut und emotional auf. Yana Götte, die der Liebe wegen vor viereinhalb Jahren von Belarus nach Deutschland emigriert ist, spricht kaum ein Wort. Die Studentin, die in Freiburg lebt, hält dagegen wacker ihr Tablet vor ihrem Oberkörper. Auf dem Bildschirm laufen in Dauerschleife Aufnahmen von gewaltsam niedergeschlagenen Protesten. „Ich will zeigen, was in Belarus passiert“, sagt sie mit leiser Stimme. Laut und deutlich äußert sich hingegen Till Brandt: „Mir ist es eine große Ehre, hier unter Weißrussen zu sein“, spricht der in Bad Vilbel lebende Mann, der seine politische Orientierung als „grün“ bezeichnet, in das herumgereichte Megafon. „Mir ist es schon etwas peinlich, Deutscher zu sein, wenn Tausende gegen eine Merkel-Diktatur demonstrieren, die keine ist.“ Belarussen kenne er persönlich keine. Doch wenn es um Menschenrechte gehe, da sei er immer dabei.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Langer Winter: Zwei Polizisten am Mittwoch auf dem Roten Platz in Moskau

          Repressionen in Russland : In der Krise wächst die Paranoia

          Corona, eine schwache Wirtschaft und Proteste: Wladimir Putins Machtapparat sieht sich in Russland vielen Krisen ausgesetzt. Und erhöht deswegen den Druck auf Opposition und Zivilgesellschaft.
          Maye Musk ist die Mutter des Unternehmers Elon Musk. Am Donnerstag erscheint ihre Autobiographie „Eine Frau, ein Plan“.

          Maye Musk : „In unserer Familie nimmt niemand frei“

          Wer Elon Musk verstehen möchte, muss seine Mutter Maye kennen lernen. Im Interview spricht sie über Abenteuertouren in der Wüste, ihre Modelkarriere mit 70 und wie sie einst aus Armut auf Dates verzichtete.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.