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Schlangen vor Ausländeramt : Mit Schlafsack zur Aufenthaltserlaubnis

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Wartestand: Kunden der Frankfurter Ausländerbehörde müssen sich in Geduld üben Bild: dpa

Lange Schlangen vor der Frankfurter Ausländerbehörde: Wenn es um ein ablaufendes Visum oder ihre Aufenthaltsgenehmigung geht, stellen sich Dutzende Menschen schon in der Nacht vor den Eingang des Frankfurter Ausländerbehörde.

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          Diesmal wollte Hanna auf Nummer sicher gehen. Schon um Mitternacht traf die junge Ukrainerin in der Nacht zu Mittwoch vor der Frankfurter Ausländerbehörde ein - mit Campingstuhl, Kuscheldecke, Thermoskanne und einem extra Pullover. „Das letzte Mal war ich um vier Uhr morgens hier und habe keinen Termin mehr bekommen“, sagt die junge Frau, die als Au-pair bei einer Frankfurter Familie seit Januar einjährige Zwillinge und einen Vierjährigen betreut. In diesem Monat läuft ihre Aufenthaltsgenehmigung ab - die muss nun erneuert werden.

          Ihr deutscher Gast-Vater leistete ihr in der Nacht ein paar Stunden Gesellschaft. Doch nun muss er sich um die Kinder kümmern, während Hanna optimistisch ist, diesmal bei der Öffnung der Behörde um halb acht morgens zu den Schaltern vorgelassen zu werden.

          „Wenn ich online einen Termin beantrage, ist erst im September etwas möglich“, bedauert Hanna. Sie will nicht in der Ungewissheit leben, sich mit abgelaufenem Visum in Deutschland aufzuhalten. Oder nicht mehr einreisen zu können, falls sie dringend zu ihrer Familie in die Ukraine fahren müsste.

          Schon im Morgengrauen vor der Tür

          Der Au-pair-Aufenthalt war zwar von vornherein für ein Jahr geplant, doch das Visum werde nur für jeweils sechs Monate vergeben, erzählt die junge Frau mit den langen brünetten Haaren unter einer bunten Wollmütze. Mütze und Decke waren in der Nacht notwendig: „So um drei, vier Uhr ist es schon sehr kalt gewesen.“

          Einige Meter hinter Hanna steht ein 54 Jahre alter Vietnamese in der internationalen Menschenmenge. Er ist um halb zwei gekommen - es ist sein vierter Versuch, seine Niederlassungserlaubnis verlängern zu lassen. „Ich bin dann jedes Mal eine Stunde früher gekommen, hatte aber nie Glück. Heute hoffe ich, an die Reihe zu kommen.“

          Der Mann aus der Nähe von Hanoi, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, hat sein halbes Leben mit dem Ringen um Papiere und Stempel verbracht: Während des Kommunismus war er als Vertragsarbeiter in der damaligen Tschechoslowakei, nach dem Fall der Mauer zog er nach Deutschland.

          Lange lebte er ohne Papiere, in Angst vor Abschiebung, versuchte mit Schwarzarbeit und Kleinhandel über die Runden zu kommen. Inzwischen hat er wieder Dokumente und eine Niederlassungserlaubnis. Seine Kinder, inzwischen 9 und 14 Jahre alt, sind in Deutschland geboren und deutsche Staatsbürger, sagt der 54-Jährige mit erkennbarem Stolz. „Sie sind hier zu Hause.“

          Doch er will, dass sie auch seine Heimat und die Großeltern kennenlernen. „Wenn alles klappt und ich die entsprechenden Papiere bekomme, kann ich mit ihnen in den Ferien für drei Wochen nach Vietnam reisen“, erzählt er.

          Stundenlange Warterei

          Mittlerweile richten sich immer mehr Blicke auf die Glastür der Ausländerbehörde. Ein Mitarbeiter reicht Formulare herum - und die Warteschlange wächst weiter. Etwa 300 Menschen dürften es sein, die hier stehen.

          Eine Frau aus Westafrika hat sich eine buntgemusterte Decke um die Schultern gehängt, eine fröstelnde Ukrainerin den Schlafsack, in dem sie seit Stunden wartet. Immerhin, sie ist unter den ersten drei Dutzend Menschen in der Warteschlange.

          „Wenn ich jetzt den entsprechenden Stempel bekomme, kann ich noch mal meine Familie besuchen“, sagt die Frau aus dem ostukrainischen Lugansk, die seit sechs Jahren in Deutschland lebt und derzeit im Einbürgerungsverfahren steckt. Mit einem deutschen Pass traue sie sich aber nicht in ihre Heimat. „In der Region ist so viel Kriminalität - es gibt organisierte Kidnapperbanden.“

          Personalmangel im Amt

          Als der Monitor vor dem Eingang der Ausländerbehörde aufzuleuchten beginnt, kommt Bewegung in die Warteschlange. Von der Seite stoßen Familienangehörige zu denen, die sich schon nachts einen Platz unter den Wartenden reserviert hatten, mit Kleinkindern, Dokumentenmappen und Frühstücksbrot. Ein Behördenmitarbeiter lässt eine erste Zehnergruppe vor, auch Hanna ist unter ihnen: Sobald sich die Glastüren des Amtes öffnen, dürfen sie als erste an die Schalter.

          Ralph Rohr, Sprecher des Frankfurter Ordnungsamtes, kennt den täglichen Andrang der Wartenden, verweist aber auch auf die Arbeitsbelastung der unter Personalmangel leidenden Mitarbeiter. „Man kann sagen, dass wir auf dem Zahnfleisch gehen“, betont er. Die Einarbeitung neuer Mitarbeiter dauere ebenfalls lange: „Das Ausländerrecht ist kompliziert, und ständig gibt es neue Regeln im Ausländergesetz.“

          Der nächtliche Wartefrust sei aber auch in vielen Fällen eigentlich überflüssig, meint Rohr. „Es sieht hier morgens immer relativ dramatisch aus. Aber viele Leute, die sich anstellen, müssten gar nicht hier stehen. Die könnten ihren Antrag auch schriftlich stellen.“

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