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„Der zerbrochne Krug“ : Wie eine E-Gitarre in der Sinfonie

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In voller Länge: Michael Birnbaum als Dorfrichter Adam. Bild: Karl & Monika Forster

Regisseur und Intendant Uwe Eric Laufenberg inszeniert „Der zerbrochne Krug“ am Staatstheater Wiesbaden in der ungekürzten Fassung. Mit mehr als zwei Stunden Spielzeit ist dies eine Herausforderung für das Publikum. Das starke Ensemble und Heinrich von Kleists Komik haben jedoch einiges zu bieten.

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          Nun weiß man also, wie lange es dauert, Heinrich von Kleists Komödie „Der zerbrochne Krug“ ohne Streichungen zu spielen: ziemlich genau zwei Stunden und fünfundzwanzig Minuten ohne Pause. Und man ahnt, weshalb die von Goethe inszenierte Uraufführung 1808 in Weimar zu einem eklatanten Misserfolg wurde. Goethe hatte die Erstfassung ohne Kürzungen spielen lassen und ob der Länge zwei Pausen eingefügt. Das Stück verlor den dramatischen Zusammenhalt, das Publikum machte seiner Langeweile durch Pfiffe Luft, die Kritiken waren vernichtend.

          Im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden kommt es trotz der Sitzfleischüberforderung zu keinem Spektakel. Brav harrt man bis zum Ende aus und honoriert das auf allen Positionen stark agierende Ensemble sowie Regisseur und Intendant Uwe Eric Laufenberg mit dankbarem Applaus. Und tatsächlich ist es von der ersten bis zur letzten Minute ein Vergnügen, den brillant dahingleitenden Blankversen Kleists zu lauschen, die, gespickt mit urkomischen Sentenzen, von sämtlichen Schauspielern bravourös vorgetragen werden. Die Inszenierung auf Rolf Glittenbergs sich v-förmig öffnender Bühne ist hier glücklicherweise konsequent altmodisch oder besser: Sie folgt nicht der verbreiteten Unsitte, rhythmisierte Sprache durch Vernuscheln vorgeblich moderner und kommensurabler zu machen.

          Ein Reenactment des Scheiterns

          Ohnehin vertraut Laufenberg Kleist so sehr, dass er nicht dessen nach der Uraufführungskatastrophe zusammengekürzte Fassung spielt, sondern ebenjene Langversion, die den Skandal auslöste. Diese aber macht aus der Komödie mit doppeltem Boden am Ende ein Trauerspiel und verschiebt den Fokus vom Dorfrichter Adam (Michael Birnbaum) auf sein Opfer Eve (Lena Hilsdorf). „Kleist pur“ verspricht der Text im Programmheft, doch übersieht er, dass der unvergleichliche Dramatiker Kleist die Schwächen seiner Erstfassung erkannte und genau das Retardierende, Überdeutliche, Überbreite des zwölften Auftritts eliminierte und das Stück damit für die Bühne rettete. Die Wiesbadener Inszenierung buchstabiert im letzten Viertel nun musterhaft das Scheitern der Uraufführung nach, gleichsam ein theatralisches Reenactment.

          In der gestrichenen Passage berichtet Eve ausführlich die Ereignisse in ihrer Schlafkammer. Sie erzählt, wie Adam ihr am Morgen seinen Besuch ankündigt, um ihr das Dokument mit Ruprechts Ausmusterung zu übergeben, wie er immer zudringlicher wird – und dann? An der entscheidenden Stelle lässt Kleist Eve sagen: „Er fasst mich so, mit beiden Händen, seht, und sieht . . . zwei abgemessene Minuten starr mich an.“ Geschieht in diesen Minuten der Missbrauch? Bei Kleist bleibt dies im Dunkeln, wenngleich natürlich der zerbrochene Krug als Bild für die verlorene Jungfräulichkeit einen Hinweis gibt. Aber, und das ist ein wichtiger Unterschied, auf der Symbolebene.

          Wenn man aber nun sicherstellen will, dass das Ungeheure der Tat verstanden wird, muss man die Vergewaltigung zeigen. Laufenberg macht aus der Erzählung Eves eine Art filmische Rückblende, lässt den zuvor entflohenen Richter unversehrt wieder auftreten und Eve drastisch auf dem Tisch vergewaltigen. Hier verrät Laufenberg seine eigene Originalklang-Philosophie und operiert überdeutlich, als krachten plötzlich E-Gitarren in eine auf alten Instrumenten gespielte Sinfonie.

          Der Missgriff macht es vollends unmöglich, das Stück nun noch versöhnlich enden zu lassen. Der Glaube dieser jungen Frau an irgendeine Form privater oder staatlicher Gerechtigkeit ist der eigentliche zerbrochene Krug. Ihr Verlobter Ruprecht (Christoph Kohlbacher) und ihre Mutter Marthe (Evelyn M. Faber) haben an ihrer Treue gezweifelt, das eigentliche Verbrechen bleibt ungesühnt. Eve weiß sich nun in einer Welt der Willkür und des Rechts des Stärkeren. Dies immerhin zeigt Laufenberg, und Lena Hilsdorf spielt die Ernüchterung des Mädchens mit versteinerter Miene. Alles Versöhnliche des Komödienschlusses wirkt nun erpresst, Eve weiß: Hier ist nichts mehr zu heilen.

          Nächste Vorstellungen am 30. und 31. Oktober jeweils um 19.30 Uhr.

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