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Das Verbraucherthema : Dreirad mit Kühlschrank

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Spritsparmobil: Per Lastenfahrrad lässt sich etwas außer einem Schrank auch noch ein Regal bewegen. Bild: Amadeus Waldner

Wie leistungsfähig ist ein Lastenfahrrad? Das fragte sich Katharina Müller-Güldemeister und versuchte, einen 1,40 Meter großen Kühlschrank zu transportieren. Das Verbraucherthema.

          3 Min.

          Der Bekannte lacht, als er das Gefährt sieht, mit dem ich seinen alten Kühlschrank aus Sachsenhausen zu mir nach Niederrad bringen will. Für die Strecke von fünf Kilometern habe ich ein Lastenfahrrad mit Elektroantrieb gemietet. Das Fahrrad ist mein Lieblingsverkehrsmittel: Es braucht keinen Sprit, spart Kohlendioxid ein, ich muss weder Parkplatz suchen noch Parkgebühren zahlen, und ich bin im Berufsverkehr sogar schneller als mit dem Auto. Ob sich mit einem Fahrrad aber auch ein 1,40 Meter großer Kühlschrank transportieren lässt, wird sich nun zeigen.

          Während es in Berlin mehr als ein Dutzend Verleiher für solche Räder gibt, findet sich in Frankfurt genau einer. Er heißt „Leben im Westen“, Standort ist in Höchst. Ich kündige mich telefonisch an, denn den Verleih übernimmt nicht ein Fahrradladen, sondern ein Herr Hoffmann, ein vielbeschäftigter Rentner, der seinen Vornamen nicht in der Zeitung lesen will.

          Rad mit Elektroantrieb

          Herr Hoffmann nimmt sich Zeit - das „E-Bakfiets“ sei ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Ach was. Das E-Bakfiets hat ein Vorderrad mehr als mein eigenes Rad, außerdem fahre ich schon lange ohne Stützräder und habe immerhin eine kurze Karriere als Fahrradkurierin in Berlin hinter mir. Das Wort Bakfiets kommt, wie vieles Gute rund um das Fahrrad, aus Holland. Es bedeutet Kastenfahrrad.

          „Schön langsam um die Kurven“, sagt Hoffmann, „sonst kippen Sie um.“ Die Räder vermietet er ehrenamtlich für die KEG, eine als öffentlich-private Partnerschaft gegründete Gesellschaft, die Grundstücke entwickeln soll. „Leben im Westen“ soll die E-Mobilität in Wohngebieten am Stadtrand fördern, außer mit E-Bikes vor allem durch Elektroautos. „Die niedrigste Stufe reicht für den Anfang“, sagt Hoffmann und zeigt mir die drei Geschwindigkeitsstufen des Elektroantriebs, die ich am Lenker einstellen kann. Elektroantrieb - so alt bin ich noch nicht. Dann darf ich endlich eine Runde um den Block fahren.

          Ein Rad kostet um 3000 Euro

          Als ich in die Pedale trete, beschleunigt das Rad von selbst. Der Lenker mit den beiden Vorderrädern und dem Transportkasten dazwischen zickt nach links und rechts. Schon kommt die erste Kurve. Ich höre auf zu treten, doch das elektrifizierte Bakfiets wird trotzdem schneller. Die Fliehkraft zieht meinen Oberkörper nach links, das Vorderrad verfehlt den Bordstein nur um wenige Zentimeter. Ab jetzt fahre ich nur noch mit angezogener Handbremse. „Sah doch ganz gut aus“, sagt Herr Hoffmann, als ich unfallfrei seine Einfahrt erreiche. Dass man dafür keinen Führerschein braucht.

          Hindernisfahrt: Der im Selbstversuch transportierte Kühlschrank.
          Hindernisfahrt: Der im Selbstversuch transportierte Kühlschrank. : Bild: Amadeus Waldner

          Meistens werden die Transporträder von Eltern, Großeltern und Tagesmüttern geliehen, die mit kleinen Kindern Radtouren am Main unternehmen. In der Transportkiste können zwei Bänke heruntergeklappt werden, auf denen vier kleinere Kinder Platz haben. Dann werde ich ja wohl einen Kühlschrank damit transportieren können.

          Anschrift, Ausweisnummer und drei Unterschriften sind alles, was Herr Hoffmann noch von mir haben will. Kaution: keine. Die Leihgebühr von fünf Euro für einen Tag soll ich zahlen, wenn ich das Rad zurückgebe. Es ist nur ein symbolischer Betrag, der für kleine Reparaturen verwendet wird. Und das geht nur, weil das Projekt durch das Bundesministerium für Verkehr und Spenden von Frankfurter Unternehmen und Verbänden gefördert wird. Ein Lastenfahrrad mit Elektroantrieb kostet im Laden 2000 bis 3000 Euro. Ohne Elektromotor gibt es sie schon für 800 Euro. Andere Verleiher nehmen durchschnittlich 25 bis 30 Euro für einen Tag.

          Einbahnstraße ist zu eng

          „In die S-Bahn passt das Geschoss nicht“, warnt Herr Hoffmann. Und das 54 Kilo schwere Rad Treppen hochzutragen, sollte man gar nicht erst versuchen. Also immer auf dem Radweg am Main entlang; durch die Abbremsgitter passt das Gefährt gut. Die Spaziergänger, die mir begegnen, lächeln über das Erwachsenendreirad mit der Aufschrift „Mich kann man mieten“. Zugegebenermaßen läuft der Elektroantrieb, seit ich von Hoffmanns Hof gerollt bin. Meine Vorurteile haben sich im Fahrtwind verflüchtigt.

          In Sachsenhausen fahre ich aus Gewohnheit in eine für Fahrräder geöffnete Einbahnstraße - und muss umkehren. Denn für das Bakfiets und ein Auto ist die Straße zu eng. Auch an den stehenden Autos vor Ampeln kann ich mich nicht vorbeischlängeln, weil das Transportrad zu breit ist. Immerhin kann ich direkt neben der Haustür meines Bekannten in Sachsenhausen parken.

          Wieder schieben angesagt

          Der Kühlschrank passt einwandfrei in den Transportkasten, allein: Im Sattel sitzend, kann ich die Straße kaum noch sehen. Erst mal schieben. Vom Gewicht her würde das Lastenrad noch einen weiteren Kühlschrank aushalten. Allerdings wirkt sich die Höhe meiner Fracht ungünstig auf die Stabilität aus. Der Lenker will oft in eine andere Richtung als ich.

          Am Museumsufer ist wenig los, deswegen wage ich es zu fahren. Wenn ich am Kühlschrank vorbeiluge, sehe ich immerhin den halben Weg - ganz vorschriftsmäßig ist das nicht, aber hier geht es um einen Praxistest. Nach dem Mainufer werde ich das Rad im Straßenverkehr wieder schieben müssen.

          „Guckt mal, da kommt ein Kühlschrank angefahren“, sagt ein Jugendlicher zu seinen Freunden, die auf Smartphones starren. „Verarsch mich nicht“, sagt sein Kumpel, guckt hoch und sieht, dass es kein Witz war. „Ist da Bier drin?“, ruft einer. Statt des Kühlschranks würden acht Bierkästen in den Transportkasten passen - vielleicht eine Geschäftsidee, der ich nachgehen sollte. Für den nächsten Kühlschrank werde ich ein Auto mieten.

          Fakten zum Fahrrad

          Fakten zum Fahrrad Bis zu vier Kinder können auf einem Lastenrad transportiert werden. Sie werden auf Bänken mit Dreipunktgurten angeschnallt. Der Fahrer kann sich gut mit ihnen unterhalten, außerdem haben sie einen besseren Blick als aus einem Kindersitz. Gegen ein Lastenrad entscheiden sich manche Eltern, weil sie es im Vergleich zu einem Rad mit Kindersitz als weniger wendig und unnötig sperrig empfinden. Sollen mehrere Kinder transportiert werden, bieten sich Räder mit Transportkiste und Bänken an wie Christiania Bikes, Nihola, Bakfiets, Babboe und die Kangaroo Bikes von Winther. Bei längeren und bergigen Strecken ist ein Elektroantrieb wegen des hohen Eigengewichts des Rads und des Ladegewichts zu empfehlen. Für Lastenräder fallen Kosten von mindestens 800 Euro an, mit Antrieb mindestens das Doppelte. Beim Fahrradladen Per Pedale in Frankfurt-Bockenheim können Modelle ausprobiert werden. Der ADFC hat auf seiner Internetseite (www.adfc.de) einen Test des Dänischen Radfahrer-Verbandd veröffentlicht. Mit einem Gefährt wie dem Bakfiets lassen sich Lasten bis zu 150 Kilogramm transportieren. Auch drei Umzugskisten passen darauf. Im Stadtverkehr kommen viele Modelle schneller ans Ziel als Autos. Auch Brief- und Paketzusteller entdecken die Räder für sich. Die Deutsche Post setzt in Frankfurt 31 Lastenfahrräder ein. Vorteile im Vergleich zu Autos sind, dass keine Versicherung abgeschlossen werden muss; auch fallen keine Parkgebühren an, die Reparaturkosten sind im Schnitt geringer. Ein Nachteil ist, dass in der Innenstadt selten Garagen vorhanden sind, um das teure Gefährt vor Witterung und Diebstahl zu schützen. (kamu.)

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