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Landgräfliche Stiftung : Sportpädagogik statt gottesfürchtiges Werken

Die Landgräfliche Stiftung besteht seit 300 Jahren. Bild: Lucas Bäuml

Seit 300 Jahren widmet sich die Landgräfliche Stiftung in Bad Homburg der Hilfe für Kinder. Das Waisenhaus besteht noch immer, doch die Arbeit hat sich gewandelt. Geboten wird ein Zuhause auf Zeit.

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          Der Rote Platz ist schon fertig. Für Militärparaden ist er gänzlich ungeeignet, dafür lässt er sich dank der Markierungen sowohl für ein Basketballspiel als auch für ein Tennismatch nutzen. Woher er seinen Namen hat, darüber muss man bei dem roten Hartbodenplatz nicht lange rätseln. Nebenan trocknen die Fundamente der beiden Gestelle, zwischen denen später eine Seilbahn gespannt wird. Sie ist so stabil konstruiert, dass sich auch Erwachsene vom Podest abstoßen und am Seil entlanggleiten können. Als Nächstes ist der Fußballplatz dran. „Bisher wollte keiner ins Tor“, sagt Dagmar Heidel, Leiterin des Kinder- und Jugendheims. Warum, zeigt ein Blick auf die Pfütze vor den Pfosten. Mit dem neuen Kunstrasenplatz, der das bisherige, leicht abfallende Holperfeld ersetzen wird, hat auch dies bald ein Ende.

          Bernhard Biener
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          In diesen Wochen wird kräftig gebaut im Garten des Hauses am Bommersheimer Weg, in dem seit 1968 die Landgräfliche Stiftung von 1721 untergebracht ist. Der Schriftzug mit der Krone wirkt zwar vornehm-gediegen, und mit 300 Jahren ist sie eine der ältesten Stiftungen in Deutschland, die ohne Unterbrechung ein Waisenhaus betreibt. Aber altehrwürdig ist nur die Geschichte.

          Die Arbeit mit den 30 Kindern und Jugendlichen orientiert sich an modernen pädagogischen Grundsätzen. „Wir bieten ihnen ein Zuhause auf Zeit“, sagt Heidel, die seit 1988 in der Stiftung arbeitet und voriges Jahr die Leitung des Hauses übernommen hat. Die Jugendlichen leben in drei Wohngruppen, die alters- und geschlechtsgemischt sind und familienähnlichen Charakter haben. Auch räumlich bilden die drei Gruppen jeweils einen abgeschlossenen Haushalt.

          Waisen sind die Ausnahme

          Das habe sich in der Pandemie als Vorteil erwiesen, berichtet die Leiterin. In einer Gruppe seien drei Kinder positiv auf Corona getestet worden, aber keines erkrankt. Bei aller Tradition sprechen Heidel und die Bewohner des Gebäudes nicht vom Waisenhaus, sondern sagen einfach nur „die Stiftung“. Tatsächlich sind Waisenkinder längst die Ausnahme.

          „Fast alle Kinder haben Eltern“, erklärt die Leiterin. Doch diese sind teils überfordert, teils erleben die Kinder Benachteiligungen oder gar Gewalt, sodass sie aus ihrer Familie genommen werden mussten. In dem Haus leben auch fünf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

          Wie in einem richtigen Zuhause gehen die Kinder morgens in die umliegenden Schulen, von der Grund- über die Gesamtschule bis zum Gymnasium. Sie besuchen auch Sportvereine und die Kinderkunstschule.

          Wenn die Jugendlichen 18 Jahre alt werden und in der Stiftung bleiben wollen, müssen sie beim Jugendamt einen Antrag stellen. „Wir lassen sie mit der neuen Situation nicht allein“, sagt Heidel. Einige werden nur zwei Jahre im Zuge einer Krisenintervention betreut.

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          Andere verbringen ihre ganze Jugend in der Stiftung, von der Einschulung bis zur Ausbildung. Wenn sie ausziehen, wird im Garten die Glocke geläutet, die vom Waisenhausplatz mit an den heutigen Standort am Stadtrand umgezogen ist. Es sei ein festes Abschiedsritual, sagt Heidel. „Ein Schlag für jedes Jahr in der Stiftung.“

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