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Neue Stadt-Mobilität : Lastenrad statt Auto

Fuhrpark: Lastenräder stehen an einem Spielplatz im Frankfurter Anlagenring. Bild: Petra Kirchhoff

Immer mehr Familien erledigen ihre Einkäufe und Wege in der Stadt mit dem Lastenrad. Der Markt boomt. Worauf es ankommt und wie man das Rad findet, das zu einem passt.

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          Fahrradfahren mit kleinen Kindern war schon bisher kein Problem. Entweder sie kommen in den Kindersitz, oder man koppelt einen Fahrradanhänger an, der schnell zum Kinderwagen umfunktioniert werden kann. Mit festem Boden taugen die teureren Modelle (bis 1300 Euro) auch für den Transport von Einkäufen und anderen Lasten.

          Petra Kirchhoff
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Immer öfter sieht man inzwischen jedoch Väter und Mütter mit Rädern, bei denen die Transportbox vor dem Lenker montiert ist. Solche Lastenräder, auch Cargo-Bikes, sind mit einer Länge von bis zu 2,60 Metern nicht zu übersehen. Zwei Kinder haben in der Regel gut Platz, mitunter sogar mehr. Bier- und Sprudelkisten sowieso. Neben Angeboten wie Carsharing und Bahnfahren ist das Lastenrad inzwischen ein weiterer Grund, weshalb viele Städter überlegen, das Auto ab- oder sich erst gar keines anzuschaffen. Mobil sind sie trotzdem und umweltfreundlich noch dazu.

          Die Bike Boutique an der Gallusanlage in Frankfurt hat sich schon früh auf Lastenräder spezialisiert und ist nach eigenen Angaben der größte Anbieter in Rhein-Main. Zwischen zwei und vier Lastenräder in der Woche verkauft das Geschäft, das zur Main Mobility GmbH gehört. Aber auch andere Händler, etwa Per Pedale in Bockenheim, haben Räder der bekannten Marken im Programm. Das sind aus den Niederlanden: Urban Arrow, Bakfiets und Babboe. Aus Dänemark: Nihola, Christiania und Butchers & Bicycles. Aus Deutschland kommt das Darmstädter Unternehmen Riese & Müller, das auf dem Markt inzwischen kräftig mitmischt.

          Lastenrad bietet viele Verwendungsmöglichkeiten

          Wer sich ein Lastenrad zulegen will, sollte zunächst klären, was genau er damit machen will, wie viel Platz er braucht und welche Distanzen er zurücklegen will. Laut Mohamed Ibeli, Fachmann für Lastenräder in der Bike Boutique, gibt es für fast alle Modelle Zubehör, mit dem die Ladefläche sicher und kindgerecht gestaltet werden kann. Viele Hersteller bieten ihre Modelle in einer größeren und einer kleinere Version an, manche auch welche ohne Motor (Nihola, 2600 Euro) – allerdings wird davon bei Rädern, die als Autoersatz angeschafft werden, abgeraten. Die durchschnittliche Reichweite elektrischer Lastenräder liegt laut Ibeli zwischen 30 und 70 Kilometern, je nachdem, wie viel Gewicht zugeladen und wie der Motor gefordert wird.

          Bild: F.A.Z.

          Wer mit dem Lastenrad vor allem seine Kinder zur Kita oder auf den Spielplatz fahren will, sollte darauf achten, dass die Gurte stabil und gut zu schließen sind und dass die Kinder nicht zu hoch sitzen. Das könnte im Straßenverkehr ein Sicherheitsrisiko sein. Weiche Polster aus Polyester und gerundete Ecken sind angenehmer als harte Sitze aus Holz. Holz hat zudem den Nachteil, dass es witterungsanfällig ist, auch wenn die Räder mit solchen Boxen schicker aussehen. Wichtig ist zudem, dass ein Regendach demontiert mitgenommen und schnell installiert werden kann. Nach Angaben der Bike Boutique sind die Dächer zum Teil so gut beschaffen, dass selbst starker Regen und frostige Temperaturen den Insassen nichts ausmachen.

          So ist es auch nachzulesen in einem Marktüberblick und Testbericht, den die Bike Boutique in gedruckter Form und zum Herunterladen auf ihrer Homepage anbietet (www.bikeboutique.bike.de). Die Fahrradprofis haben sich neun elektrische Lastenräder auf deren Tauglichkeit als Familienrad hin angeschaut und ihre „subjektiven Erfahrungen und Einschätzungen“ in einem Bericht zusammengetragen. Zusätzlich haben sie die Meinung von Kindern und Familien sowie die Erfahrungswerte von Werkstätten eingeholt. Bewertet wurden zudem Räder, die die Bike Boutique nicht verkauft. In der Tabelle auf dieser Seite zeigen wir eine Auswahl.

          Einspurigen Räder schneiden besser ab

          Beim Fahrtest der Bike Boutique schnitten die einspurigen Räder, also die mit einem Rad vorne und einem Rad hinten, besser ab als die dreispurigen. Das Nihola Family ist gleichwohl nach Einschätzung der Tester das beste Rad für alle, die sich auf drei Rädern sicherer fühlen. Pluspunkte für sicheres Bremsen verbuchen Modelle, die mit hydraulischen Scheibenbremsen ausgestattet sind (Urban Arrow, Riese & Müller). Das Familienrad Packster von Riese & Müller punktet mit dem stärksten Akku, zuverlässiger Technik und „Top-“ Verarbeitung (Vollfederung), ist mit 5649 Euro in der Runde am teuersten.

          Unter 2000 Euro sei kein vernünftiges unmotorisiertes Lastenrad zu bekommen, heißt es in der Bike Boutique, bei den E-Cargo-Bikes gehe es in der Grundfunktion mit 4500 Euro los, die Extras kommen dann noch on top. Auch müssen Käufer bedenken, dass Versicherung und Werkstattbesuch teurer sind. Und einen guten Platz zum Parken braucht das Vehikel auch.

          Es gibt noch „viel Luft nach oben“

          Dass es günstiger geht, zeigt der Hersteller Babboe, der knapp 2500 für sein E-Cargo-Bike verlangt. Solche Kampfpreise sind deshalb möglich, weil die Räder in China produziert und im Direktvertrieb über das Internet verkauft werden. Auch die Preise für Zubehör sind günstig. Für Familien mit geringem Budget, die das Rad nur bei schönem Wetter und auf flachem Gelände nutzten, könne das Rad eine Option sein, heißt es in dem Bericht.

          Spitze in der Bewertung ist das Lastenrad von Urban Arrow, das Mohamed Ibeli für das „ausgereifteste Rad“ hält. Kinder hätten hier die beste Sitzposition und die beste Ausstattung, sagt Ibeli, der sich demnächst als Lastenrad-Berater selbständig machen wird. Grundsätzlich, betont er, gebe es bei allen Herstellern aber noch „viel Luft nach oben“.

          Lastenräder für den kleinen Beutel

          Auch zu leihen Lastenräder gibt es inzwischen als Leihgabe. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) stellt in Frankfurt jeweils gegen eine Spende drei Räder zur Verfügung, die in Bockenheim, im Gallus und in Bornheim stehen. Nutzer können das Rad nach Registrierung unter www.main-lastenrad.de buchen. Das Projekt wird finanziert mit Preisgeldern eines Ideenwettbewerbs des Frankfurter Energiereferats. Erstmals im Rhein-Main-Gebiet wird der Radverleiher Nextbike in dieser Woche in Rüsselsheim Cargo-Bikes anbieten. Weitere Räder finden Interessierte unter www.velogistics.net. (hoff.)

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