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Landschaftsmaler Sohlberg : Im Schatten Munchs

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In seiner Heimat ein Star: In Wiesbaden ist das Werk des Landschaftsmalers Harald Sohlberg zu sehen. Ein Ausblick auf Norwegen, im Herbst Gastland der Frankfurter Buchmesse.

          Ein junger Mann und angehender Maler reist 1895 von seiner norwegischen Heimat aus nach Paris, bleibt merkwürdigerweise aber unbeeindruckt von den Erschütterungen, die die Moderne in der französischen Hauptstadt ausgelöst hat. Nur wenig später macht ein Studienjahr an der Kunstschule in Weimar offenbar stärkeren Eindruck auf ihn. Wie Arnold Böcklin, der dort Ehrenmitglied ist und zu den Wegbereitern des Symbolismus zählt, malt Harald Sohlberg in altmeisterlicher Technik Landschaften, die nicht in erster Linie Landschaften sind, sondern in Öl auf Leinwand gemalte Seelenzustände.

          Der in Weimar kaum weniger präsente Caspar David Friedrich kann seinen Einfluss auf Sohlbergs Kunst ebenfalls nicht verhehlen: Einsam und klein sieht sich der Mensch, wenn er denn überhaupt auftaucht, einer großen, quasi göttlichen Natur gegenüber. Dafür wird Sohlberg, der 1869 in Kristiania, dem heutigen Oslo, als Sohn eines Pelzhändlers zur Welt gekommene Bruder von elf Geschwistern, bald sogar international gefeiert. Trotzdem hat er Pech. Er ist Landsmann, Zeitgenosse und im Übrigen auch ein guter Bekannter Edward Munchs. Weshalb die Kunstgeschichtsschreibung ihn in den Kernschatten des ungleich berühmteren Kollegen gestellt hat.

          Das Landschaftsbild aufleben

          Dass das seinen Grund hat, obwohl Sohlberg es nicht unbedingt verdient, führt nun eine Ausstellung im Museum Wiesbaden vor Augen. Mit knapp 60 Gemälden und einigen Zeichnungen aus der Zeit zwischen 1898 und 1932 vereint die Retrospektive den größten Werkteil eines langsamen Arbeiters, der 1935 im Alter von 66 Jahren starb. Dass er auch ohne die Auseinandersetzung mit Neo-Impressionismus, Fauvismus und anderen zu seiner Zeit in Paris angesagten Strömungen einen ganz eigenen Zugang zur Moderne fand, ist die These des Kurators Roman Zieglgänsberger.

          Diesem Gedanken zu folgen fällt zunächst schwer. Denn ganz unzeitgemäß lässt Sohlberg, der fast 100 Jahre nach Friedrich und mehr als 40 Jahre nach Böcklin geboren wurde, das dunkelromantische Landschaftsbild wiederaufleben. Er schafft blauschwarze Meerwelten, vom unwirklichen nordischen Zwielicht beschienene Bergketten, Ansichten verwitterter Städte sowie melancholisch angehauchte Wälder und Auen.

          Oft kühne Perspektive

          Um diese Stimmungsdichte auf die Leinwand zu bringen, setzt er sich der Landschaft regelrecht aus, kehrt immer wieder an dieselben Orte zurück und begegnet selbst hohen zweistelligen Minusgraden mit Verachtung. Von seinem beliebtesten Motiv, „Winternacht in Rondane“, schuf er innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten zahlreiche Versionen: gigantische, von Schnee überzogene Berge, die sich wie Eisberge aus einer meerblauen Landschaft gen Himmel erheben. Licht- und Farbwirkung sowie die Klarheit der Gipfelkonturen des zentralen, im Jahr 1914 entstandenen Werks erinnern an Sohlbergs Schweizer Zeitgenossen Ferdinand Hodler. Die Gemälde geben ihren Entstehungsort klar zu erkennen und weisen zugleich über das Abbild hinaus: schwindendes Licht, sich im Dunkel des Waldes verlierende Wege, Kirchtürme, Masten, Bäume und Gatter, die Himmel und Erde jeweils symbolträchtig verklammern, erzählen vom Werden und Vergehen des Lebens und weisen in geistige ebenso wie seelische Sphären.

          Im Gegensatz zu Caspar David Friedrich, der seine Bilder stets klar in Vorder-, Mittel- und Hintergrund staffelte, bevorzugt Sohlberg eine oft kühne Perspektive, um räumliche Wirkung herzustellen. In ihren Dienst stellt er unnatürlich streng diagonal angeordnete Wölkchen am Fast-Nachthimmel oder Schiffe in Form von weißen Pünktchen im dunklen Meer. Wie von Kinderhand in den nördlichen Nachthimmel gemalt wirkt auch der Große Wagen, bei dem die Abstände der Sterne nicht stimmen und dem in der Deichsel ein paar Gestirne fehlen. Sohlbergs Abneigung gegen das Nichtnatürliche in der Kunst seiner französischen Kollegen ließe sich leicht mit dem Klischee des Nordländers erklären, der, weil er die Sonne selten sieht, melancholische Bilder malt.

          Vorgeschmack auf Frankfurter Buchmesse

          Mit Pinselschwüngen wie van Gogh verleiht er gleichzeitig manchem Baum Gestalt. Auf vertikale Linienreihen reduzierte Baumstämme, die rechtwinklig einen Horizont kreuzen, der wie mit dem Lineal gezogen scheint, wirken geradezu konstruktiv. Linienformationen abgestorbener Baumkronen wiederum lassen an den Japonismus der Expressionisten denken, während sich ein wie Auslegeware in die Landschaft gerollter Teppich aus minutiös ausgeführten Gänseblümchen in abstrahierendem Nebel verliert. So wird in der Ausstellung tatsächlich deutlich, dass auch die pure Schönheit von Sohlbergs Malerei nicht gänzlich unaufgeschlossen geblieben ist für die Moderne und deren Macht selbst hinterste nördliche Winkel erfasst hat.

          Die Schau, die nach Oslo und London in Wiesbaden Station macht, gibt nicht nur einen Vorgeschmack auf das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse. Nahtlos knüpfen die symbolistischen Ausprägungen von Sohlbergs Bildsprache auch an die im Wiesbadener Museum soeben eröffnete Jugendstilsammlung an, zu der nicht zuletzt Franz von Stucks für die Stilrichtung paradigmatische „Sünde“ sowie darüber hinaus sogar einige Objekte norwegischen Ursprungs gehören. Nicht zuletzt war Sohlberg, der norwegische Unbekannte, ein Zeitgenosse des Wiesbadener Säulenheiligen Alexej Jawlensky.

          Wie so oft in Wiesbaden gehört zu den Verdiensten der Ausstellung eine wissenschaftliche Leistung: Mit dem Katalog ist die erste deutschsprachige Monographie zu Harald Sohlberg erschienen. Vielleicht legt sie ja den Grundstein für ein noch fehlendes Werkverzeichnis.

          Die Ausstellung im Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2, ist bis zum 27. Oktober zu sehen. Sie ist dienstags und donnerstags von 10 bis 20 Uhr, mittwochs und freitags von 10 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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