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Wellness für Nutztiere : Entspannung im Kuhstall

Auf Stroh gebettet: Nur rund 80 Rinder leben auf dem Meilinger Hof in einem sogenannten Zwei-Raum-Stall mit Liege- und Laufflächen. Bild: Cornelia Sick

Landwirt Thomas Kunz hat in Heidenrod einen Sechs-Sterne-Wohlfühlstall gebaut. Dabei wollte er die Viehhaltung im Untertaunus eigentlich schon aufgeben.

          3 Min.

          Der Fremde im Stall beeindruckt die wiederkäuenden Kühe nicht. Ein Rind der Rasse Limousin bedient sich an der Wassertränke, die Angus-Kuh trottet zur Bürste und massiert sich den Rücken. Die übrigen liegen faul auf dem Stroh. Landwirt Thomas Kunz freut sich über die entspannte Ruhe in dem hellen und luftigen Stall. Die Kühe werden in Kleingruppen gehalten, das dämpft die in Herden sonst üblichen Rangkämpfe. Die lösen Stress aus und bergen die Gefahr von Verletzungen. Dass die Kühe Hörner tragen dürfen und nicht schon in ihrer Jugend enthornt wurden, ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass dies kein gewöhnlicher deutscher Hof ist.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Mehr als 600.000 Euro hat Familie Kunz investiert, um den Meilinger Hof um einen Vorzeigestall zu ergänzen. Es ist gewissermaßen ein Generationenprojekt, denn alle drei Söhne von Kunz wollen in der Landwirtschaft bleiben und ihr Auskommen haben. Der neue Stall ist die Domäne von Vincenz Kunz, dem jüngsten der Familie. Sein Vater Thomas hat frühzeitig erkannt, dass langfristiges Überleben ein strategisches Wachstum, stete Innovation und engagierte Direktvermarktung erfordert.

          Ein erfolgreiches Projekt

          Der Meilinger Hof ist heute einer der größten Landwirtschaftsbetriebe in der Region. Seine wichtigsten Geschäftsfelder sind der Ackerbau sowie die Vermarktung von Feldfrüchten und Dienstleistungen für andere Landwirte dank eines großen Maschinen- und Geräteparks. Trotz dieser Schwerpunkte gehörte die Viehhaltung immer dazu.

          Die konventionellen Wege hat Familie Kunz dabei aber schon vor mehr als 20 Jahren verlassen. Die Milchviehhaltung wurde wegen des großen Aufwands und des ständigen Auf und Ab der Preise aufgegeben. Ein veralteter Kuh- wurde in einen Strohstall für Mastschweine verwandelt, deren Fleisch im eigenen Hofladen verkauft wird. Ein Projekt, das im Lauf der Zeit immer erfolgreicher wurde.

          Eine Grundsatzentscheidung

          Dennoch stand die Familie vor drei Jahren vor der Grundsatzentscheidung, wie es mit der Tierhaltung auf dem Hof in Niedermeilingen weitergehen soll. Die Antwort ist ein kombinierter Rinder- und Schweinestall in einer freitragenden Stahlhalle. Ein eher ungewöhnliches Konzept. Denn aus konventionellen wirtschaftlichen Überlegungen wären mindestens 1500 Mastplätze für Schweine und 300 Mastplätze für Rinder nötig gewesen, damit sich die Investition lohnt. Auf dem Meilinger Hof sind es aber nur 300 Plätze für Schweine und 80 für Rinder.

          Freude an den Tieren: Kreislandwirt Thomas Kunz (rechts) mit Sohn Johannes

          Kunz erwartet dennoch eine gute ökonomische Perspektive. Vor allem deshalb, weil er inzwischen 400 bis 500 Schweine im Jahr über den regionalen Handel selbst vermarktet, dazu die Hälfte der eigenen Rinder nach Erreichen der Schlachtreife. Eine Zahl, die noch steigerungsfähig sei, sagt Kunz. Der Meilinger Hof hat inzwischen eine eigene Metzgerei mit angestellten Metzgern und entwickelte Produkte für die Fleischtheke. Dazu werden die Tiere nach der Tötung auf dem Schlachthof Bayer in Niederwallmenach wieder zurück auf den Meilinger Hof gebracht und dort verarbeitet.

          Der Spaß an der Tierhaltung

          Beim Stallbau stand für Kunz das Tierwohl an oberster Stelle. Die hellen Außenklimaställe für Rinder und Schweine können durch versenkbare Jalousien und Netze gezielt belüftet werden. Für die Schweine gibt es eine „Kuschelkiste“, die dem „Aufzuchtkessel“ der Wildschweine nachempfunden ist, sowie täglich frisches Stroh. In Kleingruppen zu je 15 Tieren hat jedes Schwein seinen Fressplatz, Außendusche und Sonnenterrasse inklusive. Schweine sind Herdentiere, die zusammen fressen und zusammen schlafen.

          Für die Rindermast hat sich Kunz für einen sogenannten Zwei-Raum-Stall entschieden, der in eine Liegefläche mit Stroh und eine feste Standfläche an der Futterstelle für das Ablaufen der Klauen unterteilt ist. Nur einen Weidezugang gibt es derzeit noch nicht. Der Stall selbst allerdings stehe im Hinblick auf das Tierwohl für „das Höchstmaß dessen, was möglich ist“, sagt Kunz. In seiner Eigenschaft als Funktionär und Vizepräsident des Hessischen Bauernverbandes tritt er für ein staatliches Tierwohl-Prädikat ein, das dem Verbraucher Sicherheit beim Fleisch- und Wurstkauf signalisiert.

          Dass sich die Tiere in dem luftigen und hellen Stahl wohl fühlen, sieht Kunz durch ihr Wachstum, das glänzende Fell und das ruhige, entspannte Verhalten belegt. Doch nicht nur den Tieren geht es gut. Der neue Stall, sagt Kunz, „hat mir den Spaß an der Tierhaltung zurückgegeben“.

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