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Landwirtschaft in Wiesbaden : Bauern als bedrohte Art

Immer seltener: Die Politik sorgt sich um die landwirtschaftlichen Betriebe. Bild: Marcus Kaufhold

In Wiesbaden sind seit den fünfziger Jahren ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen verlorengegangen. Jetzt will die Stadtpolitik bestehende Betriebe sichern.

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          Die Landeshauptstadt wird wegen ihrer Überschaubarkeit und ihrer Kompaktheit bisweilen auch als großes Dorf bespöttelt. Das ist zumindest insofern richtig, weil Wiesbaden auch eine idyllisch-ländliche Seite hat und die Landwirtschaft dort durchaus eine Rolle spielt. In der Stadtpolitik werden die Landwirte inzwischen als bedrohte Spezies wahrgenommen. Das ist eine Folge der verschärften Konkurrenz um Flächen in einem dicht besiedelten Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Nach Angaben von Umweltdezernent Andreas Kowol (Die Grünen) entspricht die landwirtschaftliche Fläche Wiesbadens mit rund 6.000 Hektar zwar noch der des Forstes mit 5.400 Hektar. Doch seit den fünfziger Jahren seien den Bauern mehr als 3.000 Hektar Äcker und Wiesen verlorengegangen.

          Zahlen rückläufig

          Nach der jüngsten Agrarstrukturerhebung des Landes gab es 2017 in Wiesbaden noch 162 landwirtschaftliche Betriebe. Davon verfügten aber nur elf über eine Agrarfläche von mehr als 100 Hektar, während fast 70 mit weniger als zehn Hektar auskommen mussten. Etwa 1.000 Hektar werden ökologisch bewirtschaftet. Als Viehhalter waren nur 41 Betriebe registriert mit zusammen 1.200 Rindern und 550 Schweinen.

          Vor dem Hintergrund der Überlegungen, eine Biosphärenregion zu etablieren, die den Rheingau-Taunus-Kreis, die Landeshauptstadt und Teile des Main-Taunus-Kreises umfasst, soll die Lage der Bauern näher untersucht werden. Darauf zielt ein Antrag von CDU und Grünen, der die Bauern im Spannungsfeld zwischen den Erwartungen an die Landschaftspflege, dem Wunsch nach der regionalen Erzeugung von Lebensmitteln und der Konkurrenz mit Gewerbe und Wohnen um verfügbare Flächen sieht.

          Mehr Fläche benötigt

          Unstrittig ist in Wiesbaden, dass die Stadt mehr Fläche benötigt, sowohl für neue Baugebiete als auch für Gewerbeflächen. Auch für den neuen Stadtteil Ostfeld, in dem in einigen Jahren rund 10.000 Menschen leben sollen, werden bislang landwirtschaftlich genutzte Flächen in Anspruch genommen.

          Der Fraktionschef von Linken und Piraten, Hartmut Bohrer, nannte in einer Debatte im Stadtparlament darüber hinaus die Erweiterung des Gewerbegebiets Petersweg-Ost, das für den Kasteler Ortslandwirt den Verlust von 60 Hektar Ackerfläche mit sich bringe. Die Landwirte bangen aber nicht nur um ihre Flächen. Es gibt auch Unsicherheit darüber, welche Beschränkungen eine Biosphärenregion mit sich bringt. CDU und Grüne wollen es daher genauer wissen. Der Magistrat soll die Situation der Landwirtschaft evaluieren und über Flächenstruktur und -nutzung, Zahl der Betriebe, ihre Wirtschaftsweise, Produkte und Vermarktungswege informieren. Am Ende wird ein Bericht stehen, der bei einem öffentlichen Symposion erörtert werden soll. Daraus wird dann ein Leitbild für die Landwirtschaft in Wiesbaden entwickelt.

          Ob ein solches Leitbild notwendig ist oder lediglich „den ersten Schritt zu ideologischen Vorschriften“ bedeutet, wie die AfD es bewertet, blieb in der Stadtverordnetenversammlung umstritten. Gabriela Schuchalter-Eicke betonte die damit verbundenen Chancen. „Es geht darum, die Landwirtschaft in Wiesbaden einerseits zu erhalten und sie andererseits aber dort zukunftsfähig zu machen, wo Veränderung geboten ist.“

          Sie nannte es alarmierend, dass allein in den Jahren zwischen 1997 und 2009 die landwirtschaftliche Fläche um knapp fünf Prozent zurückgegangen ist. Die Stadt müsse die Bauern bei der ökologisch nachhaltigen Produktion und Vermarktung unterstützen, um ihre dauerhafte wirtschaftliche Existenz und damit auch die Hofnachfolge zu sichern.

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