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Manager und Marathon : Laufen ist das neue Golfen

Marathon-Mann: „Wenn ich nicht laufe, bin ich unausgeglichen“, sagt Opel-Chef Neumann Bild: Adam Opel AG

Unter Führungskräften wird Laufen immer populärer. Ein Marathonwettkampf gilt bei Managern sogar als Sinnbild von Disziplin und Konsequenz. Doch wie bringen Manager Job und Sport unter einen Hut?

          Es ist spät geworden bei Michael Ilgner. Bis kurz vor Mitternacht hat er noch am Schreibtisch gesessen und Mails bearbeitet, um sich diesen Zeitslot heute freizuhalten. Der Geschäftsführer der Deutschen Sporthilfe steht in seinem Büro am Frankfurter Stadtwald und bindet sich die schwarzen Laufschuhe zu, wirft einen letzten Blick auf das Smartphone, legt es zur Seite und ruft der Assistentin zu: "Ich bin dann mal weg, für eine Stunde." Länger geht nicht, aber immerhin. "Mein Terminkalender ist ziemlich voll", sagt Ilgner auf den ersten Metern seiner zehn Kilometer langen Standardstrecke durch den Stadtwald. Doch auch wenn der Chef von 40 Mitarbeitern der Sportstiftung in der Regel 60 Stunden in der Woche arbeitet und viel unterwegs ist, sind Laufeinheiten bei ihm feste Termine. Verabredungen mit sich selbst. So wie heute.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          "Fünfeinhalber Schnitt?", fragt der frühere Wasserball-Nationalspieler, er meint die Geschwindigkeit für die nächsten Kilometer. Häufig fragt er Mitarbeiter vor einer Besprechung, ob sie Laufsachen dabeihaben, dann dreht er mit ihnen eine Runde durch den Wald. In den vergangenen zehn Jahren absolvierte er drei Ironman-Distanzen, 2017 will er einmal wieder einen Marathon laufen. Sein Ziel: "Unter dreieinhalb Stunden."

          Teil der Lebensphilosophie

          Ilgner ist damit Teil einer immer größer werdenden Bewegung von Marathonmanagern: Führungskräften, die Gesundheit und Fitness als Teil ihrer Lebensphilosophie definiert haben - und das auf ihren Führungstil übertragen. "Marathonlaufen ist das neue Golfen", sagt Lauftrainer Andreas Butz, der ein Buch über das Thema geschrieben hat. Etwa jeder zehnte Vorstand börsennotierter Firmen beteilige sich inzwischen an der Massenbewegung Marathon. "Je höher man in Unternehmen schaut, desto größer ist die Dichte der Läufer", hat Butz festgestellt. Dem Laufcoach zufolge gibt es also nicht nur immer mehr Manager, die regelmäßig die Sportschuhe schnüren und für die 42,195 Kilometer lange, von allerlei Mythen umrankte Distanz trainieren. Butz sieht darüber hinaus einen Zusammenhang zwischen Erfolg im Beruf und dem beim Laufen.

          Karl-Thomas Neumann ist dafür ein gutes Beispiel. "Wenn ich nicht laufe, bin ich unausgeglichen", sagt der Vorstandsvorsitzende der Adam Opel AG. Zwölf Marathonläufe hat er hinter sich gebracht, jeden in einer anderen Stadt, von New York bis Hongkong. Seine Bestmarke von drei Stunden und 29 Minuten lief er 2005 in Frankfurt, jenem Lauf, der sich traditionell Ende Oktober durch die Mainmetropole schlängelt. Beim Laufen könne er sehr gut Dinge verarbeiten, erzählt Neumann, "da knacke ich schwierige Nüsse". Und davon gebe es in seinem Job so einige. Als der heute 55 Jahre alte Manager 2013 zu Opel kam, ging es darum, nach 14 Jahren Niedergang wieder Marktanteile zurückzugewinnen. Läufer Neumann wählte ein Bild aus dem Sport, um den Mitarbeitern den weiten Weg zu beschreiben: Der Turnaround bei Opel, sagte er, sei kein Sprint. Sondern ein Marathonlauf.

          Manager wie Ilgner und Neumann tragen viel Verantwortung, haben wenig Zeit. Dennoch seien sie im Vergleich zu anderen Läufern im Durchschnitt erfolgreicher, sagt Lauftrainer Butz. "Topmanager sind stringenter", sagt er. Sie fragen sich, was ihnen guttut. "Und dann machen sie es." Michael Ilgner bestätigt diese Theorie. "Leute, die beruflich erfolgreicher sind, sind häufig auch im Laufen erfolgreicher." Warum? "Weil sie konsequenter sind." Ein Lauftermin ist ein Lauftermin. Und wird eingehalten. Dafür verzichtet Ilgner häufig auf das Mittagessen. Opel-Chef Neumann, dessen Tag um sechs Uhr beginnt, dreht entweder morgens sehr früh oder spät am Abend seine Runden, an mindestens vier bis fünf Tagen pro Woche.

          Ein anspruchsvoller Job und ein zeitaufwendiger Sport: "Natürlich ist das manchmal anstrengend", sagt Marco Diehl, der bei der Citibank in leitender IT-Funktion tätig ist und als "schnellster Manager Deutschlands" gilt. Seine Bestmarke in bisher 165 Marathonläufen: 2:28 Stunden. Eine Spitzenzeit, und das als reiner Amateur. Diehl, 47 Jahre alt, sieht den Sport als Ausgleich zum Job. Doch er ist mehr als das. "Laufen erhöht die Leistungsfähigkeit, auch im Beruf. Und Läufer sind seltener krank." Wer einen Marathon vor Augen hat, der läuft bei jedem Wetter, "auch im Regen, auch im Dunkeln, auch im Schnee". Das erfordert Disziplin. Und wer die für den Sport aufbringe, tue das auch im Büro. Der innere Schweinehund, den Manager für regelmäßiges Training im Arbeitsalltag überwinden müssen, ist genauso hartnäckig wie bei anderen Läufern. "Aber sie können ihn einfacher überwinden, weil sie es gewohnt sind", sagt Butz.

          Opel-Chef Neumann ist überzeugt, "dass alle Menschen in Führungspositionen vom Sport lernen können". Ein aktiver Lebensstil bringe ausschließlich Vorteile, sowohl für das eigene Wohlbefinden als auch im Beruf. Deshalb ist es heute modern, als Manager fit, schlank und gesund zu sein. Und, natürlich, der Lauf selbst ist eine Belohnung. Beim Detroit-Marathon während des Sonnenaufgangs auf der gesperrten Ambassador-Bridge über den Detroit River von den Vereinigten Staaten nach Kanada zu laufen, war laut Neumann "ein einmaliges Erlebnis".

          „Offener Geist entscheidend“

          Auch bei der Mitarbeiterauswahl könne das eine Rolle spielen. Wobei: Wichtig sei nicht, ob ein Bewerber Marathonläufer, Fußball-Ass oder wagemutiger Downhill-Biker sei. "Entscheidend ist ein aktiver und offener Geist", sagt Neumann. "Man muss die Anstrengung, die zum Erfolg führt, genauso lieben wie das Feiern dieses Erfolgs."

          Michael Ilgner teilt diese Einschätzung. Eine sportive Lebensweise sei ein anzustrebendes Ziel, das er auch von seinen Mitarbeitern erwarte. Das nutze den Menschen wie dem Unternehmen gleichermaßen, sagt Ilgner am Ende des Zehn-Kilometer-Laufs. Dann schaut er auf seine Laufuhr. Er war schneller als geplant. "Jetzt gehe ich hochmotiviert und frisch zurück an die Arbeit."

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