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Oktoberfest in Frankfurt : Landlust trifft Ballermann

Kariert, hochgeschnürt und rüschenumrahmt: Oktoberfest-Gäste in Frankfurt, gesehen 2012 Bild: Frank Röth

Die Oktoberfestzeit naht - und Frankfurt übt sich im „Veranstalten von Bayern“.

          3 Min.

          Die Frage, ob Frankfurt zu Nord- oder zu Süddeutschland gehört, scheint dieser Tage leicht zu beantworten zu sein. Schließlich hat längst die fünfte Jahreszeit begonnen. Die ist zwar gemeinhin das Synonym der Fastnacht, doch bis jene Zeit beginnt, will mancher nicht warten. Zwar haben schon im Hochsommer einige den Christopher-Street-Day als Anlass zum Verkleiden genutzt, und demnächst gibt es wieder Kostüme für Gruselpartys zu Halloween. Doch Trends kommen nicht nur aus Amerika. Manchmal kommen sie sogar aus Bayern - wenn sie denn Oktoberfest heißen.

          Patricia Andreae
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zwar gibt es Leberkäs’ und Weißwürste in hiesigen Supermärkten das ganze Jahr, doch sind derzeit allerorten auch weiß-blaue Rautenmuster zu entdecken. Und statt Spekulatius füllen Riesen-Brez’n und Sets zur Gestaltung von Lebkuchenherzen mit „Schatzi“-Aufschrift die Körbe. Trachten sind da essentieller Teil des Megatrends, wie die Lederhose beim Discounter zeigt. Und selbst im Secondhandladen von Oxfam war neulich alles mit Dirndln und Jankern dekoriert.

          Wiesn-Kopie seit sieben Jahren

          Nicht nur manche Betriebskantine lehnt sich an die Münchner Traditionsveranstaltung an, auch einige große Hotels, der Flughafen und fast jede Möbelhauskantine nutzen sie für weiß-blaue Mottowochen. Eine Wiesn-Kopie inszeniert der Frankfurter Festwirt Eddy Hausmann schon seit sieben Jahren in seinem Oktoberfest-Zelt - zuerst am Osthafen, inzwischen steht es am Waldstadion. Die gastronomische Mischung aus Münchner Importen und Hessischem auf dem Teller und im Glas kommt beim Publikum an. Allabendlich pilgern von den Haltestellen am Stadion in Dirndl und Lederhose kostümierte Büromenschen zum Frankfurter Oktoberfest. Dass das Zelt auf einem Parkplatz und damit fernab aller Nachbarschaftsklagen steht, wird ebenso als Vorteil gesehen wie die Tatsache, dass dort nach Herzenslust gequalmt werden darf.

          Und natürlich getrunken! Da ist es nicht verwunderlich, dass die Binding-Brauerei das Frankfurter Oktoberfest unterstützt und eigens ein Frankfurter Festbier dafür braut. Binding-Vorstand Otto Völker macht den Bayern das Urheberrecht nicht streitig, meint aber: „Das Oktoberfest ist ebenso bayerisch-deutsch wie völkerverbindend.“ Gefeiert werde es schließlich nicht nur in München, sondern an fast 3000 Orten der Welt. Das Frankfurter Oktoberfest hält er für einen großen Erfolg. Und Völker lobt, dass das Fest durch eine private Initiative mit unternehmerischem Risiko entstanden ist. Inzwischen locke es jedes Jahr rund 60 000 Fans an. In Zeiten, in denen der Bierkonsum eher schwächelt, sind Gelegenheiten, zu denen Gerstensaft gleich literweise genossen wird, den Brauereien hochwillkommen.

          Hochgeschnürt und rüschenumrahmt

          Überhaupt scheint für viele die Welt einmal so richtig in Ordnung zu sein, wenn die Damen das Holz vor der Hüttn stilecht hochgeschnürt und rüschenumrahmt präsentieren und die Herren sich auf die krachledern umhüllten Schenkel klopfen können. Da trifft die in Hochglanzmagazinen propagierte Landlust auf die in Skihütten und Strandbars beliebte musikalische Mixtur. Aus Lautsprechern und vielen Kehlen dröhnen die Hits einer eigenen Top-Liste, auf der das Holzmichel-Lied ebenso steht wie „Schickeria“, „Ti Amo“, „Macarena“, „99 Luftballons“, „Marmor, Stein und Eisen bricht“, „Que Sera, Sera“ und „I Will Survive“. Zu hören ist sozusagen ein großer internationaler Musikantenstadl.

          Während manche in der wachsenden Begeisterung für diese Art von Volksfest ein Zeichen von Deutschtümelei vermuten, sieht der Frankfurter Soziologe Tilman Allert das ganz entspannt. Für ihn ist die Oktoberfest-Begeisterung „eher ein Erwachsenen-Klamauk mit dem Reiz des Kostümwechsels“. Bei den jungen Leuten heiße das „Cosplay“ - das Nachspielen von Manga-Comics im Kostüm. Zum Oktoberfest finde sich bestenfalls selbstironisch das moderne Selbst im Dirndl und Lederhose ein, nicht mehr.

          Bayern gelte wegen seiner Historie als Region des Eigensinns und kultivierten Barocks, im Kern katholisch und von daher sinnenfroh, sagt Allert. „Dazu gehört die Tracht, die ja nicht Mode ist, sondern Eigensinn-Demonstration, ein Idealtypus, dem die Menschen in vielen Regionen etwas abgewinnen können.“ Modern werde das Ganze durch die Idee der Kopie, durch das „Veranstalten von Bayern“.

          Wenn also der Bayer sagt: „Mia san mia“, dann denkt sich wohl manch ein Frankfurter: „Des kenne mer ach“. Darum heißt es auch in Frankfurt von morgen an „O’zapft is“. Wer richtiges Wiesn-Feeling mit Riesenrad und Schießbuden will, der kann übrigens bis zum Sonntag vor dem Festzelt-Besuch noch einen Abstecher machen - auf die „Dippemess’“ am Ostpark.

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