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Kontrolle von Lastwagenfahrern : Leere Wodkaflaschen im Führerhaus

Alkohol im Spiel: Den Spitzenwert bei der hessenweiten Kontrolle von Lastwagenfahrern hat ein Pole mit 2,7 Promille erreicht (Symbolbild). Bild: Patrick Junker

Die Polizei hat bei einer Kontrollaktion auf Parkplätzen festgestellt, dass jeder sechste Lkw-Fahrer betrunken war. Mit besonders hohen Promillewerten fielen Osteuropäer auf.

          Vier Flaschen hat Andreas Lackmann in der Fahrertür seines Lastwagens stehen. Voll sind sie, aber harmlos: Er hat nur Wasser und rote Limonade dabei. Anders als 190 seiner Kollegen, denen die Polizei am Sonntagabend nachweisen konnte, dass sie unter Alkoholeinfluss standen. Damit war jeder sechste der 1200 Fahrer, die auf Rastplätzen in ganz Hessen kontrolliert wurden, betrunken. Knapp 80 von ihnen hatten immerhin so viel Alkohol in der Atemluft, dass sie ihre Fahrt nach dem Ende des Sonntagsfahrverbots um 22 Uhr erst einmal nicht fortsetzen durften.

          Anna-Lena Niemann
          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch am Rasthof Taunusblick auf der A 5 haben die Polizisten am Sonntagabend, kurz vor Ende des Fahrverbots, an die Fahrzeugtüren geklopft und zum Pusten gebeten. Genau dort, wo einen Tag später auch Andreas Lackmann steht. Am Morgen war er von seiner Heimatstadt Paderborn aus aufgebrochen. Am Freitag wird er, wie jede Woche, wieder dorthin zurückfahren. Jetzt muss der gebürtige Russe allerdings eine Stunde Pause machen, bevor er seine Ladung auf die Straße Richtung Stuttgart bringen darf. Von den Kontrollen hat ihm ein Kollege erzählt, doch auch Lackmann kennt das Problem. Gerade die vielen Fahrer aus den osteuropäischen Staaten, von Polen übers Baltikum bis Rumänien, müssten oft vier bis fünf Tage auf den Rastplätzen verbringen, sagt er. Es lohne sich für sie nicht, nach Hause zu fahren. Hinzu kämen die hohe Arbeitsbelastung durch den Termindruck und die erzwungene Langeweile auf den Parkplätzen. „Und da fangen sie an zu trinken“, sagt Lackmann. Das sei keine Entschuldigung, aber eine Erklärung.

          Ein „Warnschuss“ für die Fahrer

          Tatsächlich registriert die Polizei am Sonntagabend die höchsten Promille-Werte bei Fahrern aus Osteuropa. Auf der Rastanlage Wetterau an der A5 wird bei einem Polen 2,7 Promille Alkohol in der Atemluft festgestellt. 2,6 Promille misst die Polizei bei einem Bulgaren auf dem Rasthof Weiskirchen an der A 3. Im Fußraum seines Fahrzeugs liegen zwei leere Wodkaflaschen. An der „Werra-Meissner-Rast“ in Nordhessen kontrollieren die Beamten einen Fahrer aus Lettland mit 2,5 Promille, und an der Raststätte Gräfenhausen zwischen Frankfurt und Darmstadt stößt die Polizei auf einen mit Salpetersäure geladenen Gefahrguttransporter, dessen Fahrer fast 1,6 Promille hat. Dabei gilt für ihn die 0,0-Promille Grenze, während seine Kollegen 0,5 Promille nicht überschreiten dürfen. Für den erfahrenen Spediteur Axel Keiper kommt die seit Jahren erste großangelegte, hessenweite Kontrollaktion der Polizei zur rechten Zeit. „Das ist mal ganz gut“, sagt der Geschäftsführer der W+K Spedition-Transport-Logistik GmbH in Steinbach und spricht von einem „Warnschuss“. Er hofft, dass die Fahrer künftig etwas vorsichtiger sind. Seiner Ansicht nach gibt es zu wenige Alkoholkontrollen, obwohl die Gefahr, auf diese Weise schwere Unfälle zu verursachen, groß sei.

          „Alkohol am Steuer, das gab es in Maßen schon immer“, sagt er. Dass am Sonntagabend viele Osteuropäer aufgefallen sind, wundert ihn nicht. Wie Fahrer Lackmann hält er deren Lebenssituation und die große Langeweile während der Pausen auf den Rastplätzen für problematisch. Zudem seien sie aus ihren Ländern oft nicht so strenge Kontrollen gewohnt, sagt er. Ihn als Spediteur ärgert das Ergebnis der Kontrollen dennoch. Immer, wenn der Berufsstand versuche, aus den Negativschlagzeilen herauszukommen, würden die Bemühungen durch solche Vorkommnisse wieder zunichte gemacht.

          Drei Monate am Stück unterwegs

          Ähnlich sieht es Martin Bulheller vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung. Die Kontrollen verbesserten die Verkehrssicherheit sofort und hätten zudem eine abschreckende Wirkung. Der Bundesverband fordert allerdings auch, sich mit den Ursachen der Trinkerei auseinanderzusetzen. Zum Teil seien osteuropäische Fahrer drei Monate am Stück unterwegs, ohne zwischendurch nach Hause fahren zu können. „Da sehen wir den Schlüssel“, sagt Bulheller. Der Verband fordert deshalb europaweit eine sogenannte Heimkehrpflicht. Nach spätestens vier Wochen müssten die Fahrer dann einmal heimwärts fahren. Dem Beispiel einiger Nachbarländer mit einer 0,0-Promille-Grenze würde der Bundesverband nur bedingt folgen. Dann nämlich, wenn diese für alle Fahrer gelte, egal ob am Steuer eines Autos, Motorrads oder Lastwagens.

          Für Thorsten Hölzer, Geschäftsführer des Speditions- und Logistikverbands Hessen und Rheinland-Pfalz, ist es „völlig zu verurteilen“, dass so viele Fahrer betrunken angetroffen wurden. Dass auf den Rastplätzen „der eine oder andere mal Bier trinkt oder die osteuropäischen Fahrer auch zum Wodka greifen“, das sei bekannt. Doch die jetzt ermittelten Werte, „die sind schon hoch“, das habe ihn überrascht. Sein Verband habe im Sommer mit der Polizei die Kampagne „Hellwach mit 80“ eröffnet und dabei auf die „zehn Todsünden“ im Fahrerhaus hingewiesen, zu denen der Alkoholkonsum zähle, aber auch der Griff zum Smartphone und das Kaffeekochen während der Fahrt.

          Überprüft werde das bisher jedoch kaum, sagt Fahrer Andreas Lackmann. Und selbst wenn es mehr Kontrollen gäbe, seiner Ansicht nach brächten sie wenig. Er beobachte grundsätzlich mehr Aggressivität auf der Straße und spricht sich für höhere Strafen aus. Nicht nur bei Fahrten unter Alkoholeinfluss, sondern auch, wenn ein Lastwagen in der Baustelle trotz Verbots überhole. Wenn jemand bei einem Verstoß für ein Jahr seinen Führerschein abgeben müsse, so Lackmann, überlege er sich zweimal, wie er sich verhalte. Schließlich hinge dann ganz sicher die berufliche Existenz davon ab.

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