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Langzeitaufgabe : Henzler will Inklusion behutsam angehen

  • -Aktualisiert am

Inklusion ist ehrenwert aber auch teuer. Bild: Schmitt, Felix

Die Eingliederung behinderter Schüler in den Regelunterricht ist nach Ansicht der Kultusministerin eine Langzeitaufgabe.

          Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) sieht das Land bei der Eingliederung behinderter Schüler in den Regelunterricht auf gutem Weg. 95,6 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Hessen besuchten die Regelschule, nur 4,4 Prozent Förderschulen, sagte sie am Mittwoch bei einer Debatte im Landtag in Wiesbaden. „Das ist bundesweit ein Spitzenwert.“ Ziel der CDU/FDP-Regierung sei es, diesen Prozentsatz in den nächsten Jahren auf vier zu senken; grundsätzlich werde an den Förderschulen für körperlich und geistig Behinderte festgehalten. Bei der Inklusion müsse das Wohl der Kinder im Mittelpunkt stehen; Ideologie oder unerfüllbare Visionen seien fehl am Platz, betonte die Ministerin.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie werde den von ihr eingeschlagenen Weg „in Ruhe und sehr behutsam“ fortsetzen, äußerte Henzler weiter. Sie veranschlagte die Übergangszeit bis zu einer vollständigen Inklusion in Hessen auf zehn bis 15 Jahre. Das Land werde zunächst in zwei Modellvorhaben in Wiesbaden und im Kreis Offenbach prüfen, ob flächendeckend auf Förderschulen verzichtet werden könne. Bis dahin müssten Eltern behinderter Kinder möglichst frei entscheiden können, ob sie ihr Kind in die Förder- oder Regelschule schickten.

          Talente individuell fördern

          „Das Wohl des Kindes ist vorrangig zu berücksichtigen“, zitierte Henzler aus der UN-Behindertenkonvention, zu deren Umsetzung sich alle Bundesländer verpflichtet haben und die ein Recht auf freie Schulwahl auch für Behinderte vorsieht. Die Oppositionsfraktionen SPD, Grüne und Linkspartei warfen der Ministerin vor, sie wolle dieses Ziel unter Hinweis auf finanzielle und praktische Hindernisse sabotieren. Henzler sorge für „Chaos und Unsicherheit“, um sich ihrer internationalen Verpflichtung zu entziehen, kritisierte der Grünen-Abgeordnete Mathias Wagner. „Diese Landesregierung will Inklusion nicht.“ Die von Henzler eingeforderte Entscheidungsfreiheit sei zwar richtig, sagte Wagner, doch was nütze dies, wenn die Eltern behinderter Kinder aus Mangel an Alternativen keine andere Wahl hätten, als ihre Sprösslinge in eine Förderschule zu schicken. Das Kultusministerium stelle mit seinem Entwurf für eine Inklusions-Verordnung sogar bisherige Standards in Frage. Heike Habermann (SPD) forderte zusätzliche Lehrer für die Inklusion. Das dauerhafte Parallelangebot von Regel- und Förderschulen mache die Inklusion letztlich nur noch teurer.

          Die Linken-Abgeordnete Barbara Cárdenas bezeichnete es als Schande, dass die Regierung an den mangelhaften Rahmenbedingungen nichts ändere und so Chancengleichheit im Bildungswesen gezielt verhindere. Dies gelte sowohl bei sozialer Diskriminierung als auch bei der Diskriminierung von Kindern mit Behinderungen.

          Nach Ansicht der Regierungsabgeordneten Günter Schork (CDU) und Mario Döweling (FDP) sollte die Schule die Fähigkeiten und Talente aller Kinder möglichst individuell berücksichtigen. Eine „sozialistische Einheitsschule“ werde es mit der CDU nicht geben, sagte Schork, und sein Fraktionskollege Hans-Jürgen Irmer ergänzte: „Es gibt auch Grenzen der gemeinsamen Beschulbarkeit.“

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